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Ungleiche Verbündete

Putin trifft Xi in Beijing

Von Jörg Kronauer
Foto: Alexander Kazakov/Sputnik/Pool via Reuters
Hinter dem Bündnis zwischen Russland und China verbergen sich verschiedene Interessen und Herangehensweisen (Tianjin, 31.8.2025)

Auf »beispiellos hohem Niveau« seien die Beziehungen zwischen Russland und China. Die außenpolitischen Standpunkte beider Staaten seien sogar »im wesentlichen identisch«: Wer hörte, was Juri Uschakow, Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin, vor dessen Besuch in Beijing äußerte, konnte beeindruckt sein. Und es stimmt ja: Putin trifft in der chinesischen Hauptstadt unter anderem ein, um dort den 30. Jahrestag der Einigung auf eine strategische Partnerschaft zwischen beiden Ländern und den 25. Jahrestag des Abschlusses ihres Vertrags über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit zu begehen. Es ist sein inzwischen 25. Aufenthalt in China – zum Vergleich: US-Präsident Donald Trump hielt sich vergangene Woche erst zum zweiten Mal in der Volksrepublik auf. Der russisch-chinesische Handel hat sich seit 2021 verdoppelt, die Zahl der gemeinsamen Manöver nimmt langfristig ebenfalls zu. Man könnte die Liste verlängern.

Blüht und gedeiht da also eine unverbrüchliche Freundschaft zwischen Russland und China, ein felsenfestes Bündnis, das alle Attacken des Westens gegen die beiden Länder entschlossen abwehren wird? Ja und nein. Ja, denn die russisch-chinesische Kooperation gründet stark auf der gemeinsamen Verteidigung gegen Angriffe aller Art, mit denen die Staaten der Europäischen Union und Nordamerikas sie überziehen. Sie beinhaltet außerdem das gemeinsame Streben, die vom Westen zementierte Ordnung der Welt zu zerbrechen, die sie beide – wie auch viele weitere Länder – untenhalten soll. Nein, denn der gemeinsamen Frontstellung gegen die Staaten des Westens liegt das kühl definierte Interesse zugrunde, jeweils den eigenen Staat zu behaupten, die Ziele des jeweiligen Landes gegen äußere Widerstände durchzusetzen. Dieses grundlegende Interesse teilen beide, das indes von anderen Interessen, die divergieren, überlagert wird.

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Da wäre etwa die Erdgaspipeline Power of Siberia 2, die seit vielen Jahren in Planung ist. Putin will am Mittwoch mit Xi zum wiederholten Mal über sie verhandeln. Russland braucht sie dringend, um verlorene Exporte nach Europa zu ersetzen. China bremst: Es will nicht in allzu starke Abhängigkeit von Russland geraten. Warum? Bloß ein Beispiel: Moskau setzt im Äußeren – siehe die Ukraine, Syrien, Mali – mangels wirtschaftlicher Macht stark auf sein Militär. Das kann schiefgehen – siehe Syrien. China setzt auf die solide Kraft seiner Ökonomie, nicht auf militärische Abenteuer. Es gibt allerlei weitere Differenzen. China ist Russlands größter Handelspartner und für Moskau daher unverzichtbar. Umgekehrt treibt China keine fünf Prozent seines Handels mit Russland; Beijing ist darauf nicht angewiesen. Dass der russisch-chinesische Handel beinahe vollständig in chinesischen Renminbi Yuan abgewickelt wird, ist für Moskau überlebensnotwendig, für Beijing, weil dies den US-Dollar ein wenig schwächt, eine Aufstiegschance.

Das russisch-chinesische Bündnis ist zur Zeit in der Tat solide. Es gründet aber in Interessen, die sich ändern können. Man muss sie – und nur sie – immer genau beobachten. Alles andere, das Gerede von Freundschaft etwa, gehört ins Reich der schönen Ideen.

