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Auflösungserscheinungen

Rechte Aufmärsche in Südafrika

Von Christian Selz, Kapstadt
Foto: Rogan Ward/REUTERS

Südafrika am Dienstag: Mit Knüppeln und Nilpferdpeitschen bewaffnete Männer ziehen zu Tausenden durch Durban, Johannesburg und Townships der Hauptstadtregion Gauteng. Vereinzelt dringen sie in Hütten und Wohnungen ein, zerren von ihnen als Ausländer gebrandmarkte Menschen auf die Straße, plündern Geschäfte. In Johannesburg eskaliert die Lage kurzzeitig tödlich, ein 17jähriger wird erschossen, mutmaßlich ein Mitläufer des Mobs. In den Worten von Polizeiminister Firoz Cachalia: »Es war ein guter Tag für Südafrika.« Das Schlimme ist, dass man nüchtern betrachtet dem Mann sogar recht geben muss. Denn nach der wochenlangen Mobilisierung rechter Kräfte, die »illegalen« Ausländern für den 30. Juni ein Ultimatum zum Verlassen des Landes gesetzt hatten, fielen die Aufmärsche und Pogrome letztlich verhältnismäßig klein aus.

In weiten Teilen des Landes versammelten sich nur eine Handvoll Fremdenfeinde zu Kundgebungen. In der Fünf-Millionen-Einwohner-Metropole Kapstadt waren es etwa 80 Rechte, die vors Provinzparlament zogen. In der Hafenstadt Gqeberha gelang es Anwohnern und Mitarbeitern eines privaten Sicherheitsdienstes gar, die Plünderung eines Lebensmittelladens in einem Township zu verhindern und die Täter an die Polizei zu übergeben. In Gauteng war letztere allerdings trotz eines verstärkten Aufgebots einmal mehr nicht permanent Herr der Lage. In Germiston bei Johannesburg setzten die Einsatzkräfte den Angreifern gar eine Zehn-Minuten-Frist, um aus den Wohnhäusern von mutmaßlichen Ausländern abzuziehen, in die sie eingebrochen waren.

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Die Staatsmacht Südafrikas zeigt Auflösungserscheinungen, nicht zum ersten Mal. Bereits 2021 agierten die Sicherheitskräfte des Landes tagelang hilflos, als ein von rechten Kräften aufgestachelter Mob in den Provinzen Gauteng und KwaZulu-Natal tagelang plünderte. Die Zielgruppe der Demagogen war damals eine ähnliche, insofern war der Dienstag verglichen mit den mehr als 300 Toten jener July Riots tatsächlich ein zumindest glimpflich verlaufener Tag. Die anderen Unterschiede sind bedenklicher: Zum einen ist es den Organisatoren gelungen, die diffuse Wut mittel- und perspektivloser südafrikanischer Männer gegen als Sündenbock dienende Ausländer – selbstredend nur arme Schwarze, nicht etwa reiche Weiße – zu richten. Zum anderen stellen sich inzwischen zahlreiche rechte Parteien und selbst hochrangige Politiker des regierenden African National Congress (ANC) relativ offen hinter die erzreaktionäre Bewegung.

Der neoliberal entkernte Staat hat Bildung, Gesundheit und selbst Sicherheit zu Dienstleistungen privater Anbieter gemacht, die sich im Land mit der weltweit größten Ungleichverteilung von Reichtum nur eine kleine Minderheit leisten kann. Dass die Wut auf diese Zustände nun in Verteilungskämpfe innerhalb der mittellosen Klasse gelenkt wird, hilft den Besitzenden. Entsprechend erhört die Regierung, die Sozialproteste oder Streiks sonst regelmäßig gewaltsam niederschlagen lässt, nun die »Sorgen« ihrer »Bürger« und schiebt fleißig ab. Die Leopardenfellkostüme der Mobanführer sind dabei nur der lokale Anstrich eines globalen Phänomens marktradikaler Gesellschaften.

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Erschienen in der Ausgabe vom 02.07.2026, Seite 3, Ansichten

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