Zum Inhalt der Seite

Energiewende rückwärts

Foto: RWE/dpa
Genau so ist es richtig: Sprengung des letzten Kühlturms des stillgelegten AKW Biblis (16.1.2026)

Die Ministerin Katherina Reiche (CDU) hat Blut geleckt. Nachdem »Schwarz-Rot« den Beginn der Legislatur dazu genutzt hatte, die sogenannte Energiewende wieder rückgängig zu machen, fordert sie nun angesichts der bedrohlichen Versorgungslage bei den fossilen Energieträgern, doch endlich auch in Deutschland das Gasfracking zu erlauben.

Die Welt ist sogleich begeistert. Diese Fördermethode sei zwar »politisch umstritten«, wird ein »Experte« zitiert. Doch »durch eine heimische Förderung könne man Unabhängigkeit und Resilienz bei der Gasversorgung stärken«. Auch wäre es ein »Signal an die Wirtschaft«. Denn es schaffe »die Wahrnehmung in der Industrie, dass sich die Regierung um die Versorgung bemüht. Außerdem würde eine Förderung im Inland zu geringeren Emissionen führen als der Import von Gas aus dem Ausland.« Schön, wie es dem Springer-Blatt gelingt, den ökologischen Kahlschlag rhetorisch in ein grünes Mäntelchen zu hüllen.

In welch schwindelerregender Geschwindigkeit die spärlichen Errungenschaften der bisherigen Umweltpolitik demontiert werden, hat nicht zuletzt der Auftritt von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen auf einem »Atomgipfel« am Dienstag in Paris gezeigt. Da redete sie unmittelbar vor dem 15. Jahrestag des Super-GAUs von Fukushima einer Renaissance der Kernkraft das Wort. Mini-AKW sollen es richten und die EU-Wirtschaft aus ihrer Energienot herausführen. Für die wacker die Interessen der Ostdeutschen vertretende Berliner Zeitung ein Anlass, am Freitag Ratschläge für Aktienspekulanten zu veröffentlichen, die in eines der dreckigsten Geschäfte überhaupt investieren wollen. Denn wohin mit dem strahlenden Müll? Die BRD sucht seit Jahrzehnten vergeblich nach einem Endlager.

Das wissen sicher auch die klugen Köpfe hinter der FAZ. Die brachte am Freitag jedoch einen Kommentar, in dem die CSU für ihren mutigen Schritt gefeiert wird, anders als die christdemokratische Schwesterpartei, den AKW-Vorstoß des CDU-Mitglieds von der Leyen zu unterstützen. Bayern liegt ja auch nicht am Meer, Tsunamis sind hier vorerst nicht zu erwarten. Vergessen scheint allerdings, wie die demnächst von der EU mit einem Verdienstorden geehrte damalige Kanzlerin Angela Merkel (ebenfalls CDU) angesichts der Fukushima-Katastrophe vor die Kameras trat und klagte, dass ja niemand so etwas habe vorhersehen können. Wirklich? Vielleicht die studierte Physikerin nicht. Aber wie ist es mit Umweltschützern und AKW-Gegnern? Doch deren Meinung spielt bei alldem keinerlei Rolle. (jt)

junge Welt

Du findest junge Welt Journalismus wichtig – aber ein Abo ist (noch) nichts für dich?

Dann unterstütze uns jetzt mit einer monatlichen oder einmaligen Spende – ganz unkompliziert, ohne Verpflichtung, aber mit großer Wirkung.

Werde Teil einer engagierten Community, die die Weltsicht der Herrschenden nicht übernimmt, sondern kritisch hinterfragt. Dein Beitrag hilft uns dabei.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Danke für Deine Spende.
Sie macht junge Welt Journalismus erst möglich.
Erschienen in der Ausgabe vom 14.03.2026, Seite 2, Ansichten

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→Leserbriefe
  • Onlineabonnent*in Heinrich H. aus Stadum 13. März 2026 um 20:30 Uhr
    Ich verstehe nicht, woher die Überraschung über die Äußerungen des ehemaligen Fräuleins Albrecht bezüglich Kernenergie kommt. Kernenergie ist in der EU-Taxonomie als nachhaltige Übergangstätigkeit klassifiziert, und zwar schon länger. Der European Green Deal, der durch den Net-Zero Industry Act alle einseift und Schaum schlägt, wurde erfunden, um die wahren Interessen des fossilen Imperiums zu verdecken. Übrigens: Was in Fukushima geschehen ist, war in der Tat nicht vorherzusehen. Einen Sechser im Lotto kann frau auch nicht vorhersehen. Bei Kernkraftwerken ist der Fall entsprechend, jedes fliegt alle zwanzigtausend Jahre in die Luft, die Empirie bestätigt überzeugend die Berechnungen des Restrisikos. Bei dem einen oder anderen vergeht die Zeit halt schneller, nur die Liebe rostet nicht. Liebe Marxistinnen und Marxisten, immer positv denken, ein paar überleben immer!
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!