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Erschienen in der Ausgabe vom 20.05.2026, Seite 3, Ansichten

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  • Onlineabonnent*in André M. aus B. 20. Mai 2026 um 08:17 Uhr
    Ein bisschen Wasser muss ich in den Wein geben. Ich glaube nicht, dass man die heutigen chinesisch-russischen Beziehungen ohne ihre Historie bewerten kann, insbesondere die des 20. Jahrhunderts. Die Hilfe der Sowjetunion vor Staatsgründung der VR China und danach war beispiellos, zumal zu einer Zeit, in der sie nichts zu verschenken hatte. Das verbindet trotz aller späteren Dummheiten. Auch die bürgerliche Presse verweist gern auf die fünf Prozent russischen Anteils am chin. Import. Das sagt aber nichts aus über die strategische Bedeutung der Importe (also ihre Wertigkeit für die chin. Wirtschaft und damit die Gesellschaft). Mit den Importen (insbesondere von Rohstoffen und Halbfertigprodukten) aus Russland ist China erst in der Lage, seine Interessen gegen den Westen durchzusetzen. Ohne sie sähe es für China dahingehend sehr viel schwieriger aus. Insofern ist China schon darauf angewiesen. Außerdem bewahrt die enge Zusammenarbeit den asiatischen Kontinent vor zu großer äußerer (sprich westlicher) Einflussnahme. Das steht sowieso immer im Hintergrund. Ich finde, das sind schon eine Menge gemeinsamer Interessen und Gründe für ein gedeihliches Miteinander (oder auch Nebeneinander). Beide belehren sich nicht, sie lernen voneinander und stimmen sich ab. Das ist sehr viel mehr, als der Westen zustande bringt. Dieses lose Bündnis ist daher eine Hoffnung für den Rest der Welt.
  • Istvan Hidy aus Stuttgart 19. Mai 2026 um 21:00 Uhr
    Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit existieren meist nur in der rückblickend verklärten Geschichtsschreibung. Von Gleichheit kann zwischen Russland und China ohnehin keine Rede sein. Angesichts ihrer unterschiedlichen politischen und kulturellen Traditionen überrascht die heutige Nähe zwischen beiden Staaten beinahe – zumal als friedliche Nachbarn. Das war keineswegs immer so. Noch 1969 standen sich die Sowjetunion und die Volksrepublik China in bewaffneten Grenzkonflikten feindlich gegenüber. Die schwersten Gefechte ereigneten sich im März desselben Jahres am Ussuri rund um die umstrittene Insel Zhenbao/Damanski. Mehrere Menschen kamen ums Leben; beide kommunistischen Atommächte bewegten sich gefährlich nahe an einer größeren militärischen Eskalation. Hintergrund waren nicht nur ungeklärte Grenzfragen entlang von Amur und Ussuri, sondern vor allem das tiefgreifende chinesisch-sowjetische Zerwürfnis seit Ende der 1950er Jahre, geprägt von ideologischen und machtpolitischen Gegensätzen. Dass Russland und China heute strategisch zusammenrücken, ist daher keineswegs Ausdruck historischer Freundschaft, sondern Ergebnis geopolitischer Entwicklungen nach dem Ende des Kalten Krieges. Die strategielose Politik des Westens nach 1990 – geprägt von der Vorstellung eines »Endes der Geschichte« – trug wesentlich dazu bei, die einstigen Rivalen einander anzunähern. Dabei ergänzen sich beide Mächte auf unterschiedliche Weise: China verfügt über enorme wirtschaftliche und technologische Stärke, Russland über militärstrategische Fähigkeiten, gewaltige Rohstoffreserven und geopolitische Tiefe – etwa im arktischen Raum oder bei modernen Hyperschallwaffen. Russlands Bodenschätze treffen auf Chinas Kapital, industrielle Kapazitäten und technologisches Know-how. Gerade diese Verbindung erscheint aus westlicher Perspektive als geopolitischer Albtraum, weil sie die seit rund 500 Jahren bestehende globale Dominanz des Westens infrage stellt.
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