Verraten und verkauft
Von Sabine Kebir
Milena Jesenskás Feuilletons begeisterten bereits Franz Kafka. In den 1920er und 1930er Jahren gehörte sie zu den wichtigsten Publizisten der jungen Tschechoslowakischen Republik (ČSR). Sie schrieb zu kulturellen Fragen, kämpfte für die Emanzipation der Frauen und widmete sich immer stärker der besonders in der ČSR wahrnehmbaren Gefahr, die Hitler für ganz Europa darstellte.
»Es braucht in Europa heute keine schwarze Haut, damit jemand zum Neger wird«, schrieb Milena Jesenská – in der für heutige Ohren abstoßenden Wortwahl noch Kind ihrer Zeit – zwei Wochen, nachdem sich Österreich am 15. März 1938 dem Deutschen Reich angeschlossen hatte. »Neger im heutigen Wien sind zum Beispiel Juden, Sozialisten, ehemalige österreichische Patrioten, Monarchisten, hie und da Tschechen und des öfteren Katholiken.« Sie würden noch nicht wie in Amerika »aufgeknüpft«, dürfen aber keine Berufe wie den des Arztes oder des Anwalts mehr ausüben, »Schriftstellern und Musikern darf niemand sein Ohr leihen. Außerdem beschlagnahmte man ›nur‹ ihr Vermögen und gab ihnen zu verstehen, dass sie sich davonmachen sollten.«
Ähnliches befürchtete Jesenská für alle europäische Juden. Von 15 Millionen Juden weltweit lebe bereits »ein ganzes Drittel außerhalb der Gesetze«. Aber auch »ein hundertprozentiger Arier« könne heute zum Opfer werden, »wenn er zum Beispiel Sozialist oder Demokrat ist«. Menschen würden bedrängt und verfolgt, »weil sie leben und etwas denken und weil sie gerade die Eltern haben, die nun mal die ihren sind. Sie brauchen nicht einmal etwas Verbotenes zu tun.«
Mit Kniestrümpfen
Ein düsteres Vorzeichen sei, dass das ehemals Tschechen und Slowaken beherrschende Österreich sich Hitler ergeben hatte. Die nun auch dort vollzogene administrative Zuweisung von Identitätshierarchien warf bereits Schatten auf das eigene Land: »Geht die Dame aus dem dritten Stock vorbei, grinst das Haus insgeheim, heutzutage etwas bösartig und giftig: Die Dame ist Jüdin. Und poltert der Student aus dem vierten Stock in den weißen Kniestrümpfen der Henlein-Anhänger¹ die Treppe herab, empfängt ihn die eisige Stimmung der aufgebrachten Straße. (…) Heute zeigt sich Herr Novotný vor allem als Tscheche und guter Nachbar, Herr Kohn als Jude, der Sohn des Herrn Kellner als wohlgestalteter, sportlicher junger Mann, der (…) weiße bayrische Kniestrümpfe trägt, und Herr Svoboda, Schneider im Souterrain, als Sozialdemokrat. Und unten im Souterrain wohnen auch noch zwei Emigranten, deutsche Sozialisten«, die nur durch einen Ausweis der Hilfskomitees geschützt sind. Dass sich die Menschen selbst plötzlich Kategorien zuordneten, sei der »Nährboden« für künftige »Pogrome«, die »Rache des kleinen Mannes am kleinen Mann«, eine »lang aufgestaute Wut – mittels Propaganda aufgepeitscht und missbraucht«.
