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Kapitalistik

Ende ohne Anfang

Sven Beckert verschiebt mit einer monumentalen Globalgeschichte die Diskussion über den Ursprung des Kapitalismus

Foto: CPA Media/IMAGO
Pioniere des globalen Kapitalismus: Die Britische Ostindien-Kompanie (Stapellauf eines Schiffes, 1825)

Seit Jahrzehnten graben die Globalhistoriker nach dem Ursprung des Kapitalismus. Der deutsch-US-amerikanische Historiker Sven Beckert verweigert sich mit seinem neuen Buch »Kapitalismus. Geschichte einer Weltrevolution« der Suche nach einem einzigen Ursprungsort. In einem Interview mit der Zeitschrift ­Jacobin (3.3.2026) brachte er diese Position selbst auf den Punkt: »Es gibt viele Wissenschaftler, die gewissermaßen auf der Suche sind nach dem Samenkorn, aus dem der ganze Kapitalismus entsprungen ist: Die einen finden es in Florenz, die anderen in der südenglischen Landwirtschaft. Ich glaube, das ist alles zum Scheitern verurteilt. Der Kapitalismus entsteht als ein global vernetzter Prozess, der sich langsam entfaltet. In gewisser Weise ist es auch ein nicht abgeschlossener Prozess, den wir noch heute in bestimmten Regionen der Welt oder in bestimmten Sphären unseres Lebens beobachten können.«

Damit verschiebt der in Harvard lehrende Geschichtsprofessor die gesamte Debatte weg von der Frage »Wo und wann zuerst?« hin zur Frage, wie sich kapitalistische Beziehungen über Kontinente und Jahrhunderte hinweg zunächst langsam verdichten konnten. Der US-amerikanische Marxist Robert Brenner sah den Ursprung des Kapitalismus in den veränderten Eigentumsverhältnissen der englischen Landwirtschaft des 15. Jahrhunderts. Der indische Historiker Jairus Banaji rückt wie schon Fernand Braudel Handelsnetzwerke Jahrhunderte früher in den Vordergrund.

Beckert erkennt bei beiden Positionen einen begrenzten Wahrheitsgehalt: Brenner hat recht mit der Feststellung, dass der Kapitalismus auf dem Land entsteht – irrt aber, wenn er den Blick auf Südengland verengt. Banaji hat recht mit dem Befund, dass Kaufleute früh kapitalistisch kalkulierten – unterschätzt aber, wie marginal diese Kalkulationen lange blieben.

Inseln des Kapitals

Ein erster Schauplatz des Buches ist der jemenitische Hafen Aden im 12. Jahrhundert. Er war ein bedeutendes Handelszentrum, in dem Beckert bereits »Kapitalisten ohne Kapitalismus« vorfindet. Was diese von tributären Herrschern und plündernden Adeligen unterscheidet, ist eine neue ökonomische Logik: Reichtum entsteht nicht durch Steuern, Raub oder Feudalrente, sondern durch die Differenz zwischen Einkaufs- und Verkaufspreis. Die Händler investieren Kapital, bilden Kommanditgesellschaften, vergeben Kredite und führen Buchhaltung, während ihre Waren auf Segelschiffen die Welt umkreisen. Zwei Jahre braucht es für die Route von Kairo über Aden bis nach Indien und zurück. Kupfer und Datteln gehen nach Osten, Pfeffer und Kardamom kommen zurück. Die Routen reichen weiter bis nach China und verbinden Ostasien mit der muslimischen Welt Afrikas.

Foto: Jessica Picard/Massachusetts Daily Collegian/Wikimedia Sven_Beckert_speaking_in_2016.jpg
»Der Kapitalismus entsteht als ein global vernetzter Prozess, der sich langsam entfaltet.« – Sven Beckert

Aden ist eine von zahlreichen »Inseln des Kapitals«, die sich ähneln: »Trotz riesiger Entfernungen und unterschiedlicher Kulturen hätten Kaufleute aus Guangzhou, Gujarat, Aden oder Genua, von der ostafrikanischen Küste oder aus Buchara einander im großen und ganzen erkannt.«

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Beckert steht in der Tradition Fernand Braudels, der Handelskapital und Fernhandel ins Zentrum seiner Kapitalismusanalyse stellte. Er globalisiert diese Perspektive, wo Braudel noch europazentriert blieb. Eine Überhöhung der Bedeutung dieser frühen Kapitalisten vermeidet Beckert: Die Inseln bleiben »nur kleine Tropfen im Meer des Wirtschaftslebens, dessen Hauptströmungen einer vollkommen anderen Logik folgten.« Dominierend blieb bis ins 19. Jahrhundert das Hinterland bäuerlicher Subsistenz und tributärer Herrschaft.

