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Ungleichheit

Reichtum vergiftet

Führende EU-Unternehmen verschärfen gesellschaftliche Spaltung. Oxfam-Bericht geißelt Konzernmacht als Treiber sozialer und ökologischer Krisen

Foto: Depositphotos/IMAGO
»Ist es ›Bayer‹, ist es Gift«: Protest gegen den deutschen Chemiegiganten in Buenos Aires im Jahr 2022

Die ärmere Hälfte der Menschheit besitzt knapp über ein halbes Prozent des globalen Vermögens. Das reichste Prozent hortet fast 44 Prozent, mit steigender Tendenz. Ungleichheit ist kein Naturereignis, sondern Ergebnis politischer und ökonomischer sowie – ganz konkret – der Macht von Konzernen. Die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam hat in einer Studie die hundert umsatzstärksten Unternehmen in Europa daraufhin untersucht, wie diese die Spaltung zwischen Arm und Reich befördern. Resultat: Sie sind nicht nur ein wesentlicher Treiber sozialer Verwerfungen, sondern verschärfen zudem die politischen, wirtschaftlichen und ökologischen Krisenphänomene dieser Welt.

Der am Dienstag veröffentlichte Bericht »People, Power, Profits, Planet: How the biggest European companies fuel the global inequality crisis« nimmt auf 65 Seiten verschiedene Aspekte von Ungleichheit unter die Lupe. Er blickt dabei sowohl auf innerbetriebliche Indikatoren als auch auf die Außenwirkung von Konzernstrategien, die auf maximalen Profit ohne Rücksicht auf Folgeschäden für Mensch und Natur zielen.

Begünstigt wird das speziell durch die vorherrschende Rechtsform entweder als Aktiengesellschaft (AG) oder Societas Europaea (SE) mit einem komplexen Geflecht aus Tochtergesellschaften und Anteilseignern. Die Struktur fördert eine Kultur der Gier. Zwischen 2022 und 2024 strichen die Aktionäre der führenden europäischen Konzerne im Schnitt mehr als zwei Drittel der Gewinne ein. Sechs Unternehmen, darunter der deutsche Chemiegigant Bayer, schütteten vor zwei Jahren sogar Dividenden aus, obwohl sie Verluste gemacht hatten.

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Investitionen, zumal in umwelt- und klimaschonende Technologien und Produktionsprozesse, bleiben dabei auf der Strecke. Gemäß der Oxfam-Analyse verteilten 2024 knapp die Hälfte der »Big Hundred« zusammen 32 Mal so viel Geld an ihre Anleger, wie sie für den ökologischen Wandel übrig hatten. Während sie in der Gesamtsicht den Ausstoß an schädlichen Klimagasen zwar verringerten, verursachten sie gemeinsam gleichwohl noch rund 26 Prozent der weltweiten CO2-Emissionen.

Deutsche Schwergewichte wie Lufthansa und Thyssen-Krupp haben ihre Bilanz sogar verschlechtert. Das alles sei »kein zufälliges Ergebnis wirtschaftlicher Entwicklungen, sondern Ausdruck eines Systems, das zu einem enormen Einfluss von Großkonzernen und der Konzentration von Milliardenvermögen führt«, äußerte sich Leonie Petersen, Referentin für sozial-ökologische Transformation bei Oxfam Deutschland, per Mitteilung.

Die BRD ist dabei längst zu einem Hotspot der Absahner geworden und steht bereits an vierter Stelle der Staaten mit den meisten Milliardären. Gleichzeitig lebt rund ein Fünftel der Bevölkerung in Armut. Von den 100 Konzernen legten 89 die Gehälter ihrer Führungskräfte offen. Mit sechs Millionen Euro jährlich verdienten die CEOs 2024 im Mittel 78 Mal mehr als ein Beschäftigter im entsprechenden Unternehmen im Durchschnitt erhielt. Zwei Jahre zuvor betrug das Verhältnis noch eins zu 74. Dabei bleibt Bereicherung eine Männerdomäne, gerade hierzulande. Die Lücke bei der Vergütung zwischen den Geschlechtern (Gender Pay Gap) betrug laut Studie in der Gesamtsicht zuletzt elf Prozent, hierzulande waren es 16 Prozent. Einsame Spitze beim Diskriminieren ist die Deutsche Bank mit einer Kluft von 39 Prozent.

»Wenn ein Konzernchef schon nach fünf Arbeitstagen mehr verdient hat als seine Beschäftigten im ganzen Jahr, dann läuft etwas grundlegend schief«, nahm gestern Martin Schirdewan, Vorsitzender der Linksfraktion im EU-Parlament, Stellung. Seine Partei plädiert für eine Begrenzung der Managersaläre auf das 20fache einer Fachkraft im jeweiligen Unternehmen. Von der EU-Kommission forderte er eine »wirksame Regulierung von Lobbyeinfluss, mehr Transparenz bei Gehältern und eine gerechte Besteuerung von Übergewinnen«. Oxfam verlangt ferner von der Bundesregierung, von der ab 2028 geplanten schrittweisen Senkung der Körperschaftssteuer (Gewinnsteuer für Kapitalgesellschaften) von aktuell 15 auf zehn Prozent abzusehen. Bis 2029 sollen deutsche Unternehmer auf diesem Weg um 14 Milliarden Euro »entlastet« werden.

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Erschienen in der Ausgabe vom 10.06.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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