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»Jüdisch-bolschewistisch« und »asiatisches Heidentum«

Dokumentiert. Auszug aus einem jW-Artikel von 2015 zur Geschichte deutscher Russland-Bilder

Von Manfred Weißbecker
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-R92623/Wikimedia
Raubfrieden. Vertreter des Deutschen Reichs und Sowjetrusslands unterzeichnen am 15. Dezember 1917 in Brest-Litowsk das Waffenstillstandsabkommen

Sich mit der langen Geschichte deutscher Russland-Bilder zu befassen und dabei insbesondere die des deutschen Faschismus in Erinnerung zu rufen – das gebietet der kritische Blick auf einige neue Erscheinungen in den Krisen und Kriegen unserer Zeit sowie in der gegenwärtig betriebenen bundesdeutschen Außen- und Militärpolitik. (…)

Als sich den Deutschen 1917/18 Gelegenheit bot, in Brest-Litowsk dem besiegten und revolutionserschütterten Russland einen Frieden zu diktieren, machten sich unter deutschen Militärs und Politikern außerordentlich expansionistische und zugleich menschenfeindlich-unbarmherzige Herrschaftsgelüste breit. (…) Die Dimensionen des im März 1918 abgeschlossenen Vertrags reichen übrigens weit hinaus über die des wesentlich bekannteren Versailler Vertrags, der Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg aufgezwungen worden ist. Wenn eine These vieler Historiker lautet, der Versailles-Komplex habe dazu beigetragen, der NSDAP Massenanhang zu ermöglichen und sie an die Macht zu tragen, kann dem zugestimmt werden, vorausgesetzt, man weiß um das »Super-Versailles« von Brest-Litowsk.

Ludendorffs Pläne für das deutsche Friedensdiktat von 1917 umfassten sogar weit mehr als das schließlich Erreichte und zielten – vor Hitler also – auf ein deutsches Ostreich. (…) Diese Ostpolitik jener Zeit offenbarte zudem noch anderes: Da wurde die sowjetrussische Forderung nach einem Frieden ohne Annexionen mit der These unterlaufen, es sei kein Landraub, würden sich russische Gebiete »freiwillig« dem Deutschen Reich anschließen. (…)

Was von deutschen Truppen in den damals als »Ober-Ost« bezeichneten Gebieten praktiziert worden ist – angestachelt auch durch antisemitische Äußerungen des deutschen Kaisers – gilt in vieler Hinsicht als ein »Vorspiel zum Holocaust«. Und ebenso entlarvend lauten die Begründungen, mit denen ein Hindenburg 1917 die faktischen Annexionen rechtfertigte: Er sprach davon, sie seien notwendig, um »für den nächsten Krieg gegen Russland den Raum für die Bewegung des linken deutschen Flügels« sichern zu können. (…)

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Das Bild von Russland, mit dessen Hilfe Hitler in dem langen Kapitel »Ostorientierung oder Ostpolitik« von »Mein Kampf« die Eroberung von Land im Osten rechtfertigte, ging von russophoben Vorstellungen aus, denen sich andere politische und ideologische Sichtweisen bloß bei-, wenn nicht gar unterordneten. Das von Hitler in seinem Buch und am 3. Februar 1933 vor deutschen Generälen formulierte Ziel einer Eroberung und Kolonisierung des Landes der Russen durch die Deutschen prägte alle Russland-Bilder des deutschen Faschismus, ebenso sein taktierendes und zeitweise friedensdemagogisches Verhalten gegenüber der als »jüdisch-bolschewistisch« charakterisierten Sowjetunion. Alfred Rosenberg, Chefideologe der Nazis, sprach von Russland als einer Apfelsine, die zu verspeisen nur gelänge, wenn sie in einzelne Teile zerlegt würde. (…)

Der antibolschewistische Propagandakrieg der 1930er Jahre verknüpfte sich eng mit einer pejorativ auf den Volkscharakter bezogenen russophoben Argumentation. Da wurde die These von einer »rassisch-völkischen Bedingtheit der bolschewistischen Revolution« vertreten; da wurde behauptet, in Russland sei eine Vermischung von »nordisch bestimmte(m) Charakter« und »mongolisch-asiatischen Instinkten« vor sich gegangen, wodurch das Wesen des Russentums geprägt worden sei; da wurde von einer »Bastardisierung« der charakterschwach gewordenen Russen gefaselt usw. usf. Immer wieder tauchte auch das »Argument« auf, die Russen seien dank ihres »Zerstörerinstinkts« nicht zu staatenbildender Kraft in der Lage und lediglich bedeutsam geworden unter der Vorherrschaft von Normannen und Deutschen. (…)

Da störten auch nicht jene Verwirrungen und Dissonanzen, die es in Deutschland rund zwei Jahre nach dem Abschluss des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspaktes am 23. August 1939 gab. (…) Goebbels notierte tags darauf in sein Tagebuch, die Frage des Bolschewismus sei »im Augenblick von untergeordneter Bedeutung«, man sei in der Not und fresse »des Teufels Fliegen«. (…) Arroganz und Selbstüberhebung ließen allerdings in der Zeit des »Russen-Vertrags«, d. h. auch in der Zeit der Vorbereitung des Überfalls auf die UdSSR, kein wirklichkeitsnahes Bild von Russland zu. Forderungen nach einer »zuverlässigen« Berichterstattung wurden nach wie vor abgeblockt. Das, was im »Dritten Reich« als »Sowjetforschung« betrieben wurde, verbaute der Naziführung jeden einigermaßen realistischen Blick auf Russland. (…)

Von einer Befreiung des deutschen Volkes war bis 1985 (in der BRD) offiziell nie die Rede; lange galt, was Konrad Adenauer und Theodor Heuß in einem Vieraugengespräch am 18. März 1955 zu ihrem Prinzip im Umgang mit der Erinnerung an den 8. Mai 1945 erhoben: »Dass dieser Tag möglichst geräuschlos vorübergehe«. Selbst das rassistische Moment blieb nicht ungenutzt. So erklärte der Bundeskanzler auf dem Karlsruher CDU-Parteitag von 1951: »Wir müssen uns entscheiden für asiatisches Heidentum oder für europäisches Christentum.«

→ Manfred Weißbecker: Der Feind im Osten. Der wiedererwachte Hass auf den »Iwan« hat in Deutschland eine lange Tradition. Besonders menschenverachtend war das Russland-Bild zur Zeit des Faschismus. In: jW vom 20. ­April 2015

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.06.2026, Seite 3, Wochenendbeilage

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