Kriegskapitalismus

Wie wurde aus den vereinzelten Inseln ein globales System? Beckert sieht zwei Faktoren, die miteinander verschränkt sind: Erstens die europäische Expansion, die ab dem späten 15. Jahrhundert die bislang getrennten Handelsräume des Atlantiks, des Indischen Ozeans und des Pazifiks zu einem integrierten Weltmarkt zusammenzwingt. Zweitens die staatlich organisierte Gewalt, ohne die diese Integration nicht denkbar wäre. Der Kapitalismus ist kein System des freien Vertrags, das eine gewaltsame Vormoderne abgelöst hätte. Er war von Beginn an auf außerökonomischen Zwang angewiesen. Der Staat ist demnach dessen Voraussetzung, mit seinen Flotten, Heeren, Kolonialverwaltungen und nacktem Terror. Den Begriff »Kriegskapitalismus« hatte Beckert für diese Gründungsphase bereits in seinem 2014 erschienenen Buch »King Cotton« geprägt. Von den portugiesischen Handelsposten an der westafrikanischen Küste über die spanische Conquista bis zur britischen Kolonialherrschaft in Asien sind die Pioniere des globalen Kapitalismus stets zugleich Kaufleute und Krieger, Richter und Regierung auf ihren »Inseln« – eine Verbindung, die in der britischen East India Company (1600–1874) perfektioniert wurde.

Erst recht gilt diese Verbindung von Kapital und Gewalt für den transatlantischen Sklavenhandel. Von 1492 bis 1870 wurden mehr als elf Millionen versklavter Menschen aus Afrika nach Nord- und Südamerika verschleppt. Auf den Zuckerplantagen Haitis und den Baumwollfeldern Georgias entstand das Kapital, mit dem europäische Finanziers die vergleichsweise behäbige Sozialstruktur der heimischen Landwirtschaft von außen aufbrachen. Ohne diese atlantische Vorgeschichte ist die industrielle Revolution in England nicht zu erklären. Mit ihr wurde der Kapitalismus erstmals »eurozentrisch« (plus USA). Die Hochentwicklung von Technik und Industrie im späteren 19. Jahrhundert sieht Beckert als »möglicherweise monumentalsten Wendepunkt in der Globalgeschichte des Kapitalismus, (…) einen fundamentalen Bruch in der mehr als 500jährigen Geschichte des Kapitalismus, eine Zäsur«.

Foto: alimdi/IMAGO imago111925283.jpg
Über Generationen in Abhängigkeit: Schwarze Arbeiter in Texas bereiten Baumwolle für den Transport vor (1940)

Unfreiheit in der Freiheit

Wer die Geschichte unfreier Arbeit auf die Sklaverei reduziert, macht es sich zu einfach. Mit ihrer Abschaffung durch Rebellion, gesetzlichen und ökonomischen Wandel verschwindet unfreie Arbeit nicht. Sie wechselt nur die Form.

So etablierte sich im Süden der USA nach der Abschaffung der Sklaverei durch den Amerikanischen Bürgerkrieg (1861–1865) das Sharecropping: Freigelassene ohne Land und Kapital gerieten in ein System der Erntebeteiligung, das ihnen nur formal Freiheit zugestand. Hinzu kam die Schuldknechtschaft, bei der Vorschüsse auf den Lohn die Arbeiter über Generationen in Abhängigkeit hielten. Im britischen Empire wiederum etablierte sich auf den Tee- und Kautschukplantagen die Kontraktarbeit (Coolie/Kuli-System): Migranten aus Indien und China unterschrieben langfristige Verträge, deren Bruch unter Strafe stand. Dies sind nur formal freie, aber faktisch gebundene Arbeitskräfte.

Beckert warnt allerdings davor, diese Arbeitsformen mit der Sklaverei gleichzusetzen. Das wäre analytisch ungenau und der besonderen Gewalt der Sklaverei nicht angemessen. Sein eigentliches Ziel ist, die liberale Erzählung zu widerlegen, nach der Kapitalismus Freiheit durch Vertragsfreiheit erzeuge und unfreie Arbeit ein vormodernes Relikt sei. Der historische Befund zeigt: Zwang und Vertrag, Peitsche und Lohnzettel existieren nebeneinander.

Beckerts Kernthese, dass der Kapitalismus ein globaler, unabgeschlossener Prozess ist, hat Konsequenzen, die über die Wirtschaftsgeschichte hinausreichen. Sie befreit die Geschichtsschreibung von Eurozentrismus und Determinismus. In der Einleitung schreibt er: »Trotz ihrer unterschiedlichen Sichtweisen neigten Smith und Marx beide dazu, die europäische Erfahrung zu verallgemeinern. Und beide waren sich sicher über die ›Gesetze‹ dieser seltsamen neuen Form des Wirtschaftslebens, eine Zuversicht, die von diesem Buch nicht geteilt wird.«

Die zwölfhundert Seiten lesen sich erstaunlich flüssig und kurzweilig. Die Kapitel sind kurz und beginnen zumeist sehr anschaulich mit einem Schauplatz und seinen Protagonisten, so wie das anfangs erwähnte Aden im Jemen. Beckert entwickelt in seinem globalen Spaziergang durch 1.000 Jahre mit vieldimensionaler Darstellung einen Begriff von Kapitalismus – und gewinnt nebenbei die im Vorwort verkündete »Wette darauf, dass seine gesamte Geschichte verständlich, wenngleich nicht in allen Details, zwischen zwei Buch­deckel passt.«

→ Sven Beckert: Kapitalismus. ­Geschichte einer Weltrevolution. Aus dem Englischen von Helmut ­Dierlamm, Werner Roller, Sigrid Schmid und ­Thomas Stauder. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2025, 1.280 Seiten, 42 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.07.2026, Seite 10, Feuilleton

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