Jesenská schildert hier eine Entwicklung, die man heute als Folge einer fremdgesteuerten Identitätspolitik ansehen würde. Sie führte dazu, dass sich die Menschen eher nach ethnischer Zugehörigkeit denn als Staatsbürger definierten. Besonders beunruhigend sei, dass »das Selbstbewusstsein« der in Böhmen und Mähren lebenden deutschen Bürger der ČSR »durch die Ereignisse im Ausland erheblich gestärkt wurde«. Die Anhängerschaft Konrad Henleins wurde immer größer. Sie hoffte ebenfalls auf den Anschluss ans Deutsche Reich. Und deutsche Jugendliche provozierten auch außerhalb der Sudetengebiete demonstrativ mit weißen Kniestrümpfen. »Was wird England tun, wie wird sich Frankreich verhalten, was unternimmt Hitler?«
Anhand eines durch Terror erzwungenen Seitenwechsels linker österreichischer Schutzbündler² warf Jesenská das Problem künftiger Kollaboration auf, »weil man halt leben muss«. Zu wissen, wie man leben will, sei »das Vordringlichste, und dieses Wie ist ebenso wichtig wie das Leben selbst«. Jeder müsse »die Grenze zwischen Besonnenheit und Feigheit, zwischen Mut und Tollkühnheit finden. Das gilt nicht nur für unsere führenden Politiker, sondern auch für den kleinen und kleinsten Mann.« Anspielend auf den Spanischen Bürgerkrieg, der noch nicht entschieden war, setzte sie dazu: »Denken wir mit Achtung an die tapferen Einwohner von Barcelona und Madrid.«³
Terror in den Sudeten
»Anšlus nebude« (Einen Anschluss wird es nicht geben) heißen zwei ausführliche, zum Teil zensierte Reportagen, die die infolge eines versteiften Kniegelenks gehbehinderte Jesenská im Frühsommer 1938 für die renommierte bürgerlich-demokratische Zeitschrift Přítomnost (Gegenwart) über die Lage in den sudentendeutschen Gebiete unternommen hatte.⁴ Dort wurde mit enormem Aufwand für den Anschluss geworben. Deutsche, die am 1. Mai nicht am Umzug der Sudentendeutschen Partei (SdP) teilnahmen, liefen Gefahr, ihren Arbeitsplatz zu verlieren. 12- bis 18jährige Jungen bedrängten Menschen in ihren Werkstätten oder auch zu Hause, mit der SdP zu demonstrieren. Jeden aber, »der am demokratischen Umzug teilnahm, setzten diese Kinder auf die ›schwarze Liste‹«. Viele hätten die Seiten gewechselt, um die Existenzgrundlage der Familie zu retten.
Die Sudentengebiete litten unter einer Industriekrise. Jugendliche Nazis hatten die wirtschaftliche Grundlage vieler jüdischer Geschäfte ruiniert, indem sie davor Wache schoben und Kunden als Volksverräter beschimpften. Da der Kurzwarenhandel meist über jüdische Läden lief, war durch deren Schließungen die gesamte Textilindustrie gefährdet. Auch die Glasherstellung war zurückgegangen. Dass die Glasbläsereien kaum noch nach Deutschland exportierten, lag an dort erlassenen Devisenbestimmungen. Aufträge aus den USA, England und Frankreich waren storniert worden, weil man nicht mit Firmen handeln wollte, die gegen den tschechoslowakischen Staat arbeiteten.
Nach Österreichs Anschluss sei »massenweise« Kapital aus den Sudentengebieten abgewandert. »Von den kleinen tschechischen Sparkassen wurde es abgehoben und entweder bei den Prager Zentralbanken eingezahlt oder bei der Kreditanstalt der deutschen Sparkassen.« Hypothekenanleihen wurden storniert, Häuser blieben im Rohbau »und viele Bauarbeiter – und das sind nur hiesige deutsche und tschechische Sozialdemokraten und Kommunisten – blieben ohne Arbeit«. Krisengeschädigte Henlein-Anhänger fanden in der Aussicht auf baldigen Anschluss Trost.
Fast alle Mitglieder des »deutschen Industriellenverbandes sind – bis auf seltene, dann aber prachtvolle Ausnahmen – durchweg Mitglieder der SdP«. Sie wandten schon jetzt »faschistische Zwangsmethoden in der Wirtschaft an«, ohne die sich »die Mitgliederzahl der Henlein-Partei auf ein Drittel verringern« würde. Der ökonomische »Terror« sei die »echte« und wirksamste Waffe der Naziideologie. Unverständlich sei, dass der Staat die Methoden des Industriellenverbandes ebenso dulde wie die Transformation von Gewerkschaften in Naziorganisationen. Diese seien keine »Instrumente des sozialen Fortschritts« mehr, sondern der »Naziunterdrückung«.
