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Sozialsysteme in Mexiko

Gesundheit für alle

Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum will allen Bürgern den Zugang zu kostenloser medizinischer Versorgung ermöglichen. Das ist auch dringend nötig

Von Thorben Austen, Quetzaltenango
Foto: Carlos Sanchez/REUTERS
Masernimpfung in Ciudad Juárez

Mexikos sozialdemokratische Regierung von Präsidentin Claudia Sheinbaum will allen Bürgern des Landes einen kostenlosen Zugang zu guter medizinischer Versorgung garantieren. Kernelement des Vorhabens der »Universellen Gesundheit« ist es, die bestehenden verschiedenen Gesundheitssysteme schrittweise in ein einziges zu überführen.

Aktuell existieren in Mexiko zwei große Systeme der Sozialversicherung: das IMSS (Instituto Mexicano del Seguro Social) für Beschäftigte im Privatsektor und das ISSSTE (Instituto de Seguridad y Servicios Sociales de los Trabajadores del Estado) für Staatsangestellte.

Universelles System

Nun sollen auch Arbeiter des informellen Sektors im neuen System erfasst werden. Nach aktuellen Zahlen arbeiten in diesem Bereich knapp 33 Millionen Mexikaner, das entspricht 54,85 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Da sie über keinen Arbeitsvertrag verfügen, sind sie nicht an die Sozialversicherungssysteme angeschlossen. Zwar bestand bisher auch ein öffentliches, kostenloses Gesundheitssystem mit Krankenhäusern und Gesundheitszentren, das litt aber wie in anderen lateinamerikanischen Ländern darunter, dass Medikamente fehlten, die Ausstattung miserabel war und die Diagnosemöglichkeiten unzureichend waren.

Bereits Sheinbaums Amtsvorgänger Andrés Manuel López Obrador, wie Sheinbaum von der Partei Morena, hatte hier angesetzt und 2022 die Gründung des »IMSS-Bienestar« angekündigt, das am 1. September 2022 in Kraft trat und das bisherige Gesundheitsinstitut für Wohlbefinden ersetzte. Erzielt werden sollten damit Verbesserungen in der ärztlichen Behandlung und der Versorgung mit Medikamenten für Menschen ohne Krankenversicherung. Allerdings trat »IMSS-Bienestar« nur in den 23 von Morena regierten Bundesstaaten in Kraft, die zehn von der Opposition regierten Bundesstaaten führten es nicht ein. Die Ausgaben pro Person und Jahr beliefen sich auf durchschnittlich 4.000 Mexikanische Pesos (200 Euro), für Versicherte im ISSSTE wurden 11.531 Pesos ausgegeben, im IMSS 9.635 Pesos.

Das neue universelle System soll hier für eine Gleichbehandlung sorgen, ferner flächendeckend greifen und zentral gesteuert sein. Mit Beginn des Jahres 2027 soll das System für Notfälle, chronische Erkrankungen, Menschen im Rentenalter und für Menschen mit Behinderungen greifen. In der zweiten Jahreshälfte 2027 soll »der Austausch spezialisierter Dienstleistungen« beginnen, hieß es in einer Regierungsmitteilung vom April dieses Jahres. Und ab 2028 soll dann eine »allgemeine Versorgung mit ärztlichen Rezepten, ambulanten Facharztkonsultationen und Überweisungen ins Krankenhaus sowie die Erstversorgung bei chronischen Erkrankungen offen eingeführt werden«.

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Sheinbaum erklärte ihre Ziele auf einer Pressekonferenz im April: »Das Ziel des universellen Gesundheitsdienstes ist es, dass bei unserem Ausscheiden aus dem Amt jeder Mexikaner und jede Mexikanerin jede beliebige Gesundheitseinrichtung aufsuchen kann, um sich wegen jeglicher Beschwerden behandeln zu lassen und aufgenommen zu werden.«

Ein Artikel in der Gaceta Sanitaria, der Zeitschrift des spanischen Instituts für öffentliche Gesundheit, gibt zu bedenken, dass hohe Ungleichheit, Armut und der strukturelle Rassismus in Mexiko bisher das Ziel einer »universellen Gesundheit« verhindert haben. In dem Artikel aus Oktober 2025, also nach Bekanntwerden der Regierungspläne, hieß es: »36 Prozent der Einwohner leben in multidimensionaler Armut, acht Prozent in extremer Armut, und 70 Prozent der indigenen Bevölkerung sind arm.«

Mexiko kommt aktuell auf 270 Ärzte pro 100.000 Einwohner, in Lateinamerika ein mittlerer Wert. Genauer besehen sind das durchschnittlich 163 Allgemeinmediziner und 107 Fachärzte. Allerdings ist die Verteilung sehr ungleich, was besonders bei den Fachärzten deutlich wird. So kamen 2022 in Mexiko-Stadt 385,2 Fachärzte auf 100.000 Einwohner, im Bundesstaat Guerrero waren es nach Regierungsangaben 37 und in Chiapas 32,2. Das hat deutliche Folgen. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt, wie in der Gaceta Sanitaria zu lesen war, in Mexiko-Stadt acht Jahre höher als in Chiapas und Guerrero.

Mangelnde Ausstattung

Hinzu kommt die mangelhafte Ausstattung, die immer wieder beklagt wird. So haben Angestellte des öffentlichen Krankenhauses »Dr. Aurelio Valdivieso« im Bundesstaat Oaxaca in der Vergangenheit mehrfach auf fehlende Medikamente und Materialien hingewiesen. Sowohl vom dortigen Gouverneur Salomón Jara Cruz von der Regierungspartei Morena als auch von den örtlichen Leitern des »IMSS-Bienestar« wurden sie daraufhin der Lüge bezichtigt.

