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Comic

Wie soll das funktionieren?

Nele Jongelings Comic »Ich will nicht arbeiten«

Foto: Reprodukt
Seltsame Wesen in einem seltsamen System: Wir nennen es Kapitalismus

Ein sonderbares Buch. Die »normalen« Menschen haben Ohren von Katzen oder Hasen, Schnäbel, Hörner oder auch schon mal ein Geweih, das Gesicht der Protagonistin Edith Feder aber ist kaum definierbar, erinnert vage an eine dieser Luftballonknotfiguren, mit deren Nachbildung Jeff Koons sein Geld macht, oder an das Handzeichen für Blabla mit zwei Augen. Auf dem Titel schmilzt sie über einem Gebäude dahin. Die Zeichnungen in Gelb, Hellblau und Orange sind aufgeräumt, keinerlei Schattierung, die oft extreme Tiefe entsteht allein durch Perspektive.

Genauso schräg und übersichtlich ist die Geschichte. Ein Fernsehsender bringt in Zusammenarbeit mit dem Bundesbüro für Beruf das Reality-Format »Projekt Traumberuf«. Ein individuell zugeschnittener solcher erwartet nämlich die Kandidaten, die gewissenhaft alle ihnen gestellten Aufgaben erfüllen. Diese Challenges sind eigentlich zu meistern. Es gibt zunächst eine Analyse, deren Ergebnisse aber nicht verkündet werden, an den darauffolgenden Tagen sollen die Teilnehmer an Seilen eine Häuserwand erklimmen, trotz Handyablenkung eine Tabelle ausfüllen und im Team ein Essen zubereiten. Nach und nach lernt man die Leute kennen. Frau Yilmaz hat den Job verloren, weil ihr im Alltag das Wohl des Kindes wichtiger war als pünktlich bei der Arbeit zu erscheinen. Herr Schulte wäre froh, er hätte mehr Zeit mit seiner Familie verbracht. Frau Wilke ist groß in medialer Selbstdarstellung, Herr Bao hat in den Augen seiner ehemaligen Chefin zu hohe Ansprüche: »Bessere Bezahlung, mehr Personal und am Ende noch eine 30-Stunden-Woche. Wie soll das funktionieren? Manchmal frage ich mich, ob die Leute heutzutage überhaupt noch arbeiten wollen.«

Edith Feder sagt früh und ganz offen, dass sie nicht arbeiten will. Damit dürfte sie je nach Definition von Arbeit der Mehrheit oder zumindest einer großen Minderheit wenn nicht der Bevölkerung, so gewiss der zwischen 1995 und etwa 2010 geborenen Gen Z aus der Seele sprechen. Und sie hat ja recht, kein seelisch und geistig intakter Mensch findet seine Erfüllung in dem, was er zum Broterwerb zu tun genötigt ist. »Die Arbeit ist etwas Unnatürliches. Die Faulheit allein ist göttlich«, sagt Anatole France, und Paul Lafargue spöttelt in seinem »Recht auf Faulheit«: »Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den Nationalreichtum und damit euer persönliches Elend. Arbeitet, arbeitet, um, immer ärmer geworden, noch mehr Ursache zu haben, zu arbeiten und elend zu sein. Das ist das unerbittliche Gesetz der kapitalistischen Produktion.«

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Findet man aber den richtigen Beruf, muss man nie arbeiten – oder genauer: nie schuften, malochen, placken. »Sie sind eine Heuchlerin«, sagt der Psychocoach Frau Feder, »Sie wollen es schaffen. Aber Sie wissen nicht mal, was ›es‹ überhaupt ist.« Genau wie die Showkandidaten nicht wissen, was ihr Traumjob – oder Traumberuf – wohl ist und welchen Stellenwert im Leben er einnehmen soll.

Die Künstlerin Nele Jongeling ist auch Aktivistin: Sie setzt sich für die Sichtbarkeit von sogenannten Detransitionern ein und ist Mitbegründerin des Post-Trans-Projektes, das die Geschichten von Betroffenen veröffentlicht. Mit der Zahl von Menschen, die sich für eine Geschlechtsanpassung entscheiden, steigt auch die Zahl derer, die den Schritt bereuen und so weit wie möglich rückgängig machen wollen. Darum ging es in ihrem ersten großen Comic »Emil:ia« (Jaja-Verlag 2022). Auf ihrem Insta-Kanal schreibt sie: »Ich habe mich mehrere Jahre als Transmann identifiziert, bis ich irgendwann realisierte, dass meine Transition ein Verdrängungsmechanismus war. Ich verstand, dass Geschlechtsidentität für mich unweigerlich mit gesellschaftlichen Stereotypen verbunden war. Mittlerweile identifiziere ich mich weder als Frau noch als Mann oder irgendein anderes Geschlecht.«

→ Nele Jongeling: Ich will nicht arbeiten. Reprodukt-Verlag, Berlin 2026, 304 Seiten, 29 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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