Jesenská sah die Vorboten eines drohenden Vulkanausbruchs, der »ganz Europa erschüttern würde«. Wenn jemand »das Recht auf demokratische Meinungsfreiheit aufrechterhält, dann sind das die Tschechen sowie deutsche und tschechische Sozialdemokraten und heutzutage auch die Kommunisten. Menschlich und unparteiisch gesprochen: das arbeitende Volk.«
Einen Abschnitt widmete sie den propagandistischen Mitteln der faschistischen Offensive. In den 27 Gemeinden, die sie besucht hatte, gab es keinen deutschen Lehrer mehr, der nicht Mitglied der SdP war. Das sei mit der Stimmung nach Österreichs Anschluss zu erklären, vor allem aber mit einer »ungeheuerlich organisierten Flüsterpropaganda«, die jedem einrede, er sei »morgen schon erledigt«, wenn er sich nicht einreihe. Staat und Gesellschaft erwiesen sich als unfähig, »der Nazipropaganda eine demokratische entgegenzusetzen«.
Zugespitzt habe sich das Verhältnis von Deutschen und Tschechen erst in den letzten fünf Jahren. Vorher habe es sogar einen friedlichen Grenzverkehr gegeben. Eine wichtige Rolle bei der Radikalisierung spiele das Radio. Den Deutschen »schwappte die Naziideologie aus den deutschen Sendern direkt in die Wohnung. Es ist klar, dass sie den Sender einstellten, den sie auch verstanden.« Als Gegengewicht bot der staatliche Rundfunk nur halbstündige deutsche Sendungen an, »die größtenteils ungenießbar und unverdaulich waren«. Erst jetzt sei ein deutscher Sender eingerichtet worden. Die Henlein-Zeitschrift Der Sudetenfunk drucke das Programm aber nicht ab. In einer Grenzstadt hatte Jesenská sechs große Kinos gefunden. Fünf davon zeigten niveaulose deutsche Filme, die »offensichtlich, einschließlich der Wochenschau, fürs Sudentenland gedreht« waren.
Boykott und Denunziation
Zwar gebe es Vorschriften zur Einfuhr reichsdeutscher Zeitungen, aber in der Tschechoslowakei erschienen so viele Nazizeitungen, dass sogar das Ausland davon überschwemmt werde. Sie zeigen die »gleichen Bilder der Begeisterung, wie wir sie aus Wien, Linz und Steyr kennen, mit dem Unterschied, dass sie dort erst in den Tagen auftauchten, als Deutschland Österreich besetzte«. Eine demokratische deutsche Publizistik sei quasi inexistent. Die einzige Ausnahme sei der Volksbote, den man sich per Post oder durch vertrauliche Verteiler beschaffe, denn ihn »öffentlich zu beziehen hieße, die Arbeit zu verlieren«. Fünf Jahre lang sei fast nichts »zur Unterstützung derjenigen Leute im deutschen Lager« geschehen, die sich dem Faschismus widersetzen, obwohl doch »Deutscher nicht gleich Deutscher ist«.
Im zweiten Teil ihrer Reportage geht Jesenská auf die Entfremdung von Deutschen und Tschechen ein: »Frauen, die beim Bauern auf dem Feld arbeiten und gemeinsam eine Furche behacken, reden kein Wort miteinander. Auf dem Heimweg werfen sich Schulkinder Schimpfworte an den Kopf – ›Tschechenhund‹, ›Marxistensau‹ sind dabei noch milde Ausdrücke – und beschmeißen sich mit Steinen. Die Tochter sagt zu den Eltern: Ihr müsst die Partei wechseln. Die Lehrer in der Schule boykottieren Kinder, die nicht der Henleinjugend angehören.« Spitzel stünden vor den Konsumgenossenschaften, um zu verhindern, dass dort eingekauft wird, weil sie angeblich kommunistisch oder sozialdemokratisch sind. Deutsche werden belehrt, nicht bei der in ganz Europa verankerten Schuhladenkette Bata zu kaufen, weil ihr Gründer Tscheche war.
