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Literatur

Wenn du mal nicht weiter weißt

All diese Lieder: Der Schriftstellerin Gisela Steineckert zum 95. Geburtstag

Von Irmtraud Gutschke
Foto: IMAGO/Stana
Geduld gefragt: Gisela Steineckert (M.) im Gespräch (1987)

Auf der Bühne – ausverkauft«, das sei für sie die schönste Feier, hat sie mal zu mir gesagt. Ihren 85. Geburtstag hat Gisela Steineckert im voll besetzten Kino Capitol in Königs Wusterhausen so erlebt. Mit Dirk Michaelis an ihrer Seite. »Als ich fortging« durfte nicht fehlen. Heute würde als Geburtstagsständchen »Der einfache Frieden« passen, dargeboten von einem der vielen Chöre, die das Lied (nach Kurt Nolze, 1982) ins Repertoire nahmen. Vor dem Hintergrund des NATO-Doppelbeschlusses sei der Text entstanden, so die Dichterin. »Es geht darum, dass der Frieden, den wir jetzt scheinbar haben, gering geschätzt wird. Wir sitzen zwischen zwei schwer bewaffneten Blöcken. Wenn es zu einer atomaren Auseinandersetzung kommt …« Mittelstreckenraketen der Großmächte auf dem Boden beider deutscher Staaten – was damals bedrohlich war, ist es heute um so mehr. Es macht Angst, wie Deutschland mit der EU gegen Russland rüstet. Politisch wach ist Gisela Steineckert bis heute, sie hat noch erlebt, was Krieg bedeutet.

So viele Liedtexte – nicht mal sie selbst wüsste zu sagen, ob es 3.600 waren, wie es im Internet heißt, oder gar mehr als 4.000. Sowieso rühmt sie sich nie einer Leistung. Wer diese Songs dann hört, weiß oft nichts von ihr. Ob Jürgen Walter, Frank Schöbel, Veronika Fischer, Uschi Brüning, Ulli Schwinge, klingen sollte es wie von ihnen selbst erdacht.

Was ich für ihre besondere Gabe halte, ist für sie normal: Steineckert vermag sich in andere Menschen in einem Maße hineinzuversetzen, dass sie spüren kann, was sie ersehnen, woran sie leiden. Wenn wir uns trafen, genügte ihr ein Blick, um zu erfassen, wie es mir ging, ob ich wohlgemut war oder abgespannt, ob sich gar eine Erkältung anbahnte. Zuspruch: So empfand ich unsere Gespräche zum Buch »Das Leben hat was« (2013). Leider ist es inzwischen vergriffen. Ach könnte der Verlag Das Neue Berlin es doch wieder lieferbar machen … Wenn ich heute meine Fragen lese, merke ich, wie ich auch etwas für mich selbst begreifen wollte. Das ist überhaupt der Zauber ihrer Bücher.

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Sind es 36 oder mehr? Gedichtbände, Erzählungen, Briefbände: Als eine der produktivsten Autorinnen der DDR darf sie gelten. »Na und?« würde sie sagen, sie brauche doch dieses Schreiben. Um etwas mit sich selber auszumachen? Vielleicht. Persönliche Erinnerungen führen bei ihr immer zu Erwägungen über das Leben überhaupt und münden in Gedanken, die andere ebenso betreffen. Nichts philosophisch Hochgestochenes. Das ist ihr immer dubios gewesen, auch weil sie bedauert, dass sie nie hatte studieren können. 1931 in Berlin geboren, wuchs sie in ärmlichsten Verhältnissen auf, wurde während des Krieges nach Österreich verschickt und war als Kind dort Magd auf einem Bauernhof. Nach dem Krieg musste sie sich in Berlin um Mutter und Geschwister kümmern, bekam eine Tochter und arbeitete in verschiedenen Berufen. Ab 1957 versuchte sie, vom Schreiben zu leben.

Wobei dieses Schreiben immer auf einen Dialog abzielt mit denen, die das betreffende Buch lesen. In Gedanken redet sie mit ihnen, und im günstigsten Fall sitzen ihr diese Leser gegenüber. Ihre Literaturveranstaltungen landauf, landab sind nicht zu zählen. Einige davon habe ich erlebt. Bei Hermann Kant war es so, dass er vor Beginn am liebsten im Auto wartete, um sich zu konzentrieren. Sie indes setzte sich schon lange vorher aufs Podium und nahm in aller Ruhe das Publikum in den Blick, als ob sie zu jedem einzelnen im Saal eine Verbindung herstellen wollte. Am Schluss bildete sich dann eine lange Schlange vor dem Tisch, an dem sie signierte. Ich staunte immer, wie lange das dauerte und wie geduldig die Leute ausharrten. Denn mit jedem von ihnen begann sie ein Gespräch.

Ich wollte, das ließe sich in der Gegenwart schreiben. Immer hatte ich das Gefühl, dass ihre Lebenskraft unerschöpflich sei. Aber 85 ist nicht 95. Auch wenn man es anders will, es könnte sein, dass der Briefband »Wegen damals und heute« ihr letztes Buch sein wird. 2025 im Verlag Neues Leben veröffentlicht, ist es ein Gemeinschaftswerk. Mit ­Laura, ihrer Enkelin, die sowieso viel Zeit mit ihrer »Gisi« verbringt. Seit ihr geliebter Mann Wilhelm nicht mehr bei ihr ist (bis zuletzt war sie an seiner Seite), muss Gisela Steineckert sich ganz auf ihre »drei Weiber« verlassen: Bei Tochter Kirsten, Enkelin Laura und Urenkelin Leni ist sie in Liebe geborgen. Nicht nur zu Weihnachten »in Familie« zu sein (viele kennen ja dieses Lied von ihr, das Frank Schöbel und Chris Doerk sangen, wie jetzt auch Helene Fischer), dieses Glück hat sie auf jeden Fall auch heute, selbst wenn es zu ihrem Ehrentag keinen rauschenden Abend wie vor zehn Jahren mehr gibt.

Viel Kraft, liebe Gisela. »Atme … du wirst geliebt«. Zu »Wenn du mal nicht weiter weißt« (2017) existiert ein berührendes Youtube-Video. Gisela liest, Dirk Michaelis singt. Und er umarmt sie, wie auch ich sie an diesem 13. Mai umarmen möchte.

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 13.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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