Notbetrieb in Leuna
Von Luca von Ludwig
Neues Jahr, neue schlechte Nachrichten für die Arbeiter der ostdeutschen Chemieindustrie: Nachdem die Branche im vergangenen Jahr die schlechteste Auslastung seit 30 Jahren vermeldet hatte, kam zum Jahresende aus den Leunawerken bei Halle (Saale) die Konkursmeldung von drei Tochterfirmen des belgischen Konzerns Domo Chemicals. Am Donnerstag abend wurde bekannt, dass die Suche nach kurzfristigen Investitionen erfolglos war; die zugehörigen Anlagen in Sachsen-Anhalt und Brandenburg gehen in den Notbetrieb.
Bei den betroffenen Betrieben geht es um die Domo Caproleuna GmbH und die Domo Chemicals GmbH am Standort Leuna mit zusammen etwa 480 sowie die Domo Engineering Plastics GmbH in Premnitz in Brandenburg mit gut 70 Beschäftigten. Noch im Dezember hatte der Insolvenzverwalter Lucas Flöther erklärt, das Tagesgeschäft und die Belieferung der Kunden würden ohne Unterbrechung weiterlaufen. Das ist mit der Ankündigung vom Donnerstag erledigt. »Der Kontostand der insolventen Gesellschaften liegt bei annähernd Null, und die Aussicht auf eine dringend benötigte Zwischenfinanzierung hat sich heute zerschlagen«, so Flöther in einer Pressemitteilung. Bei den jüngsten Bemühungen zur Rettung des Betriebes ging es demnach um ein sogenanntes Massedarlehen, das den Betrieb für die nächste Zukunft hätte absichern sollen. Ein solches braucht jedoch die Zustimmung aller beteiligten Gläubiger, dies wurde nicht erreicht.
Unklar ist allerdings, wieviel nach dem »Notbetrieb« von den Anlagen überhaupt noch zu retten sein wird. Chemische Fertigungsanlagen sind keine Heimcomputer, die schadlos an- und ausgeschaltet werden können. In Leuna wird unter anderem Kunststoff in Form von Nylon hergestellt. Ohne genaue Kenntnis der spezifischen Herstellungsabäufe kann man zwar keine konkrete Einschätzung zu möglichen Schäden abgeben, wohl aber ein paar allgemeine Probleme anführen: Wie bei allen aushärtenden Materialien darf man zum Beispiel davon ausgehen, dass ein Produktionsstillstand das Risiko birgt, dass die Stoffe fest werden und damit Kessel, Schläuche, Ventile und Düsen unbrauchbar machen. Auch das Auskühlen von etwaigen Hochtemperaturmaschinen könnte gravierende Folgen nach sich ziehen, denn diese laufen in der Industrie oft jahrzehntelang und können bei Stillstand Risse entwickeln.
So sagt auch Insolvenzverwalter Flöther: »Wir unterstützen die Geschäftsführung dabei, die Anlagen sicher herunterzufahren. Ob sie sich dann ohne Schäden irgendwann wieder anfahren und weiter nutzen lassen, ist die große Frage.« Für Standort und Gläubiger könnte dies »eine Katastrophe« bedeuten.
Katastrophal, bei der Insolvenzrettung aber wie eh und je zweitrangig, ist der Stillstand auch für die Arbeiter in der Region. Leuna ist der größte zusammenhängende Chemiepark der BRD, zu DDR-Zeiten hatte der Standort mehr als 30.000 Beschäftigte. Heute sind diverse Unternehmen am Standort aktiv, und die meisten Stellen sind abgebaut worden, doch noch immer hängen viele Existenzen an der Chemieindustrie.
»Zu viele Anlagen und Werke wurden schon geschlossen. Das darf und das kann so nicht weitergehen«, sagte die Gewerkschafterin Stephanie Albrecht-Suliak von der IG BCE Nordost am Freitag. Man werde nicht akzeptieren, dass »industrielle Kernkompetenzen und damit das Rückgrat der Industrie und des sozialen Zusammenhalts hier im Chemiecluster Mitteldeutschland« aufgegeben werden. Sie forderte die Fortsetzung von Gesprächen und die Suche nach Lösungen.
Das Landeswirtschaftsministerium von Sachsen-Anhalt bezeichnete die Situation in Leuna auf jW-Anfrage als »dramatisch«. Der zuständige Landesminister Sven Schulze (CDU) arbeite zusammen mit den Insolvenzverwaltern an einer Lösung, doch wegen »der extremen Komplexität der Situation« hätten bisher keine Ergebnisse erzielt werden können. Das Land werde »alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen, um Schaden abzuwenden und Arbeitsplätze sowie wirtschaftliche Werte zu erhalten«. Ob derartig unkonkrete Aussagen aber mehr als heiße Luft sind, muss sich zeigen.
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