Gegründet 1947 Sa. / So., 29. / 30. November 2025, Nr. 278
Die junge Welt wird von 3063 GenossInnen herausgegeben
Aus: Literatur, Beilage der jW vom 15.10.2025
Sachbuch

Man dachte nix Böses

Das Jahrzehnt der leeren Versprechungen: Georg Diez porträtiert die 90er
Von Volker Potrykus
11.jpg

»Ich war damals auf der Love-Parade. / Ich war ein wilder Knutscher. / Meine Arschbacken waren tätowiert / mit ›­Future, Future‹ (…) Ich wär gerne länger geblieben. / Ich glaub’, wir haben ­Geschichte geschrieben.« Rainald Grebe, »Die 90er«

Georg Diez’ Buch »Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart« ist keine nostalgische Rückschau, es ist ein analytisches Porträt eines Jahrzehnts, das tief in die Gegenwart hineinwirkt. Seine These: Die politischen, ökonomischen und ökologischen Krisen der Gegenwart lassen sich nur verstehen, wenn man die 1990er Jahre in den Blick nimmt.

»Die 90er waren kein Jahrzehnt der Unschuld, sondern der Verdrängung«, schreibt Diez. Während Bilder von Techno, MTV und Globalisierung die Oberfläche prägten, war die Realität von tiefen Rissen durchzogen. Die Jugoslawienkriege, das postsowjetische Chaos, der Aufstieg nationalistischer Bewegungen: All das zeigt, wie zerbrechlich die Euphorie einer »neuen Weltordnung« war. In Deutschland überdeckte der Optimismus über die Wiedervereinigung nicht die Gewaltwelle rechter Gruppen. Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen – diese Namen markieren, dass das neue nationale Selbstbewusstsein mit einer neuen Brutalität verbunden war.

Zentral ist für Diez der Siegeszug des Neoliberalismus. Deregulierung, Privatisierung, Sozialabbau prägten die Politik weltweit. Was als Modernisierung verkauft wurde, war in Wahrheit die endgültige Durchsetzung kapitalistischer Logik in nahezu allen Lebensbereichen. Die »neue Mitte« in Deutschland oder die »Third Way«-Politik in Großbritannien standen für ein Programm, das Marktmechanismen heiligsprach und staatliche Verantwortung verteufelte. Diez zeigt, wie dieses Paradigma soziale Ungleichheit verschärfte, Löhne drückte und die Prekarisierung beschleunigte. Die 90er waren das Jahrzehnt, in dem der Kapitalismus nach seinem Sieg über den Realsozialismus seine globale Hegemonie behauptete.

Ebenso bedeutsam war die verdrängte ökologische Dimension. Schon 1992 wies die UN-Klimakonferenz in Rio auf die Dringlichkeit von Emissionsreduktionen hin. Die ersten IPCC-Berichte lieferten eindeutige wissenschaftliche Daten. Doch politisch blieb es beim symbolischen Gestus. »Die 90er waren der Moment, in dem wir wussten, was zu tun ist, aber nicht handelten«, schreibt Diez. Die Wachstumslogik dominierte, und das Kapital setzte sich gegen ökologische Notwendigkeiten durch. Es zeigte sich, wie die Akkumulationsdynamik des Kapitals in fundamentaler Spannung zu ökologischen Grenzen steht – eine Spannung, die bis heute ungelöst ist.

Diez beschreibt die 90er als Zeit widersprüchlicher Energien im Kulturellen. Techno und Rave wurden zu Symbolen eines neuen Freiheitsgefühls, zugleich zu Räumen der Entpolitisierung. »Pop war die große Erzählung der 90er, aber er war zugleich das große Schweigen.« Auch die Medienlandschaft wandelte sich: Privatsender, Boulevardisierung und erste digitale Netzwerke veränderten den Diskurs. Das Internet brachte Euphorie, doch auch die Grundlage für die heutige Beschleunigung und Fragmentierung öffentlicher Kommunikation. All dies interpretieren zu können, ist für Diez Bedingung, um die Gegenwart der »postfaktischen« Politik und der digitalen Ökonomie zu begreifen.

Weltpolitisch waren die 90er alles andere als stabil. Die Asienkrise 1997 offenbarte die Fragilität globalisierter Finanzmärkte. Der Terroranschlag von Oklahoma City deutete an, dass politischer Ex­tremismus neue Formen annehmen würde. Die Jugoslawienkriege zerstörten die Illusion, die Nachkriegsordnung garantiere Frieden. In Diez’ Lesart ist das Jahrzehnt weniger abgeschlossen als vielmehr eine Matrix, aus der sich viele gegenwärtige Krisen speisen.

Stilistisch bewegt sich sein Text zwischen Essay, Polemik und Analyse. Diez liefert keine neutrale Chronik, sondern eine Intervention: streitbar, manchmal zugespitzt, aber immer anregend. Diez’ Befund: Die 90er waren das Jahrzehnt, in dem der Kapitalismus seine globale Vorherrschaft unangefochten etablierte – und genau darin die Voraussetzungen für die heutigen Krisen schuf. Der Neoliberalismus fungierte als ideologisches Instrument, um die Klassenverhältnisse zu stabilisieren, den Sozialstaat zurückzubauen und Arbeitskraft weiter zu »flexibilisieren«. Gleichzeitig wurde der drohende ökologische Kollaps verdrängt, weil er im Widerspruch zur Akkumulationslogik stand. Die Popkultur diente als Ventil: Sie schuf Gemeinschaftsgefühle und Illusionen von Freiheit, ohne die grundlegenden Widersprüche zu adressieren. In diesem Sinn waren die 90er kein »unbeschwertes« Jahrzehnt, sondern eine Phase kapitalistischer Restrukturierung, die unsere Gegenwart bestimmt.

Georg Diez: Kipppunkte. Von den Versprechen der Neunziger zu den Krisen der Gegenwart. Aufbau-Verlag, Berlin 2025, 395 Seiten, 26 Euro

Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug

Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.

links & bündig gegen rechte Bünde

Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.

Ähnliche:

  • Der Kapitalismus in seiner imperialistischen Phase schiebt die M...
    15.09.2025

    Reale Barbarei

    Warum es keine Reorganisation des Kapitalismus gibt – und was droht, wenn wir das nicht zur Kenntnis nehmen. Eine Positionsbestimmung
  • Protest für Klimaschutz und die Rechte von Frauen sowie Indigene...
    13.08.2025

    Lulas symbolisches Veto

    Brasilien: Präsident legt Veto gegen Teile von »Verwüstungsgesetz« ein. Kongress kann Gesetzesvorhaben dennoch in Kraft setzen
  • Mit dem neuen Gesetz wird der weiteren Abholzung in Brasilien Tü...
    19.07.2025

    Kongress killt Klimaschutz

    Brasilien: Parlament winkt Gesetzentwurf durch, der Zerstörung elementarer Biome beschleunigt. Appell an Präsident Lula, Veto einzulegen

Mehr aus: Feuilleton