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Insekten

Nicht magisch, aber mystisch: Glühwürmchen

Foto: IMAGO/Everett Collection
Lieber nur einmal gucken: Isao Takahatas »Die letzten Glühwürmchen« (1988)

Das Gras im Garten ist zu lang für Golf oder Fußball, dafür können nicht allzu großwüchsige Kinder darin Verstecken spielen. Der darob wiederholt der Mähfaulheit geziehene Gartenverantwortliche verweist beharrlich auf den Schutz von Flora und Fauna und kommt Mitte Juni endlich damit durch, denn jetzt kommen die Glühwürmchen und beseelen allabendlich lautlos das wogende Gras.

Glühwürmchen sind nicht magisch, aber mystisch. Sie zaubern ja nicht oder werden gezaubert, sondern sie verzaubern, entrücken. Glühwürmchen lieben, mit Betonung auf dem zweiten Wort, Licht und Schatten. In den Dialekten heißen die Leuchtkäfer Glimmschwänzchen, Flammschwanz, Gloiärschken, Johannisfünkelchen, Flimmerwürmken, Brachmöndchen, auf italienisch Licht des Schäfers, Totenlicht oder drastisch-derb, aber naheliegend Lichtkacker und Feuer im Arsch.

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Sie kommen immer zur gleichen Zeit. Nach Plinius dem Älteren – es ist immer der Ältere – sind sie Orakeltiere: Wenn sie kommen, ist die Gerste reif, und die Hirse muss gesät werden. Woher wissen die Tiere, welches Datum wir haben? Es nähme nicht Wunder, wenn sie den gregorianischen Kalender kennten: Alle vier Jahre ein Schaltjahr, alle hundert nicht, alle vierhundert doch. Was wir wissen: In Deutschland gibt es drei, weltweit zweitausend Arten von Leuchtkäfern. Manche Arten synchronisieren ihr Leuchten, so dass ein ganzer Busch im Takt blinkt, andere fragen und antworten. Ihre Biolumineszenz entsteht durch die Reaktion zweier Stoffe mit den dämonischen Namen Luciferin und Luciferase. Das ist aber nichts Teuflisches, sondern bringt Licht (lat. lux, lucis), so wie ja auch Luzifer nur der Lichtengel ist.

»Die letzten Glühwürmchen« von Isao Takahata aus dem Jahre 1988 ist der einzige Ghibli-Film, den man höchstens einmal sehen möchte. Und nicht zuletzt: Der französische Immunologe Steve Pascolo ließ sich 2003 das Protein Luziferase injizieren, um die Wirksamkeit und Ungefährlichkeit von mRNA-Impfstoffen zu demonstrieren. Impfgegner behaupten, sein Hintern leuchte noch heute.

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Erschienen in der Ausgabe vom 18.06.2026, Seite 10, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Klaus W. aus L. 18. Juni 2026 um 15:11 Uhr
    »Die letzten Glühwürmchen« von Isao Takahata: der einzige Film, den man sehen muss, aber nur einmal sehen kann.
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