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Chemiebranche kriselt weiter
Lobbyverband zieht ernüchternde Halbjahresbilanz
Es brodelt in den Pressestellen von allerlei Behörden, Konzernen und Branchenverbänden: Die Halbjahresbilanzen sind fällig. So auch beim Verband der chemischen Industrie (VCI), der die seine am Donnerstag präsentierte und dabei feststellte: Der Branche geht es schlecht. Insbesondere bei den Investitionen beklagt die Chemielobby enorme Rückstände und macht dafür die schlechten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen verantwortlich.
Zwar habe sich die Branche in der ersten Hälfte des laufenden Jahres etwas besser entwickelt als in der zweiten Jahreshälfte 2025, doch sei das »kein Grund zur Entwarnung«, sagte VCI-Präsident Markus Steilemann. Denn für die vorsichtig positiven Geschäftszahlen seien vor allem Sondereffekte verantwortlich: Abnehmer hätten ihre Lager wegen des Iran-Kriegs vorsorglich aufgefüllt, um Engpässen vorzubeugen. Zugleich habe die Sperrung der Straße von Hormus bewirkt, dass asiatische Konkurrenzangebote für hiesige Chemiekunden vorübergehend weniger attraktiv geworden seien.
Dementsprechend sei vor allem beim Inlandsgeschäft mit einem Umsatzplus von zwei Prozent im Vergleich zum Vorjahr eine Stabilisierung zu verzeichnen, während die Exporte weiterhin schwach blieben und die Umsätze hier um 2,5 Prozent zurückgingen. Ansonsten steht in den Statistiken des VCI eigentlich nur vor den Erzeugerpreisen ein Plus; diese stiegen um zwei Prozent. Die Produktion sank indessen um drei, die Beschäftigtenzahlen gingen um ein Prozent zurück. »Die Halbjahresbilanz ist enttäuschend«, so Steilemann zusammenfassend.
Vor allem gibt es aus Sicht des VCI deutlich zu wenige Investitionen. Laut Studien sei die BRD sogar das internationale Schlusslicht, die produktiven Nettoinvestitionen beliefen sich nur auf 0,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (USA: vier Prozent, China: 23 Prozent). Unternehmen würden Investitionen derzeit überwiegend im Ausland planen, Ursache dafür seien die Standortbedingungen. So monierte die Chemie- und Pharmalobbyorganisation mangelhafte Infrastruktur und »sprunghafte« Wirtschaftspolitik. Die Vorstöße zur weitgehenden Deregulierung, die die Regierung unter dem Schlagwort »Bürokratieabbau« vorantreibt, wurden begrüßt; Steilemann sprach vom »Sprengen der regulatorischen Ketten des Standorts«. Allerdings hat man wohl Sorge, selbst zum Opfer der staatlichen Kürzungsorgien zu werden, beispielsweise durch ein etwaiges Wegfallen des Industriestrompreises, was man entschieden ablehnt.
Auch mit der Gestaltung des EU-CO2-Zertifikatehandels ist der VCI unzufrieden. Hier wurde insbesondere moniert, dass Konzerne zwar klimafreundlich arbeiten sollten, der »grüne« Strom dafür jedoch zu teuer sei. Am Freitag will die EU Vorschläge zu einer Reform des sogenannten ETS-Instruments vorstellen.
Kapitale Kritik hatten die Kapitalvertreter auch an den Plänen zur Reform des Gesundheitssystems. Auf jW-Nachfrage beklagte der VCI vornehmlich das angedachte Herstellerrabattsystem. Zunächst war vorgesehen, dass Hersteller patentierter Medikamente den Krankenkassen einen variablen Rabatt gewähren sollen, je nach Finanzlage der Kassen. Schlussendlich konnte sich die Pharmalobby hier aber gegen dieses Risiko für ihre Profitmarge durchsetzen und einen festen Satz von 15 Prozent erstreiten – aus Sicht des VCI noch immer »eine mittlere Katastrophe«.
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