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Aus: Ausgabe vom 11.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Kunst

Auf dem Weg in die Moderne

Seismographen ihrer Generation: Eine beeindruckende Publikation über Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch
Von Peter Michel
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Paula Modersohn-Becker: »Selbstbildnis mit Hand am Kinn« (1906/1907)

Im Albertinum der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden ist derzeit die Ausstellung »­Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens« zu sehen. Sie entstand in Kooperation mit dem Munch-Museum Oslo und in Zusammenarbeit mit dem Kupferstichkabinett Dresden, dem Museum und der Stiftung Paula Modersohn-Becker Bremen und dem Museumsverbund Worpswede. Anlass war der 150. Geburtstag Paula Modersohn-Beckers, die am 8. Februar 1876 in Dresden-Friedrichstadt geboren wurde. Auch Edvard Munch hielt sich mehrfach in Dresden und an anderen Orten Deutschlands auf. Beide lebten in der Zeit großer gesellschaftlicher Umbrüche um 1900.

Zur Ausstellung erschien im Dresdener Sandsteinverlag eine umfangreiche Publikation in vertraut niveauvoller inhaltlicher und gestalterischer Qualität. Sie versteht sich nicht lediglich als Katalog, sondern fällt durch eine gründliche wissenschaftliche Aufarbeitung aller Aspekte dieser Epoche und des Schaffens beider Künstler auf – sowohl aus historischer als auch kunstwissenschaftlicher Sicht; in einer Ausführlichkeit und Gründlichkeit, wie man sie selten findet. 13 Autorinnen und Autoren steuerten Texte bei. Sie beschäftigen sich unter anderem mit Philosophie und Alltagsdebatten um 1900, mit dem Aufenthalt beider Künstler in Dresden, einer Stadt, die damals auf dem Weg in die Moderne war, mit neuer Kunst und Jugendstil, mit der Landschaft als Ausdrucksträger, mit Kinder- und Mutterbildern und anderen Themenfeldern, die in diesem Zusammenhang wichtig sind. Die jeweiligen Anmerkungen belegen die Sorgfalt, mit der gearbeitet wurde.

Die großen Fragen des Lebens – das ist ein beinahe unerschöpfliches Anliegen. In einem Text des Albertinums wird darauf verwiesen, dass der Begriff »Leben« um 1900 Hochkonjunktur hatte – als Oppositionsbegriff gegen Konventionen, Stillstand und Sinnentleerung des alten Jahrhunderts. Darauf hatte schon der Schriftsteller Ludwig Renn in seinem Roman »Adel im Untergang« auf beinahe sarkastische Art verwiesen. Nun griff ein neues Denken um sich. Im Museumstext heißt es weiter: »Das Wort stand für pulsierende Unmittelbarkeit, Erneuerung und Jugend. Modersohn-Becker und Munch wurden zu Seismographen ihrer Generation. Im Dialog ihrer Malerei begegnen sich zwei Welten, unterschiedliche Temperamente, Frau und Mann.«

So wird das Lesen und Blättern in diesem Band zu einem intellektuellen und ästhetischen Erlebnis. Zwei Fragen bleiben für mich offen: Die Arbeiterbilder von Edvard Munch, zu denen bereits der Kunsthistoriker Harald Olbrich in der DDR geforscht hatte, hätten einer breiteren Darstellung bedurft. Und der arglose Umgang mit der Gedankenwelt Friedrich Nietzsches in der Zeit um 1900 müsste genauer untersucht werden; seine Lebensphilosophie, sein Antisemitismus und sein Übermenschentum wurden später zu Bestandteilen der faschistischen Ideologie. Das alles schmälert das Vergnügen beim Lesen der Publikation nicht. Bestechend sind die zahlreichen professionellen Bild- und Schaffensanalysen.

Am Ende des Bandes findet man detaillierte Biographien von Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch sowie ein umfassendes, zu weiterer Forschung anregendes Personenregister. Allen Kunstfreunden sei dieser Band empfohlen.

Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Birgit Dalbajewa, Andreas ­Dehmer (Hg.): Paula Modersohn-­Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens. Verlag Sandstein Kultur, Dresden 2026, 280 Seiten, 220 meist farbige Abbildungen, 38 Euro

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