Nackt in Venedig
Die Kunstbiennale zwischen Protest, Party und Pornopavillons
Traditionell finden in der Woche vor der offiziellen Eröffnung der renommierten Kunstbiennale in Venedig sogenannte Previews für die nationale und internationale Presse statt. Um die 3.500 Journalistinnen und Journalisten reisen in die italienische Stadt auf dem Wasser und nehmen tagsüber im Stundentakt an Vernissagen teil oder schauen sich Länderpavillons an. Dort werden sie mit Getränken und Häppchen beköstigt, damit sie der Kunst mit guter Laune begegnen.
Abends veranstalten die Länder exklusive Partys für geladene Gäste mit Extras. Dort sang Cicciolina dieses Jahr auf Wunsch der Künstlerin Maja Malou Lyse, die im dänischen Pavillon einen Pornofilm zur Steigerung der Fertilität einer Samenbank und 18 Stickstofftransportbehälter für Sperma ausstellte.
Die fragile, aus Videoprojektionen von Sonne mit Berg und modernem Kirchenraum am Bootsanleger bestehende Installation der Isländerin Ásta Fanney Sigurðardóttir komplementierte Björk als DJ mit Kopfschmuck und Maske ihres künstlerischen Partners James Merry.
Im Garten eines Fünfsternehotels direkt am Canal Grande lief auf dem Bildschirm ein Video mit der KI von Marina Abramović, das ihre die Biennale begleitende Esoterikausstellung »Transforming Energy« in der Galleria dell’Accademia bewarb. Die Künstlerin soll im Garten des Hotels bis vor ein paar Minuten persönlich gewesen sein, sei aber gerade zum Schlafen in ihre Suite gegangen. Die Hoteldiener servierten weiterhin empörend delikates Risotto mit frisch gehobeltem Trüffel in Kupferschälchen. Viele russisch sprechende Neureiche wackelten zu der von Marina anscheinend bevorzugten 80er-Jahre-Mucke.
Währenddessen tobten in der Stadt Proteste gegen die Teilnahme Israels an der Biennale. Im russischen Pavillon fanden von der Biennaleleitung eingeladene, von der Jury nicht gewünschte Aktivitäten statt. Südamerikanische DJs legten dort sagenhaft gut tanzbare Sets auf. Furchterregend aussehende Barmänner schenkten nonstop kostenlosen Alkohol aus, damit das Publikum nicht ausblieb. Die russische Kuratorin definierte das Ganze als Musikfestival zur kulturellen Waffenruhe. Die Jury der Biennale war bereits ein paar Tage zuvor wegen der Teilnahme Russlands zurückgetreten. Kein »Goldener Löwe« wurde dieses Jahr vergeben. In den Preview-Tagen demonstrierten vor und im russischen Pavillon mehrfach am Tag verschiedene Gruppen, unter anderem barbusige Femen-Aktivistinnen sowie Pussy-Riot-Girls in sexy, stylisch schwarzen Outfits und pinken Sturmmasken. Die Pussy Riots sprühten aus Einwegpatronen gelb-blaue Rauchwolken für die Ukraine, schrien, sangen und sammelten die meiste Aufmerksamkeit der Weltpresse und Medien. Am 8. Mai streikten die Mitarbeitenden einiger Länderpavillons und ließen keine Besichtigungen zu. Russlands Pavillon kann seitdem nicht mehr betreten werden. Die Türen und Fenster sind mit Gaze verhängt, auf die von innen Videos projiziert werden.
Am 9. Mai wurde die Biennale offiziell für die Öffentlichkeit geöffnet. Kunstausstellungen der 100 Länder und Nationen können bis zum 22. November 2026 gesehen werden. Die Exponate, Performances, Videos und diversen parallelen Theater-, Musik- und Filmveranstaltungen werden in Venedig in den Pavillons in den Giardini, im Arsenale und in den Galerien, Art Spaces, Kirchen, Schulen und Instituten präsentiert. Für die vollständige Besichtigung der Ausstellung sollte man vier Tage einplanen. Die ersten zwei Tage guckt man sich 29 Länderpavillons in den Giardini und 26 im Arsenale inklusive der kuratierten Internationalen Ausstellung an. An den Tagen drei und vier irrt man zu Fuß oder auf den öffentlichen Booten durch das historische, autofreie Gassenlabyrinth von Venedig, um die 46 Länderausstellungen zu finden. Insbesondere dann bekommt man das Gefühl, in ein Spiel wie Schnitzeljagd, Pokémon Go oder Escape geraten zu sein. Dann machen die Kunst und das auf Wasser gebaute Stadtwunder richtig Spaß.