Zwar setzt das Konzept der »Universellen Gesundheit« bei der Verbesserung für Patienten an, die bisher nur Zugang zu den öffentlichen Krankenhäusern des »IMSS-Bienestar« haben. Beobachter befürchten allerdings, dass die Zusammenlegung der drei Gesundheitssysteme zu noch längeren Wartezeiten und einer deutlichen Verschlechterung bei der Medikamentenversorgung führen könnte. Kritisiert werden auch die geringen Mittel. Zur Zeit investiert Mexiko nur rund 2,6 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in die öffentliche Gesundheit, ein im lateinamerikanischen Vergleich niedriger Wert. Die Zeitung El Economista schrieb daher bereits im Juni 2025, für die Realisierung des Modells der »Universellen Gesundheit« sei mehr als eine Verdopplung der Ausgaben notwendig, eine Erhöhung auf sechs Prozent des BIP, wie es die Weltgesundheitsorganisation für eine gute Gesundheitsversorgung empfiehlt. Dies würde zusätzliche Ausgaben von etwa 900 Milliarden Pesos (etwa 44,9 Milliarden Euro) bedeuten. Nach Angaben des regierungsunabhängigen CIEP (Zentrum für Wirtschafts- und Haushaltsforschung) erhöhte Mexiko seine Gesundheitsausgaben 2026 auf 965 Milliarden Pesos, was gegenüber 2025 ein leichtes Plus darstellt, aber weiterhin die 2,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes nicht übersteigt. El Economista hatte damals behauptet, die Regierung strebe für 2026 eine Reduzierung an, um den »Haushalt zu sanieren«.

Über eine mögliche Erhöhung im Haushalt 2027 ist noch nichts bekannt. Über Haushaltsfragen entscheidet in Mexiko die Abgeordnetenkammer, in der Morena mit ihren verbündeten Parteien über 364 der 500 Sitze verfügt.

Hintergrund – Gesundheits-versorgung in Mexiko

Mexiko ist Mitglied der OECD-Staaten (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung), in der 38, überwiegend industrialisierte europäische, aber auch einige lateinamerikanische Staaten zusammengeschlossen sind. Im Gesundheitsbereich weist Mexiko gemäß einer OECD-Statistik aus dem Jahr 2025 nur mäßige Zahlen auf. Die Lebenserwartung liegt mit 75,3 Jahren sechs Jahre unter dem OECD-Durchschnitt. Der lateinamerikanische Durchschnitt liegt bei 76 Jahren, die an Mexiko grenzenden mittelamerikanischen Länder haben alle, außer Costa Rica und Panama, eine niedrigere Lebenserwartung, Schlusslicht ist Haiti mit 65,1 Jahren.

Nur 78 Prozent der Bevölkerung in Mexiko haben nach der Statistik Zugang zur gesundheitlichen Basisversorgung, im Durchschnitt der OECD-Länder sind es 98 Prozent, in Lateinamerika haben allerdings 35 Prozent der Menschen keinen oder nur eingeschränkten Zugang zu medizinischer Versorgung.

Das regierungsunabhängige IMCO (Forschungszentrum für öffentliche Politik) kommt in einer Analyse vom April dieses Jahres für Mexiko auf noch höhere Werte beim fehlenden Zugang zur medizinischen Grundversorgung. Demnach haben aktuell noch 44,5 Millionen Mexikaner, rund 34 Prozent der Bevölkerung, keinen Zugang zu öffentlicher oder privater Gesundheitsvorsorge. Zudem sind trotz bestehender kostenloser Angebote die Ausgaben, die Bürger »aus eigener Tasche« leisten müssen, recht hoch. Der höchste Einzelposten in der Gesundheit, der selbst gezahlt werden muss, sind mit rund 38 Prozent die Ausgaben für Medikamente, gefolgt von 35 Prozent für stationäre Behandlungen. Wenn die Ausgaben für Gesundheit pro Haushalt 30 Prozent der Einnahmen übersteigen, entstehe eine »katastrophale Situation«, hieß es in der Studie. Davon waren 2024 rund 710.000 Menschen in Mexiko betroffen.

Von den rund 660.000 mexikanischen Ärzten arbeiteten laut einer Statistik aus dem Jahr 2022 54,1 Prozent im öffentlichen Gesundheitssystem und 45,9 Prozent in privaten Praxen, Kliniken und Krankenhäusern. Laut Eduardo Clark, Staatssekretär im Gesundheitswesen, wird allerdings ein Großteil der Behandlungen im öffentlichen Gesundheitswesen durchgeführt. So würden 90 Prozent der hochspezialisierten Eingriffe wie Transplantationen oder Eingriffe am Herzen im öffentlichen Gesundheitswesen durchgeführt, ferner 75 Prozent der Impfungen.

Im öffentlichen Gesundheitssystem sind rund 3.000 Angehörige kubanischer Medizinbrigaden tätig, überwiegend in armen und abgelegenen Landesteilen. Anders als die Regierungen vieler anderer lateinamerikanischer Länder hat Präsidentin Claudia Sheinbaum bisher ausgeschlossen, dem Druck aus den USA nachzugeben und die Verträge zu beenden. (ta)

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.06.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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