Jesenská wandte sich wieder der Situation der Juden zu. Der Antisemitismus des rechten tschechischen Lagers habe sich noch nicht durchgesetzt. Die Tschechen in den Sudetengebieten »wissen nur zu genau, dass es nicht die Juden sind, die die Bajonette zücken, sondern Angehörige der auserwählten arischen Rasse«. Neben wirtschaftlichem Boykott litten die Juden unter Rufmordkampagnen. Die Zeitschrift Der Kamerad habe dafür eine ständige Rubrik. Mitgeteilt werde zum Beispiel, »dass sich die Tochter des Bürgermeisters X mit einem Juden verlobt hat. Oder: Der Angestellte der Firma Y hat beim jüdischen Kaufmann Z eingekauft.« Da in der Rubrik die vollen Namen genannt wurden, reichte das, um Ärzte, Geschäftsleute und Rechtsanwälte zu ruinieren. Manche boykottierten »aus Überzeugung, andere aus Angst, es könnte sie das gleiche Schicksal ereilen«.
Auch die Tschechen in den sudetendeutschen Gebieten litten unter Boykotten – »außer von den demokratischen Deutschen«. Es scheine aber, dass den Tschechen nicht viel an der Bildung eines demokratischen Blocks mit demokratischen Deutschen gelegen war. Ein »Kardinalfehler« sei es gewesen, dass »wir versäumt haben, uns auf den Teil im deutschen Lager zu stützen, der zwar eine andere Sprache spricht als wir, aber die gleiche Weltanschauung hat«. Tschechische Beamte, Gendarmen, Gleisarbeiter und ihre Familien seien für die Deutschen keine Ansprechpartner mehr. »In den Agrarstädtchen verkauft man ihnen weder Milch noch Eier. Die Kinder leiden fürchterlich darunter, und die Frauen leben wie Nonnen. In Warnsdorf wurden viele Tschechen ohne Kündigung aus ihrer Wohnung herausgeschmissen.«
Sie habe selber »unzählige Male« ausprobiert, ob sich die kleinen Leute beider Seiten nicht doch verstehen würden, wenn sie die Sprachbarriere überwinden könnten. Der deutsche »kleine Mann kommt einem geradezu dankbar entgegen, wenn er einen Tschechen deutsch sprechen hört. Sofort gibt er seine Verschlossenheit auf. (…) Wir hätten uns früher darüber klar werden müssen, wer diese Menschen sind und was wir eigentlich von ihnen wollen.« Sie hätten als »deutsche Bürger der tschechoslowakischen Republik« betrachtet werden müssen. Diese »Deutschen lieben ihre Muttersprache, und ich sehe keinen Grund, weshalb wir das nicht achten sollten«. Im antifaschistischen Bündnis hätten Tschechen und Deutsche »zu Trägern der demokratischen Propaganda werden können, zu moralischen, gesellschaftlichen und kulturellen Stützen aller Demokraten im Norden. Sie hätten dieser Atmosphäre der Geschlossenheit eine andere Geschlossenheit entgegensetzen können.«
Nach innen zerstritten
Aber die Tschechen im Sudetengebiet hätten sich »gemäß dem Parteienschlüssel in kleine Gruppen und Grüppchen« zerlegt, »die sich wechselseitig boykottierten, und das ist das Traurigste überhaupt, was ich im Norden gesehen habe«. Anders als bei den völkisch zusammengeschweißten Deutschen verschärften sich bei den Tschechen die Gegensätze zwischen Klassen und politischen Organisationen. In einem Städtchen hatte hoffärtiges Verhalten der Führerin des nationalen tschechischen Turnverbands zur Ausgründung eines Arbeitersportvereins geführt. Beim 1. Mai hatten sich tschechische Demonstranten darüber zerstritten, ob – wie üblich – die Marseillaise und die Internationale oder nur eine der beiden Hymnen gesungen werden sollte. »Darauf blieben ganze Scharen von Tschechen dem demokratischen Umzug fern.« Das Volk liebe beide Hymnen, nicht nur, »weil es in ihnen die Hymnen unserer Verbündeten⁵ sieht, sondern weil es sie schätzt als Lieder, die die Freiheitskämpfe der Arbeiterschaft besingen. Es kommt nicht darauf an, ob sie das wirklich sind – wichtig ist allein, was sie den Arbeitern bedeuten.« Weil sich die Parteien im »Kleinkrieg« bekämpften, gewann die SdP die Kommunalwahlen haushoch. Die demokratischen Parteien wären zusammen stärker gewesen, wenn sie einen Block gebildet hätten.
