In Geiselhaft am Südpol
Die Ohren gespitzt: Das Meditationsmantra von OM funktioniert auch auf dem neuen Album
Dieses laute, aber immer auch lautmalerische, geheimnisvoll treibende und ziemlich flippige Rockjazz-Zeug, das sich in den frühen Siebzigern frech von den großen angloamerikanischen Vorbildern abhob und in der allgemeinen Aufbruchstimmung quasi direkt vor der Haustür so überzeugend den Weg wies – wer hat’s erfunden? Die Jungs von OM natürlich, der Band aus Luzern in der Zentralschweiz. Mehr noch als Jimi Hendrix beteten sie damals John Coltrane an, doch von Beginn weg war auch viel Eigensinn im Spiel. Und angewandte helvetische Präzisionsmechanik als gemeinsame Kernkompetenz.
In den Liner Notes zum neuen Album »Südpol« erinnert sich Christy Doran, einst aus Irland eingewandert, wie er und Fredy Studer mit 15 bzw. 16 erstmals in der elterlichen Garage zusammen Krach machten. Ein altes Radio diente ihm als Gitarrenverstärker, derweil sein Kumpel auf Kartons und ein an der Wand lehnendes Stück Metall eindrosch. Nur wenige Jahre danach war aus Studer aber bereits eine Art Werksdrummer und Produktentwickler der Firma Paiste im nahen Nottwil geworden, während Doran europaweit als führender Gitarrenflüsterer, wahlweise auch als Gitarrenberserker gelten durfte. In seinem Spiel höre man »Wasserfälle von Hendrix, Wellen von Rypdal und sogar Rinnsale von Van Halen«, hat der Chicagoer Kritiker John Corbett später einmal diagnostiziert. Und man sieht Jimi, Terje und Eddie bis heute zustimmend nicken.
Als Doran und Studer 1972 mit dem Saxophonisten Urs Leimgruber und dem Bassisten Bobby Burri die Band OM ins Leben riefen, waren sie dann endgültig auf dem Gleis, wie man im Land der schon damals pünktlichen Eisenbahnen sagt: Einladung zum Montreux Jazz Festival, Deutschland-Tourneen, man konnte den erstaunlich populären Helden und Headlinern von OM weit herum beim Besserwerden zuhören und zusehen. Nach drei Alben beim damals einflussreichen ECM-Ableger JAPO zerstreuten sie sich, gingen da und dort prominent fremd, drehten eigene Dinger, drifteten wieder zusammen und konnten 2022 schließlich sogar goldene Hochzeit feiern. Doch die Veröffentlichung von »50« erlebte der schwer erkrankte Fredy Studer leider nicht mehr, heute ersetzen ihn Gerry Hemingway oder Tony Buck bzw. wie auf dem gerade erschienenen Album »Südpol« beide gemeinsam.
Wie war das: Rockjazz? Der alte Oberbegriff trifft die Sache längst nicht mehr. Aber auch mit Trance oder Ambient oder Industrial wäre das, was die Band hier anzettelt, nur ungenügend beschrieben – »ElectroAcoustiCore« steht ganz klein auf dem Cover. Wobei das Wenige, was sie dem allumfassenden Nichts überhaupt abringen, kaum je identifizierbare Gestalt annimmt, sogar das sprechende Motiv in »Gamelan« verschwindet rasch wieder in der großen Schwärze. An den Rändern regt sich dann und wann etwas Neues. Leise pochende Morsezeichen von links, von rechts verhaltenes Trommeln, das immer tiefenschärfer wird. Dazu ein Rumoren aus den Apparaten, die Doran und Burri bedienen, um ihre eigentlichen Instrumente unkenntlich zu machen. Nur Leimgruber verfremdet sein Sopransaxophon kaum, wenn er den Schrei der geschundenen Kreatur oder einen wohligen Seufzer ausstößt. Oft genug aber herrscht schlicht und ergreifend: Stille. Gespenstisch? Nicht doch, aber man lauert aufs nächste Geräusch – und ist OM schon wieder in die Falle gegangen. Am besten fügt man sich widerstandslos in diese einstündige südpolare Geiselhaft, spitzt nichts als die Ohren und überlässt sich dem Schicksal.
»Als Musiker und Zuhörer haben die Mitglieder von OM die letzte Hälfte der Jazz-Entwicklung miterlebt«, schreibt Kurt Gottschalk im Booklet und verweist auf das altägyptisch-griechische Bild der Schlange im Kreis, die ihren eigenen Schwanz frisst. Klingt so Musik, die am Ende einer langen Reise bei sich selbst ankommt? Und zwar nicht am, sondern im »Südpol«, denn so heißt einfach nur das Konzertlokal, in dem das Album live eingespielt wurde. Als kompromissloses Statement einer Band, die dem Meditationsmantra, das sie in ihrem Namen mitführt, vielleicht noch nie so nahegekommen ist wie hier. Die aber auch keineswegs den Zauber aus jener 70er-Jahre-Garage vergessen hat, wo das alles begann.
→ OM: »Südpol« (Intakt Records)
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