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Fußball

Wie einst mit Pelé

Bei der WM wird Fußballgeschichte geschrieben. So waren die Halbfinals

Foto: REUTERS/Amanda Perobelli
Das kann einen fertigmachen: Argentinien hat es wieder getan

Solche Serien sind selten: Nach 1970 in ­Mexiko und 1990 in Italien war es erst das dritte Mal, dass es vier frühere Weltmeister in die Semifinals einer Fußball-WM geschafft hatten, darunter der wie schon 1990 amtierende Titelverteidiger Argentinien. Damals war Maradona der Boss der Silberländer, heute ist es Messi. Maradona spielte 1990 das gesamte WM-Turnier mit gebrochenem großen Onkel. Die Trainingsfotos sind legendär, die Ecke des großen Zehs war in den Lederbotten des argentinischen Kapitäns herausgeschnitten. Das reichte dennoch für den wahnwitzigsten Steckpass der Fußballgeschichte, den zu Claudio Caniggia, dem »Sohn des Windes«, im Achtelfinale gegen Brasilien, neun Minuten vor Schluss. Der Triumph gegen den Erzrivalen wurde in Argentinien noch brachialer gefeiert als der Titel in Mexiko vier Jahre zuvor. Wer den Fußball als Ganzes verstehen möchte, kann das nur, wenn er Südamerika versteht. Fußball wird nie europäisch sein. Höchstens nachgespielt, kopiert.

Dennoch standen drei europäische Teams in den Halbfinals. Im ersten zähmte am Mittwoch Europameister Spanien die französische Bestie, den Vizeweltmeister. Es war ein Klassenunterschied, der kaum überraschte. Es war ein Geburtstagsgeschenk für Lamine Yamal (19). Frankreich begann unpräzise, nervös. Nach 20 Minuten gab es Elfmeter für Spanien. Ein Stümper-Kreisklassen-Foul, fast eine Kopie von dem von Luka Modrić gegen England. Der Baske Mikel Oyarzabal bedankte sich. Für die Bleues war es nach 562 Minuten der erste Rückstand bei einer WM-Endrunde. Damit kamen sie nicht klar. Beide Tormänner glänzten durch Arbeitslosigkeit. Nach einer Stunde gelang Pedro Porro nach einem superben Doppelpass mit Dani Olmo das 2:0 für Spanien – wie aus dem Futsal-Handbuch. Kurz darauf wurde Yamal ein Traumtor wegen Abseits zu Recht aberkannt. Frankreich war komplett groggy. Dass die Franzosen nie wieder aufstanden, lag am spanischen Kollektiv, bei dem alle Räder ineinandergriffen. Geölt wie nie. Schön war es nicht unbedingt, aber effektiv. Die Franzosen sind gegen den spanischen Fußball machtlos, man sah es zuletzt im Halbfinale der Eurocopa und im Olympiafinale. Ihr letzter Titel war der ­Nations-League-Sieg in Italien 2021. Lange her. Die Spanier meldeten den französischen Spitzensturm (Mbappé, Dembélé, Olise) komplett ab. Einmal mehr erwies sich, dass die Franzosen zu offensiv aufgestellt waren. Wenn man etwas dagegen stellt, knicken sie ein.

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Am Donnerstag dann traf in Atlanta Weltmeister Argentinien auf Thomas Tuchels Engländer. Die einen sagten: »Oje, da litten wir gegen die Ägypter«, die anderen: »Besser kommt man nicht zurück.« ­Atlanta hat ein argentinisches Herz, seit »Tata« ­Martino 2018 das örtliche Major-League-Soccer-Team zum Meister machte. Das ist nur die halbe Wahrheit, ich habe keinen Platz. Ergreifender als vor diesem Match wurde die Nationalhymne der Gauchos nur zum Auftakt der Rugby-WM in Frankreich 2007 gegen die Gastgeber intoniert (gucken Sie es sich bitte im Netz an, auch Sie werden heulen). Anstoß Messi. 22 Kicker mit den Macheten zwischen den Zähnen. Das ist Fußball! Nach zehn Sekunden wusste jeder Depp, dass er etwas ­Historischem beiwohnte. Giuliano Simeone war eine Planierraupe. Der Sohn von »El Cholo« (Trainer von Atlético Madrid) sagte den Engländern »Bis hierher und nicht weiter« und steckte alle an! In Katar war Argentinien der Jäger, in Nordamerika bis dato der Gejagte. Deshalb konnte Argentinien nicht mehr den Hurrafußball kicken wie vor vier Jahren. Aber gegen England war er zurück. Die ganze Welt hat es gesehen. All die Messi-Hater und Argentinien-Basher. All die Dummbatzen. Niemand bevorzugt Argentinien, das ist ein großer Unsinn. Niemand kommt so konstant in die Strafräume der Gegner, so entstehen auch Elfmeter. Argentinien schreibt gerade Fußballgeschichte. Wir sind dabei. Wie die, die die drei WM-Titel von Pelé erleben durften.

Den Führungstreffer von Anthony Gordon für England (55. Minute) habe ich nicht gesehen. Wir hatten Stromausfall in den Subtropen. Danach stellte Tuchel um und Jude Bellingham vor die Abwehr, 6-3-1, 5-4-1, so was. Angsthasenfußball, während die Argentinier nun Platz hatten. Wie schon das ganze Turnier über drehten sie in Rückstand erst richtig auf. Sie sind die Titelverteidiger. Die Welt will sie auf den Knien sehen. Das wird noch ein bisschen dauern. Es ist unmöglich, dass Argentinien das Finale am Sonntag verliert. Die Ära von Trainer Lionel Scaloni wird als die der besten Nationalmannschaft aller Zeiten in die Geschichte eingehen, besser als Brasilien 1970 mit seinen fünf Zehnern. Genießen Sie es!

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Erschienen in der Ausgabe vom 17.07.2026, Seite 16, Sport

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