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23.05.2026
- → Feuilleton
Sonisches Kerosin
Was macht der Garagenrock eigentlich gerade?
Er hat alle Hände voll zu tun – etwa mit The Good the Bad and the Zugly. Seit 2018 schreit der ingeniöse Krakeeler Ivar Nikolaisen auch noch bei Kvelertak herum, aber seine eigentliche Bestimmung ist diese komische Trümmertruppe. Der Legende nach hat Little Steven sie mal in Oslo gesehen und gleich zur schlechtesten Band der ganzen Welt erklärt. Vermutlich aber gehört das nur zur ironischen Selbstdemontage der Norweger. Andere beweihräuchern jedes neue Elaborat, sie machen sich immer wieder selbst herunter, sind aber in Wirklichkeit die Rettung des skandinavischen »Fast foward«-Rock, weil sie die schleichende Sublimierung anderer Bands nicht mitmachen und auch auf ihrem achten Album »November Boys« immer noch klingen wie Hellacopters und Gluecifer in den wilden Mittneunzigern. Nur eben mit Nikolaisens hohem Irrsinnsorgan. Das knallt mit Melodie und ziemlich viel Witz und langweilt an keiner Stelle.
Wo wir gerade von Gluecifer sprechen – die Originale sind nun also auch wieder auferstanden. Aus Ruinen! Die Norweger gehörten mit den Hellacopters, Backyard Babies und Turbonegro zu den kompetentesten Vertretern der skandinavischen Propeller-Rock-Renaissance in den Neunzigern. Anders als ihre Mitbewerber haben sie die Transformation zum geschniegelten Hard Rock nie so vehement vollzogen und blieben stets in Sichtweite ihres schimmligen Übungskellers. Vielleicht ist auch das einer der Gründe, warum ihnen der ganz große Erfolg versagt blieb und sie sich Mitte der nuller Jahre auflösten. Seit 2017 sind sie wieder live unterwegs und jetzt, nach über zwei Dekaden, erscheinen auf »Same Drug New High« endlich neue Songs, die klarstellen, dass es ganz richtig war, sie zu vermissen.
Michael Monroe ist noch so ein Stammvater, der gerade mit »Outerstellar« ein neues Album veröffentlicht hat. Er war nie weg, denn anders als die Genannten kann er sich eine Auszeit gar nicht leisten. Vermutlich hat Monroe allein in seiner langen Solokarriere, von der Zeit bei Hanoi Rocks gar nicht zu reden, mehr Hits geschrieben als all die L.-A.-Sleaze-Bands zusammen, die ihn schon früh kopierten und ein Vielfaches an Alben verkauften. Nur gemerkt hat es mal wieder keiner. Man muss ihn sich wohl trotzdem als glücklichen Menschen vorstellen, sonst würde er nicht weiterhin solche gutgelaunten, entspannten, Hooks im Dutzend aus dem Ärmel schüttelnden Alben veröffentlichen.
Das kann man von den Lords of Altamont kaum behaupten. Bei »Forever Loaded« darf man nicht jeden Ton auf die Goldwaage legen, es geht um die Attitüde, den Ehrgeiz und die Nachtseite des Hippietums, also darum, den psychedelischen Garagensound von The Sonics, MC5 oder Blue Cheer noch einmal authentisch ins Pult zu metzeln. Die Fuzz-Riffs stehen gut im Hall, im Off jault Jake Cavalieres Farfisa und seine Stimme hat der Tontechniker immer leicht in den roten Bereich geregelt, damit es ja nicht zu aseptisch klingt. Tut es nicht, aber man muss leider auch einräumen, dass sie dem Kanon nichts mehr hinzufügen können. Diese Songs sind so erwartbar wie das Tagesschnitzel in einer abgetakelten Autobahnraststätte. Man braucht die Band als Instanz und auf der Bühne, aber nicht unbedingt auf dem Plattenspieler.
Auch die Tokioter Hanf-Punks Rocky & The Sweden sind mehr als Gesamtkunstwerk von Belang. Gerade begehen sie ihr Bandjubiläum und feiern ihren 30jährigen Rausch mit Neuauflagen der ersten beiden Alben, einer Kompilation ihrer Singles und nicht zuletzt dem brandneuen Output »Punks Pot Head«. Eine gute Gelegenheit, Nippons Hardcore-Veteranen endlich kennenzulernen. Für Hascher sind sie deutlich zu aufgedreht, sie reden drüber und drehen sich womöglich auch gern mal eine Tüte, aber geraucht wird erst nach der Show. Sie brauchen ihre volle motorische Funktionsfähigkeit für diese elf hektischen Kloppernummern – die meisten unter drei Minuten lang und stets an der Grenze des Spielbaren. Wie ADHS-kranke Duracell-Hasen scheppern sie sich einen. Rockys hysterisches Action-Shouting kostet mindestens genauso viele Körner. Für melodische Verzierungen bleibt da einfach keine Zeit. Hauptsache ankommen!
