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Utopischer Sozialismus

Sind Köche dabei oder wird aufs Ehrenamt gesetzt?

Frankfurt am Main: Mit einer Stadtviertelküche sollen Menschen kollektiv und gesund versorgt werden, erklärt Alexis Passadakis

Foto: Robert Fishman/ecomedia/imago
Sind kommunale Stadtteilküchen die Antwort auf die Lebenskostenkrise? Die Frankfurter Linke denkt: Ja

Die Frankfurter Linke und die Initiative für eine Stadtviertelküche im Riederwald wollen mit kommunalen Küchen kollektive Sorgearbeit gesellschaftlich neu verteilen. Sie nennen es »Öffentliche Nahverpflegung«. Wie gehen Sie das an?

Die AG Stadtteilküchen der Linken verteilt an diesem Sonnabend kühle Getränke und kaltes Essen auf dem Marktplatz im Stadtteil Bornheim. Dort gab es dieses Jahr schon mehrfach gemeinschaftliche Kochaktionen. Die Initiative für eine Stadtviertelküche im Riederwald kocht im Zuge einer Kunstaktion des Kollektivs »andpartnersincrime« ab dem 9. August in dem Stadtteil für über einen Monat drei Mal pro Woche, jeweils von Donnerstag bis Sonnabend. Ab 17. September geht es im Kunsthaus Mousonturm weiter. Im Frankfurter Haushalt wurden auf Initiative der Fraktion Die Linke ab 2027 erstmals 500.000 Euro bereitgestellt, um als Pilotprojekt die erste städtische professionelle Stadtteilküche im Riederwald zu realisieren. Dies ist ein dringend nötiger Einstieg in der BRD in eine neue sozial-ökologische urbane Infrastruktur. Wir brauchen Orte, an denen Menschen miteinander ins Gespräch kommen, unabhängig von Herkunft, Einkommen oder Lebenslage, und wo gesunde, bezahlbare Ernährung für alle zugänglich ist.

Sie bezeichnen das Projekt als »Koch-Kunst-Projekt«. Gefördert wird es unter anderem vom Fonds Darstellende Künste aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, dem Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main und dem Kulturamt der Stadt Frankfurt. Was ist dabei der künstlerische Aspekt?

Eine Stadtteilküche könnte auch als »produktive Fiktion« oder »Community Art« angesehen werden. Kunst kann auch etwas Immaterielles sein, eine gesellschaftliche Utopie inszenieren und durchspielen. Das Kollektiv »andpartnersincrime« hat zuletzt ein Theaterprojekt »Rechts von uns das Land« realisiert. Das befasst sich mit »Tradwives«, die zu ewig gestrigen Rollenbildern der Hausfrau zurückkehren wollen und eine antifeministische Rolle in rechten Bewegungen einnehmen.

Sehen Sie sich denn als Erbe eines sozialistisch-kommunistischen Konzepts?

Historisch spielte die Frage der Verteilung von Sorgearbeit in verschiedenen feministischen Strömungen eine zentrale Rolle. Ziel war, diese aus dem Privaten herauszunehmen und sie kollektiv und geschlechtergerechter zu verteilen. Die sowjetische Marxistin und Feministin Alexandra Kollontai setzte sich in den 1920er Jahren für staatlich oder gesellschaftlich organisierte Gemeinschaftsküchen und Wäschereien ein. Während der Weltwirtschaftskrise in der Weimarer Republik gab es in Frankfurt eine öffentliche Kantine: »Arbeitslose kochen für Arbeitslose«. Dort wurden bis zu 30.000 Mahlzeiten am Tag hergestellt. In den realsozialistischen Ländern, etwa in Polen, gab – und gibt es teils noch – staatlich subventionierte Milchbars; in der Türkei, vor allem in Istanbul, seitens der Sozialdemokratie geförderte öffentliche Kantinen: Kent Lokantaları. In Großbritannien starten bald drei Pilotprojekte für Public Diners. Ein Netzwerk dort beginnt eine internationale Kampagne für öffentliche Kantinen.

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Wird die neue Viererkoalition von CDU, Grünen, SPD und Volt das Pilotprojekt ab 2027 im Frankfurter Stadtteil Riederwald sicher realisieren?

Schon, aber wir streben an, dass es nicht eine »Einjahresfliege« wird, sondern langfristig bleibt. Wir fordern, kommunale Gemeinschaftsküchen in allen Vierteln der Stadt zu etablieren.

Sind professionelle Köche dabei oder soll aufs Ehrenamt gesetzt werden?

Nein. Ehrenamtlich ist das nicht zu bewältigen. So wie es Personal für Stadtbibliotheken oder Schwimmbäder gibt, muss es das auch für kommunal finanzierte Stadtteilküchen geben.

Gibt es denn im Riederwald auch die Räumlichkeiten dafür?

Wir fordern, dass die Stadt Frankfurt eine öffentliche Stadtviertelküche als Begegnungsort für alle und mit gesundem, leckerem Essen im bisher leerstehenden Restaurant Am Erlenbruch 94 betreibt. Doch die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG stellt sich quer, angeblich wegen Denkmalschutzes. Sie will das Gebäude als Gewerbefläche nutzen. Wir kämpfen um dieses Gebäude für die Stadtteilküche.

Grundsätzlich gefragt: Geht es Ihnen darum, die Vereinzelung in der kapitalistischen Gesellschaft aufzubrechen, oder vorrangig um die Bekämpfung akuter Armut?

Die kommunalen Stadtteilküchen sind eine Antwort auf bereits erfolgte steigende Lebensmittelpreise sowie auf zukünftig zu erwartende Kosten des Klimakollapses. Sie sollen der Entlastung der privaten Haushalte dienen. Und ja, wir wollen auch Vereinzelung und Einsamkeit aufbrechen, was ja gesundheitliche und demokratiepolitische Risiken beinhaltet. Denn wir gehen davon aus, dass dies ein Brandbeschleuniger für die Faschisierung unserer Gesellschaft sein könnte.

Alexis Passadakis ist Stadtverordneter für Die Linke im Frankfurter Stadtparlament und aktiv in der Initiative für eine Stadtteilküche im Riederwald.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.06.2026, Seite 2, Inland

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