Als Reaktion auf die zum Teil uniformierten Märsche der Henlein-Faschisten zum 1. Mai, schickte die Regierung Soldaten in die Sudetengebiete. Der Aufmarsch sei »geordnet, ruhig und lautlos« vonstatten gegangen. »Das einzige, was die Soldaten zu sagen hatten, war: ›Es ist höchste Zeit, dass wir fahren!‹ Keine Spur von Nervosität, aber auch keine Spur von irgendeiner ›Begeisterung‹, von Gewinke aus dem Zug heraus oder von chauvinistischer Schreierei. Das war vielmehr der äußerst konzentrierte, ruhige Antritt der Streitkräfte zur offenkundigen Verteidigung, der mehr imponierte als alles andere, was wir in den vergangenen Jahren erlebt haben. Nicht eine Spur von jener Soldatentümelei, die uns das Ausland ständig als Beispiel vor Augen führt. Nein, dies hier war eine Armee, die auszog, ihr Vaterland zu verteidigen.« Am Abend zuvor sei sie im Restaurant vom Kellner auf ihr deutsches »Guten Tag!« noch mit »Sieg Heil!« begrüßt worden. Am nächsten Mittag habe er dann »Topry ten!« gesagt – so die deutsche Aussprache des tschechischen »Dobrý den«.
Erschütternde Wallfahrt
Zwei Tage bevor der zweite Teil von Jesenskás Reportage erschien, hatte Hitler die geheime Anweisung zur Zerschlagung der ČSR und damit das Signal für ihre weitere Destabilisierung gegeben. Mitte September kam es zu schweren Unruhen in den Sudetengebieten. Am 15. September 1938 fand der entscheidende Besuch des britischen Premiers Arthur N. Chamberlain bei Hitler in Berchtesgaden statt. Am 29. September wurde das Münchner Abkommen von Deutschland, Frankreich, England und Italien unterzeichnet. Weder die ČSR noch die Beistandsmacht Sowjetunion waren eingeladen worden.
Bereits in der Nacht zum 21. September hatten Großbritannien und Frankreich der Regierung der ČSR mitgeteilt, dass sie bei Ablehnung der deutschen Forderungen nicht mit Beistand rechnen konnte. Wie Jesenská schrieb, »geisterte in den Morgenstunden durch ganz Prag die Nachricht: Wir sind allein. Die Regierung hat sich entschieden, das Sudetenland abzutreten. Sie hat diese Entscheidung auf Betreiben der Engländer und Franzosen getroffen, unter direktem Druck beider westlicher Großmächte. Als der Rundfunk die Nachricht verkündete, waren die Straßen schon voller Leute.« Auch aus Vororten und sogar vom Lande strömten Menschen ins Prager Zentrum – »eine verzweifelte, qualvolle, erschütternde Wallfahrt«.