Kaleidobolt sind energetisch auf dem gleichen Niveau, intellektuell jedoch ein ganz anderes Kaliber. Ausufernde Soloexkursionen und trippy Jams treffen auf ebenso wilde und virtuos gezockte Baller-Parts mit scheppernden Surfgitarren. Konservatoriumsabgänger mit Zappa-Affinität gründen eine Garagenband. Vermutlich gibt es eine Partitur von jedem Song auf »Karakuchi«, die keinen Snarewirbel auslässt. Doch ihre spieltechnische Akkuratesse verbindet sich mit einer gewissen räudigen Urwüchsigkeit und vor allem hört man bei jedem Stück die Zunge in der Backe. Dass bei solchen Dada-Demonstrationen nicht in jedem Fall Radiorefrains herauskommen, ist zu verschmerzen. Dafür sind die Wucht und Verve der vier Finnen überwältigend.
Doch man muss gar nicht so hoch in den Norden fahren, um es aus einer Garage sprotzen zu hören. Marburg reicht. Das hier beheimatete Powertrio Supercobra setzt auf Abwechslung und lässt sich von frühem Rock’n’Roll, Sixties-Fuzz, Power Pop und Siebziger-Stadionrock inspirieren. Dementsprechend klingt »Nothing But Lies« noch am ehesten nach einer Kreuzung aus Imperial State Electric und Hellacopters. Das liegt auch daran, dass Stimme und Intonation von Markus Welby Schmidt dem Gesang von Nicke Andersson immer ähnlicher werden. Passend dazu kann das vierte Album auch wieder mit ein paar Hits punkten, dem Opener »Give It Up« etwa oder »Wanted Man«. Für die große Bühne fehlt vielleicht noch das letzte Bisschen Unverwechselbarkeit, aber solche Kleinigkeiten fallen einem immer nur auf, wenn alles andere wie die Faust aufs Auge passt.
Und da sind wir dann auch schon bei Bong Voyage. Die Komiker nennen sich Abuse Springsteen, Kim Bong Chill oder Bong Jovi und lassen keine Albernheit und schon gar keinen Kalauer aus. »Hedonistic Hard Rock« ist ein Debütalbum, aber das sagt in dem Fall rein gar nichts, weil die Musiker sonst bei Bands wie Håndgemeng auflaufen. Gutes Stichwort, denn deren Gute-Laune-Melange aus Stoner, Garage und US-Stadionrock erwartet einen auch bei Bong Voyage. Kvelertak, Thulsa Doom und die erwähnten The Good the Bad and the Zugly gehören auch noch zum splendiden Referenzrahmen. Da kann man nichts falsch machen. Die beiden Gitarren schwelgen in hymnischen Melodien, Charlie Ytterli kultiviert ein angenehm gutturales Shouting, das ein Gegengewicht zu den Monsterhooks liefert, und die Rhythmusabteilung klöppelt ihre Vorderleute so allerliebst zusammen, dass es eine Art hat.
Fehlt nur noch das Fazit: Der High Octane Rock ist längst wieder dort angekommen, wo er Anfang der Neunziger gestartet ist, im Untergrund. Macht gar nichts, Altvordere kehren noch einmal aus dem Ruhestand zurück, Jungspunde machen ihnen die Vorrangstellung streitig – das Genre zeigt sich erstaunlich lebendig. Wer braucht da noch eine weitere Renaissance?
→ The Good the Bad and the Zugly: »November Boys« (Indie)
→ Gluecifer: »Same Drug New High« (Steamhammer)
→ Michael Monroe: »Outerstellar« (Silver Lining)
→ The Lords of Altamont: »Forever Loaded« (Heavy Psych)
→ Rocky & The Sweden: »Punks Pot Head« (Relapse)
→ Supercobra: »Nothing But Lies« (Kamikaze)
→ Bong Voyage: »Hedonistic Hard Rock« (Ripple)
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