In den Giardini empfehle ich, in den japanischen Pavillon zu gehen. Dort zeigt der seit fast 30 Jahren in den USA lebende Künstler Ei Arakawa-Nash die Installation »Grass Babies, Moon Babies« aus 208 handgefertigten Puppen, dazugehöriger Soundinstallation sowie Zubehör aus Fläschchen, Babywindeln und Kinderkarren. Die Puppen stellen vier Monate alte und sechs Kilo schwere Babys mit Sonnenbrillen in Bodys mit Tarnmustern dar. Man darf die Exponate vor Ort anfassen. Man kann sie tragen, in der Karre rumfahren, ihnen Fläschchen geben und sie wickeln. In den Windeln befinden sich QR-Codes, mit denen man die einzelnen, individuell auf die Geburtsdaten der 208 Babys abgestimmten und generierten Orakel-Konzept-Gedichte lesen kann. Zugleich ist die Installation sehr persönlich. Als Ei Arakawa-Nash im April 2025 zur Teilnahme an der Venedig-Biennale eingeladen wurde, war er kurz zuvor Vater von damals vier Monate alten Zwillingen geworden. Da er sich zu der Zeit hauptsächlich um die Babys kümmerte, machte er diese Care-Arbeit zum Thema seiner Installation. Außerdem hat seine in Fukushima lebende Mutter Miwako Arakawa mit ihren Freundinnen die Puppen gefertigt.
Um auf die Areale der Giardini und des Arsenales zu kommen, muss man lange in Schlangen anstehen, das gilt auch, wenn man die einzelnen Pavillons besichtigen will, je nach Konzept und Popularität. Vor den Toiletten gibt es ebenfalls Schlangen. An der Stelle empfehle ich sehr den österreichischen Pavillon mit den »Seaworld Venice«-Performances von Florentina Holzinger. Zu jeder vollen Stunde schlägt eine nackte Frau als menschlicher Klöppel die Glocke. Dann öffnen sich die Tore des Pavillons für ca. 50 Besuchende. Drinnen gibt es zwei wunderbar saubere Dixi-Klos, die links und rechts neben einem Aquarium mit einer jungen, voll tätowierten barbusigen Frau positioniert sind. Lautsprecheransagen fordern zum Benutzen der Klos fürs Urinieren auf. Auch informieren sie, dass der Urin aus ökologischen Gründen in das Aquarium zurückgefiltert wird. Aus Scham betreten die Kunst-Connaisseure die Dixis nur sporadisch. Wer also dringend nicht groß, sondern nur Wasser lassen möchte, nutzt die Gelegenheit, ohne dass er dafür seine kostbare Venedigzeit in der Schlange vergeuden muss.
Darüber hinaus sind die Performances in dem Pavillon total erlebnisreich, humorvoll und voller Energie. Links kämpfen zwei Performerinnen in einer verglasten Kläranlage mit der Überschwemmung. Sie versuchen mit aller Kraft, das aus allen Röhren spritzende braune Wasser zu bändigen. Zwei weitere Performerinnen versuchen, ihnen von außen zu helfen: Sie klopfen auf die Fensterscheiben und schreien Ratschläge. Dann gibt es noch zwei Wasserbecken. In einem fährt eine nackte Frau in Höchstgeschwindigkeit ein Wasserboot im Kreis wie eine Irre. In dem anderen dreht sich ein Baum aus nackten Menschen mit einer alten strickenden Frau, die ganz unten sitzt, als trage sie alle anderen auf ihren Schultern.
→ Biennale in Venedig, bis zum 22. November 2026
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