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23.05.2026
- → Wochenendbeilage
»Dekomposition« der Sowjetunion
Dokumentiert. Ende Mai 1941 waren die deutschen Besatzungspläne für die UdSSR fertig: Aushungern der Bevölkerung, Aufteilung des Landes und Zerschlagen der Industrie durch Treuhand und Privatisierung
Im Juni 1940 war die Zentralentscheidung des Zweiten Weltkrieges gefallen. Deutschland beabsichtigte, im Frühsommer 1941 in einem Blitzkrieg die Sowjetunion zu unterwerfen. In Fortsetzung früherer Versuche deutscher Ostexpansion sollte in den Gebieten westlich des Urals und des Kaspisees ein riesiges Kolonialreich entstehen – das deutsche »Ostimperium«. In dessen Schaffung und Beherrschung durch die Eroberung und Ausplünderung der Sowjetunion sah die faschistische Führung des Deutschen Reiches den entscheidenden Schritt auf dem Weg zur Weltmacht. Nach den Worten des Leiters des für die Verwaltung der zu unterwerfenden UdSSR eingerichteten Reichsministeriums für die besetzten Ostgebiete, Otto Bräutigam (1895–1992), führe man »Krieg zur Vernichtung des Bolschewismus, zur Zertrümmerung des Großrussischen Reiches und zum Erwerb von Kolonialland zu Siedlungszwecken und zur wirtschaftlichen Ausbeutung.« (…)
Bereits am 31. Juli 1940 sagte Hitler in einer Generalsbesprechung, es gehe um die »Vernichtung der Lebenskraft Russlands«. »Später« – dozierte er – »Ukraine, Weißrussland, baltische Staaten an uns.« Ein wesentliches Kriegsziel war die Vernichtung der UdSSR als staatliche Basis des Sozialismus. (…) Wesentliches Merkmal der Entschlussbildung zum Überfall und bei der Formulierung der Kriegsziele war die breite Zustimmung aller wichtigen Fraktionen der Herrschaftseliten. Bei keiner anderen Entscheidung im Zweiten Weltkrieg ist eine derartige Einmütigkeit zu erkennen, ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Kriegsziele fester Bestandteil der Ideenwelt der deutschen Herrschaftseliten waren.
Ende 1940 waren die militärisch-operativen Studien und mit der »Weisung Nr. 21 Fall Barbarossa« vom 18. Dezember 1940 auch die grundsätzlichen Befehle weitgehend erarbeitet. Seitdem beschäftigten sich die Stäbe mit der Ausformung der Kriegsziele und der Erarbeitung von Richtlinien und Strukturen für das zu errichtende Okkupationsregime. Diese Phase wurde Ende Mai 1941 abgeschlossen.
Eine entscheidende Frage war die »Beherrschung« der eroberten Gebiete. Hier folgte die faschistische Führung ziemlich genau der aus der wilhelminischen Ära bekannten Dekompositionspolitik, der Politik der Zerschlagung der UdSSR und der Aufteilung des Landes in leichter zu beherrschende Teile mit unterschiedlichem staatsrechtlichen Status. Vor seinen engsten Mitarbeitern erklärte Hitler, es komme darauf an, »den riesenhaften Kuchen handgerecht zu zerlegen, damit wir ihn erstens beherrschen, zweitens verwalten und drittens ausbeuten können«. (…) Am 2. April 1941 wurde festgelegt, für eine Übergangszeit das gesamte »Ostimperium« einem Reichsostministerium zu unterstellen und in die Reichskommissariate »Ostland«, »Ukraine«, »Kaukasien« und »Moskau« zu zergliedern. (…)
Im März 1941 setzten die Planungen zur bevölkerungspolitischen »Neuordnung« des »Ostimperiums« ein. Bis zum 6. Juni 1941 lagen für die Wehrmacht und die Organe der SS die Weisungen und Befehle zur politischen und »rassischen Säuberung« vor. Diese umfassten die Vernichtung aller Kommunisten, die »Reduzierung« der slawischen Bevölkerung, die Ermordung der Juden, »Zigeuner« und geistig Behinderten, aber auch die massenhafte Deportation der »nichteindeutschungsfähigen« Bevölkerung in den zu annektierenden Gebieten.
Die wirtschaftspolitischen Ziele wurden seit November 1940 in intensiven Gesprächen zwischen dem wirtschaftsleitenden Apparat unter Hermann Göring, dem »zweiten Mann« nach Hitler, und Vertretern des Finanzkapitals sowie Offizieren des Wehrwirtschaftsapparates festgelegt. (…) Man strebte die komplette Versorgung der riesigen Kriegsmaschine, der Wehrmacht, des Besatzungsapparates und der Unterdrückungsorgane aus der UdSSR an. Außerdem sollten schnell in größerem Umfang Lebensmittel nach Deutschland gebracht werden. Um die benötigten Mengen zu erhalten, musste nach Meinung der deutschen Verantwortlichen die Anzahl der sowjetischen Konsumenten verringert werden. In einer Notiz über eine Beratung von Staatssekretären am 2. Mai 1941 unter Leitung Görings heißt es, dass bei Verwirklichung der deutschen Versorgungsziele »zweifellos zig Millionen Menschen verhungern« und damit auch die für die Erlangung von Land für deutsche Siedler benötigten »menschenverdünnten Zonen« entstehen würden. (…)
Die sowjetische Fertigwarenindustrie war zu beseitigen, die Betriebe sollten ausgeschlachtet werden. In den Richtlinien des für die Ausbeutung der UdSSR zuständigen Wirtschaftsstabes Ost vom 23. Mai 1941 heißt es, in keinem Fall dürfe eine »russische Konkurrenz« für die Industrie des »Altreichsgebietes« entstehen. »Eine Zerstörung der russischen Verarbeitungsindustrie ist auch für die fernere Friedenszukunft Deutschlands eine unbedingte Notwendigkeit.« Alles Eigentum sollte zunächst in einen Treuhandfonds überführt werden. Mit einem Federstrich sollten das gesamte sowjetische Volkseigentum und das genossenschaftliche Vermögen enteignet und nach dem Krieg privatisiert werden. Monopole und Staat hatten sich auf ein lupenreines Kolonial- und Ausschlachtungskonzept für die nächsten »1.000 Jahre« geeinigt.
Martin Seckendorf (1938–2020): Kolonialstrukturen für das »Ostimperium. Vor 60 Jahren wurden die Grundzüge der Okkupationsverwaltung in der zu unterwerfenden UdSSR festgelegt. In: junge Welt, 5. Mai 2001
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