»Jeder Mensch kann für seine Freiheit sein Leben hergeben, für die Freiheit zu sterben ist seine Pflicht und sein Recht. Aber hier geschah etwas anderes; man hatte den Menschen gesagt, sie durften nicht umsonst sterben. Darauf sagten die Leute: Zu kämpfen ist nie umsonst.« Das ganze Leben sei schließlich Kampf, sei es für ein besseres Leben »oder wenigstens die Freiheit, die eigene Sprache zu sprechen« und für das Recht auf »Mitsprache bei öffentlichen Angelegenheiten. Nie hat es etwas umsonst gegeben, und nie hat etwas mehr Blut gekostet als die menschliche Freiheit.« Dieses Gesetz habe die Menschen auf die Straße getrieben. Sie »weinten, weil sie das Ihrige nicht verteidigen durften«. Umsonst ermahnte der Rundfunk, die Ruhe zu bewahren, denn niemand wollte sie stören. Spontan und organisiert formierten sich Demonstrationszüge »und nicht ein einziger verstieß gegen die Ruhe. (…) Die ersten Männer im Zug riefen den Menschen auf dem Bürgersteig zu: Nehmt den Hut ab! Runter mit ihm! Und die Männer auf dem Trottoir zogen die Hüte und sagten: Recht habt ihr.«
Am 23. September wurde um zehn Uhr abends dann doch die allgemeine Mobilmachung verkündet. Jesenská beobachtete, dass sich viele Männer schnell zu den Sammelstellen begaben, manchmal von ihren Frauen begleitet. Viele Menschen grüßten die Mobilisierten. »War es Begeisterung? Ich kann es nicht sagen. Wir sind kein Volk, das begeistert in den Krieg zieht. Dafür herrschte eine Atmosphäre der größten Bereitschaft, des Aufatmens und der Aufmunterung, jedermann lächelte, aber niemand sang.« An dem Abend gab es bereits den ersten Luftschutzalarm.
Obwohl die Regierung mit der Mobilmachung auf die Stimmungslage der Bevölkerung reagiert hatte, musste sie am 24. September zurücktreten.⁶ Am 1. Oktober 1938 marschierte die Wehrmacht in die Sudetengebiete ein. Am 12. Oktober schilderte Jesenská die abgrundtiefe Enttäuschung der Tschechen über den an ihnen verübten Verrat, der künftig Misstrauen gegen »große Worte wie Recht, Gerechtigkeit und Moral« erfordere. In deren Namen sei »allein letztes Jahr beim Klang von Marschmusik« schon viel Unrecht geschehen. »Allzu viele Menschen fielen dem Frieden zum Opfer, über den die Welt jetzt jubelt. Noch immer verbergen sich schändliche Verletzungen der Menschenrechte hinter Moral und hochtönenden Phrasen.«
Die neuen Tatsachen warfen drängende Fragen auf. Der tschechoslowakische Staat konnte die Sicherheit der »Demokraten unter den Sudetendeutschen« nicht mehr garantieren. Dasselbe gelte für die nun jenseits der Grenze lebenden Tschechen, denen die freie Passage in die ČSR ermöglicht werden müsse. Da die Abtrennung der Slowakei schon absehbar und Teile von ihr bereits zu Ungarn geschlagen worden waren, sah Jesenská auch von dort viele »tschechische Intellektuelle« zurückkehren. Die zu erwartenden Fluchtbewegungen führten »zu einer enormen Überbevölkerung in dem kleinen Teil der Tschechoslowakei, der uns blieb«. Angemessen schien ihr das Bild vom Rettungsboot, »das vom untergehenden Schiff mehr Menschen aufnimmt, als es tragen kann, und dann in den Wellen versinkt«. Schon jetzt gebe es in Prag »kaum ein Haus, in dem keine Flüchtlinge untergekrochen sind. Und das sind noch die Glücklichen, solche, die hier jemanden haben. Tausende aber liefen einfach ins Unbekannte hinaus.«
Verzweifelter Hilferuf
