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Die Mets oder nichts
Schon jetzt ein Standardwerk: A. M. Gittlitz kluges Buch »Metropolitans: New York Baseball, Class Struggle and the People’s Team«
Die Einleitung von »Metropolitans: New York Baseball, Class Struggle, and the People’s Team« hat es in sich. Sie beginnt mit einem Zitat aus den »Simpsons« und endet beim Historischen Materialismus von Karl Marx und Friedrich Engels. Gute Voraussetzungen, um das Underdog-Team des Baseballs in New York auf üppigen 500 Seiten vorzustellen.
Die New York Mets gibt es seit 1962. Ende der 50er Jahre verabschiedeten sich zwei der damaligen drei Major-Baseball-League-Teams aus New York Richtung Westküste: Die Dodgers gingen nach Los Angeles, die Giants nach San Francisco. Blieben nur noch die Yankees, doch das war zuwenig. Also wurden im Stadtteil Queens die Mets gegründet, benannt nach den Metropolitans, einem New-York-Baseball-Team der 1880er Jahre.
A. M. Gittlitz, New Yorker, bekennender Mets-Fan und Autor von »Metropolitans«, beschreibt in seinem Buch, wie die Mets rasch zum FC St. Pauli des Baseballs wurden. Die 60er waren die Ära der Gegenkultur, und die Gegenkultur brauchte ihr Baseballteam. Die Mets erlangten den Ruf, das »People’s Team« von New York zu sein, das »Team des Volkes«. Im Vergleich zu den erfolgsverwöhnten Yankees waren sie der Underdog. Gittlitz erinnert sich an seine Jugend: »Ich war Punk und Anarchist und vollkommen davon überzeugt, dass die Mets ein Team für unterdrückte Kunstschaffende und Aktivisten waren, während die Yankees für all das standen, was es an New York zu verachten galt: die Finanzelite, Law-and-Order-Politiker und die Schurken von der Polizei.« Die »U-Bahn-Spiele«, die Lokalderbys zwischen Mets und Yankees, wurden zu Ereignissen monumentaler Bedeutung.
Eine Klassenanalyse offenbart freilich, dass der Ruf der Mets und ihrer Fans nicht unbedingt der materiellen Wirklichkeit entspricht. Dass Gittlitz als Mets-Fan diese Tatsache nicht verleugnet, gehört zu den großen Stärken des Buches. Er schreibt: »Das Bild, das von den Mets und den Yankees gezeichnet wird, kann leicht zu einem Missverständnis führen, dem wir oft begegnen: Klasse hat nur noch wenig mit Einkommen zu tun, sondern wird zu einer Frage von Ästhetik und Kulturkrieg. Die Fans der Mets sind die Neuen Linken, also antiautoritäre Kids der Mittelschicht, die nach einer radikalen Jugend gute Jobs annehmen und zu Linksliberalen werden. Mit Klassenpolitik hat das wenig zu tun.«
Um den historischen Hintergrund der Mets zu umreißen, holt Gittlitz weit aus. Seine Erzählung beginnt Ende des 18. Jahrhunderts, als die Kontinentalarmee in Nordamerika um die Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich kämpft. Während die Offiziere der Armee Cricket spielen, vergnügt sich das Fußvolk mit einer einfacheren Variante, aus der schließlich das amerikanische Baseballspiel entsteht. Danach lernen wir einiges über die ersten Baseballprofiligen im 19. Jahrhundert sowie über die erstaunlich frühe gewerkschaftliche Organisierung der Baseballspieler: Die Brotherhood of Professional Baseball Players wurde 1885 gegründet. Schließlich breitet sich das Spiel in Zentralamerika und Japan durch US-Hinterhofimperialismus und -Militärbasen aus.
Es folgen die 60er Jahre mit der Gründung der Mets, dem Vietnamkrieg und der Bürgerrechtsbewegung. Wie bei jedem guten Sportbuch erfahren die Leser nicht nur viel über den Sport, sondern auch über die Gesellschaft, in der er gespielt wird. Wird das manchmal überzogen? Entschieden Baseballergebnisse wirklich Bürgermeisterwahlen in New York? Wenn man drüber nachdenkt: Ja, es ist durchaus möglich.
Leser von »Metropolitans« dürfen sich auch an einer Feel-Good-Story erfreuen: 1969 gewinnt das Team, bis dahin Prügelknabe der Liga, sensationell die World Series. Legitime Vergleiche aus der Welt des Fußballs wären der Bundesligatitel des damaligen Aufsteigers 1. FC Kaiserslautern 1998 oder der Premier-League-Triumph des mittlerweile drittklassigen Leicester City FC 2016. Gittlitz verweist auf ein Schild bei den Siegesfeiern, das ein geflügeltes Zitat Friedrich Nietzsches aufgriff: »Gott ist nicht tot – er spielt für die Mets.«
In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Mets, die 1986 noch einmal die World Series gewannen, zu einem gewinnträchtigen Unternehmen ausgebaut, in dem viele Führungsfiguren alles andere als links sind. Doch der Ruf des »People’s Teams« bleibt. Wer im alternativen Milieu New Yorks etwas auf sich hält, ist Mets-Fan. Natürlich gilt das auch für den neuen Bürgermeister der Stadt, den »demokratischen Sozialisten« Zohran Mamdani.
Zum Schluss wird Gittlitz poetisch: »Die Mets stehen für all die Verzweiflung, den Schmerz, das Chaos und den grausamen Optimismus, der inmitten des Untergangs der Zivilisation immer noch auf einer besseren Zukunft beharrt. Wir starren der Katastrophe ins Gesicht, weigern uns jedoch, unser Schicksal zu akzeptieren. Wir suchen weiter nach irgendeiner Möglichkeit, die World Series doch noch einmal zu gewinnen und es dem Feind zu zeigen – wir sehnen uns nach einem neuen Oktober, der jedem Augenblick unseres langen Kampfes Bedeutung verleiht.«
»Metropolitans« hat sich in den USA innerhalb kürzester Zeit auf die Bestsellerlisten katapultiert. Kein Wunder. Es ist schon jetzt ein Standardwerk zu den New York Mets und zur Geschichte des Baseballs. Dass es von einem Genossen verfasst wurde, der Verweise auf die radikalen Gewerkschafter der Industrial Workers of the World oder auf die Kommunistische Partei der USA ganz locker aus dem Ärmel schüttet, ist das Tüpfelchen auf dem i, irgendwo aber auch logisch. Viele der besten Sportbücher wurden von linken Autoren verfasst, nicht zuletzt im Englischen. »Metropolitans« steht in einer Tradition mit »Beyond a Boundary« (1963), dem Cricketklassiker des karibischen Marxisten C. L. R. James, »Out of Their League« (1971), der Autobiographie des American-Football-Rebellen Dave Meggyesy und Dave Zirins »What’s My Name Fool? Sports and Resistance in the United States« (2005). Ganz große Sportliteratur.
A. M. Gittlitz: Metropolitans: New York Baseball, Class Struggle, and the People’s Team. Astra House, New York 2026, 496 Seiten, 30 US-Dollar
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