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Kino

Pumpen und ballern

Das Patriarchat muss weg: Evi Kalogiropoulous Spielfilmdebüt »Gorgonà«

Foto: UFO Distribution
Jederzeit gefechtsbereit: Maria (Melissanthi Mahut)

Ich hasse nicht die Männer!« Regisseurin Evi Kalogiropoulou unterstreicht ihre Aussage durch Kopfschütteln. Unser Gespräch findet im März dieses Jahres am Rande des Griechischen Filmfestivals in Berlin statt. Sie hebt den Zeigefinger und wiederholt: »Ich hasse nicht die Männer. Ich hasse das System! Das Patriarchat.« – Doch wie kann es überwunden werden?

Ihr Langfilmdebüt »Gorgonà« gibt eine klare Antwort. Maria (Melissanthi Mahut) greift zur Waffe. Vielleicht wurde sie ihr auch in die Hand gedrückt. Wir erfahren nicht, wie und wann genau ihr Verhältnis mit Nikos (Christos Loulis) begann. Nikos ist das Oberhaupt eines abgeschotteten Stadtstaates. Er ist mehr Boss als Bürgermeister; es gibt nicht eine Szene, die ihn am Schreibtisch zeigt. Und er ist todkrank. Was er hat, bleibt unklar. Muskelschwund scheint es jedenfalls nicht zu sein. Meistens sehen wir ihn mit freiem Oberkörper, genau wie seine von der harten Maloche in der Raffinerie schmutzstarrende Gefolgschaft. Wenn sie ihre allabendlichen Schieß- und Kampfübungen unter Nikos’ wachsamen Augen vollführen, sieht es immer ein bisschen so aus, als würde Rammstein einen auf Fernsehballett machen. Nur hat die Choreographie eben neuerdings diesen einen kleinen Makel: Maria.

Nicht alle Männer hassen sie. Sie hassen nur die Vorstellung, bald in einem Matriarchat leben zu müssen. Dabei stinkt den schießwütigen Proleten ohnehin schon so einiges. Das fängt beim Kantinenfraß an, einem übel aussehenden Brei, garantiert vegan, denn Tierhaltung gibt es keine mehr. Die Umgebung des Stadtstaates ist komplett verseucht. Dass es sich hier überhaupt halbwegs leben lässt, verdanken die Bewohner allein der Raffinerie. Das Benzin tauschen sie gegen Alkohol, Tabak, pharmazeutische Produkte und Frauen.

Lange Zeit fragt sich der Zuschauer, warum Nikos diesem halbwegs funktionierenden ökonomischen Mikrokosmos eine Frau vor die Nase setzen will.

Die Antwort liegt in der Vergangenheit. Damals hatte er ein Verhältnis mit Marias Mutter. (Nikos ist ganz bestimmt nicht Marias Vater. »Gorgonà« ist kein Inzestdrama.) Irgendwann wurde Nikos dann seiner Geliebten überdrüssig. Vielleicht ängstigten ihn auch ihre übernatürlichen Kräfte. Jedenfalls sorgte er dafür, dass Marias Mutter bei lebendigem Leibe verbrannte. Jetzt, da sein Ende naht, plagt ihn das schlechte Gewissen. Vielleicht hat er auch nur Schiss davor, in der Hölle schmoren zu müssen oder im Jenseits nackt an einen Fels gekettet zu werden; Nikos ist ein gottes- und götterfürchtiger Mensch.

Das erste Kapitel des Films beginnt mit einer ritualisierten Abwandlung des Abendmahls. Alle Jünger und auch die umstrittene Jüngerin nehmen einen ordentlichen Schluck aus der Pulle. Wegen der allgemeinen Lebensmittelknappheit bekommen sie als Ersatz für die Hostie eine Spritze mit Anabolika in den Oberschenkel gerammt (gleich durch die hautengen Jeans). Danach wird wieder gepumpt und geballert. Motto: Jederzeit gefechtsbereit! Man lebt schließlich nicht auf einer Insel der Glückseligkeit. Da sollte sich niemand vom Filmtitel täuschen lassen!

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Gorgona ist auch der Name der letzten Gefängnisinsel Europas. Sie gilt heute als Perle des italienischen Strafvollzugs: keine Mauern, Arbeit an der frischen Luft und Biogemüse für die Gefängnisküche. Die härteste Strafe: zurück in einen Knast auf dem Festland. Selbst die ganz schweren Jungs machen hier keinen Ärger, ganz anders als im Film. Der größte Unterschied jedoch besteht hinsichtlich der Zukunftsaussichten.

Die Gefängnisinsel eröffnet gewisse Perspektiven für die Zeit danach. Der paramilitärisch strukturierte Stadtstaat in »Gorgonà« ist eine der letzten und ganz bestimmt nur vorübergehenden Zufluchtsmöglichkeiten vor der globalen ökologischen Apokalypse.

Am Ende unseres Gesprächs frage ich Evi Kalogiropoulou, ob es nicht passieren könnte, dass das Matriarchat zwar kommt, aber leider erst dann, wenn schon alles zu spät ist.

»Wenn wir weiter so mit unserer Umwelt umgehen, kann das passieren.«

»Wenn es dann mit der neuen Herrschaft nicht klappen sollte«, sage ich, »ließe sich das dann praktischerweise mit dem Mangel an Zeit entschuldigen.«

Wieder hebt sie ihren Zeigefinger: »Wir werden keine Entschuldigung benötigen!«

Auf unser Gespräch hatte ich mich übrigens sehr sorgfältig vorbereitet, auch weil es auf englisch geführt werden sollte. Als Einstieg stellte ich folgende Frage: »Wenn Sie als Verbrecher verurteilt werden würden, würden Sie dann Gorgona als Gefängnis bevorzugen?« – »What?«

Ich weiß nicht, wie oft ich meine Frage wiederholt habe. Fakt ist, der Titel »Gorgonà« bezieht sich allein auf die Mädels aus der griechischen Mythologie. Von jener italienischen Insel, auf der die Männer (ohne Frauen) seit langer Zeit so friedlich miteinander auskommen, hatte die Regisseurin offenbar noch nie etwas gehört.

→ »Gorgonà«, Regie: Evi ­Kalogiropoulou, Griechenland/Frankreich 2025, 96 Min., Kinostart: heute

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.06.2026, Seite 11, Feuilleton

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