Sie selber sei Zeuge, dass die seit fünf Jahren ins Land Geflohenen »auf Seiten der tschechoslowakischen Republik« standen, »und niemand von uns kann und darf das je vergessen«. Aber verantwortlich für ihre Lage seien »die englische und die französische Regierung«, die der ČSR jetzt Anerkennung zollten, »für die Opfer, die sie dem Weltfrieden gebracht hat. Das ist ein Irrtum. Wir brachten keinerlei Opfer, denn Opfer bringt man nur freiwillig.«
Jesenská warnte davor, dass das tschechische Volk, um zu überleben, »ein Volk wird, das selbst die Unschuldigen in den Abgrund stößt – oder über die Grenzen jagt (und in diesem Fall nicht nur Unschuldige, sondern unsere Mitkämpfer) – dann kann unser Volk einen tiefgehenden moralischen Bruch erleiden, von dem es sich nicht leicht wieder erholen wird.« Im nächsten Abschnitt steht noch der furchtbare, an England und Frankreich gerichtete Satz: »Ihr habt an der Wiege unseres jungen Staates gestanden, und ihr wurdet zu seinen Parzen.«
Bislang eingegangene Hilfsgelder reichten nur für »Suppen und abgetragene Kleider für Menschen ohne ein Zuhause«. Die ums eigene Überleben kämpfende ČSR könne nur Durchgangsstation sein, die Geflüchteten müssten sich anderswo ansiedeln können, wo sie Arbeit und eine sichere Zukunft hätten. England und Frankreich müssten »das kleinste Maß an Verantwortung« aufbringen, »für diesen Frieden, den ihr so billig bekommen habt«. Beide Staaten sollten die Grenzen ihrer Kolonien für die Flüchtlinge öffnen und Geld zur Verfügung stellen, um die Umsiedlung zu ermöglichen. Man habe schnell gehandelt, als es »um die armen unterdrückten Henleins« ging. Jetzt müsse der Regierung der ČSR ebenso schnell mitgeteilt werden, wann und wie denen geholfen werde, »die auf vorgeschobenem Posten als Wächter der Demokratie gestanden haben, die also auch die Hüter eurer Ideen waren«.⁷
Anmerkungen
1 Weiße Kniestrümpfe waren das Erkennungszeichen der Anhänger Konrad Henleins (1898–1945), der die sudetendeutsche Turnbewegung in eine Nazibewegung transformierte. 1938 forcierte er in engem Kontakt mit Hitler die Sudetenkrise. Nach dem Einmarsch wurde er Leiter des »Sudetengaus«, Reichstatthalter und SS-Obergruppenführer. In amerikanischer Gefangenschaft beging er Selbstmord.
2 Der Schutzbund war eine nach dem Ersten Weltkrieg gegründete sozialdemokratische paramilitärische Gruppe, die Demokratie und Verfassung gegen anwachsende Rechtstendenzen verteidigte. Nach einem Aufstand gegen die Dollfuß-Regierung wurde der Schutzbund 1934 verboten.
3 Milena Jesenská: Lynchjustiz in Europa, Přítomnost, 30.3.1938. In: Alles ist Leben. Feuilletons und Reportagen 1919–1938. Frankfurt/M. 1996, S. 161 ff.
4 Milena Jesenská: Einen Anschluss wird es nicht geben I und II, Přítomnost, 25.5.1938 und 1.6.1938. In: ebd., S. 170 ff.
5 Frankreich und die Sowjetunion hatten sich zu Garanten der territorialen Integrität der Tschechoslowakei erklärt.
6 Milena Jesenská: Drei Tage im Querschnitt, Přítomnost, 28.9.1938. In: ebd., S. 201 ff.
7 Milena Jesenská: Es geht über unsere Kräfte, Přítomnost, 12.10.1938. In: ebd., S. 209 ff.
Lesen Sie am 29. Dezember den letzten Teil der Serie über Milena Jesenská: Die große Enttäuschung. Alltag und Widerstand unter den Nazis.
Der erste Teil ist in der Ausgabe vom 24. Dezember erschienen.
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