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Drogentote in Deutschland

Ist der problematische Konsum eine Klassenfrage?

Die Regierungen tun regelmäßig so, als würde die katastrophale Zahl von Drogentoten aus heiterem Himmel kommen, sagt Heino Stöver

Foto: IMAGO/brennweiteffm
Auf sich allein gestellt: Mutmaßliche Drogenkonsumenten unweit des Hauptbahnhofs von Frankfurt am Main (11.12.2024)

Nach Zahlen der Bundesregierung sind 2025 in Deutschland 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums gestorben. Warum versterben häufig auch junge Menschen unter 30 Jahren daran?

Etwa die Hälfte der Drogentoten wird durch Rechtsmediziner obduziert. Die Haupttodesursache liegt im Mischkonsum. Menschen steigen oftmals in den Drogenkonsum ein, weil der Rausch als sensationell empfunden wird, und rutschen dann in eine Abhängigkeit von Kokain/Crack, Opiaten etc. Lediglich für die Opioidabhängigkeit – also Heroin, Morphin – gibt es eine pharmakologische Antwort. Die wirkt aber bei anderen Drogen nicht.

Menschen vorangegangener Generationen wollten mit Drogen oft autoritären Elternhäusern, etwa mit Nazivergangenheit, entfliehen. Was ist heute die Ursache?

Heutzutage ist der Drogenkonsum Ausdruck der Verarmung. Vor allem junge Menschen aus bildungsfernen Schichten rutschen in Arbeitslosigkeit, Wohnungslosigkeit und Hoffnungslosigkeit ab. Bewegt man sich dann in einer Gruppierung, die zu riskantem Drogenkonsum neigt, kann man leicht in eine Abhängigkeit abrutschen. Spätestens nach einer Woche des Heroinrauchens oder -injizierens stellen sich Entzugserscheinungen ein. Auch Crack macht schnell abhängig, dann ruhelos und teils aggressiv. Menschen aus gut situierten Kreisen werden nicht so schnell auffällig, können es eher verheimlichen. Kokain ist als Partydroge verbreitet.

Ist es also eine Klassenfrage?

Klar haben wohlhabende Menschen mehr Ressourcen, um nicht sozial weiter abzurutschen. Etwa weil Wohnraum vorhanden ist, eine Therapie finanziert werden kann. Wer stehlen oder der Sexarbeit nachgehen muss, um die Droge zu finanzieren, kann meist keine Wohnungssuche mehr durchführen: Man schläft mal hier, mal da; später dann in Notunterkünften. So entsteht zwangsläufig Nähe zu Menschen, die Drogen konsumieren.

Drogen werden zum Teil auch mit sehr gefährlichen Stoffen gestreckt, etwa mit dem Tierberuhigungsmittel Xylazin.

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Das sind Extremfälle. Gemeinhin sind Dealer interessiert, ihre Kunden fit zu halten, um weiter an ihnen verdienen zu können. Streckvorgänge, etwa mit Schmerzmitteln, Traubenzucker, Koffein oder ähnlichem, nehmen sie aus ökonomischen Gründen vor. Laut BKA gibt es im Gegensatz zu anderen Drogen zwar sauberes Kokain auf dem Markt, doch selbst Cannabis wurde schon mit Blei gestreckt. In Frankfurt am Main lag der Reinheitsgrad von Heroin im Schnitt bei nur etwa 20 Prozent.

Die Stadt war als in der Drogenpolitik fortschrittlich bekannt. Ist sie das noch?

Frankfurt hat schadensminimierende Projekte geschaffen: vier Drogenkonsumräume in der Stadt, Substitutionsprogramme, kontrollierte Heroinvergabe und vieles mehr. Die Stadt, die ein Drogenhotspot ist, konnte so das Sterben in den letzten Jahren minimieren; mit im Höchstfall etwa bis zu 30 Drogentoten pro Jahr, 2025 waren es 22. Allerdings ist die Sichtbarkeit des Problems, konzentriert im Bahnhofsviertel, weiterhin groß.

Hat die Bundesregierung den Missstand nur festgestellt oder handelt sie?

Das ist die zentrale Frage. Jedes Jahr dasselbe: Mantra­mäßig wird beklagt und betrauert, dass wir viele Drogentote haben. So wie es aktuell der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Hendrik Streeck, macht. Man tut aber so, als würde diese ganze Katastrophe vom Himmel fallen. Die Bundesregierung beschließt nichts Konkretes. Sie betont, es sei Sache der Länder und Kommunen. Sie könnte aber zum Beispiel den Besitz von Drogen in kleinen Mengen zum Eigenbedarf entkriminalisieren, damit Drogenkonsumenten nicht ins Gefängnis müssen, weil sie straffällig werden.

Das Robert-Koch-Institut hat eine Studie herausgegeben, die sich mit unseren Erkenntnissen deckt: Konsumenten verbringen im Schnitt etwa bis zu fünf Jahre im Gefängnis. Das muss sich ändern. Es gilt, sie zumindest vor strafrechtlicher Verfolgung zu schützen.

Werden sie denn gehört?

Nein, deshalb haben wir uns als Verbände zusammengeschlossen, um unsere Expertise in die gesundheitspolitische Debatte einzubringen.

Was fordern Sie?

Fünf Maßnahmen können die Zahl drogenbedingter Todesfälle nachweislich reduzieren: Erstens müssen kommunale Frühwarnsysteme gestärkt und gefährliche Entwicklungen früh erkannt werden, um rechtzeitig reagieren zu können. Zweitens: »Drugchecking« flächendeckend ermöglichen. Nur wer weiß, was die konsumierte Droge enthält, kann Risiken einschätzen und eine tödliche Überdosierung vermeiden. Drittens: Drogenkonsumräume ausbauen. Sie verhindern Infektionen, ermöglichen medizinische Hilfe im Notfall, schaffen sichere Bedingungen und Zugang zu Beratung. Viertens: Das Notfallmedikament Naloxon verfügbar machen, um die Folgen einer Opioidüberdosierung abzuwenden. Fünftens: Substitution ausbauen. Diese verbessert die gesundheitliche Stabilität, reduziert Risiken und eröffnet Perspektiven für ein stabileres Leben.

Heino Stöver ist Sozialwissenschaftler an der Frankfurt University of Applied Sciences und im Vorstand von Akzept, dem Bundesverband für akzeptierende Drogenarbeit und humane Drogenpolitik

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Erschienen in der Ausgabe vom 16.07.2026, Seite 2, Inland

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