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Klassik

Für einen Moment

Berliner Philharmoniker: Kirill Petrenko dirigiert ein Programm mit Strawinsky und Beethoven

Foto: Lena Laine

Links sitzt eine elegante, mit Goldschmuck behängte Dame, die mit geschlossenen Augen der Musik lauscht, rechts ein junger Mann mit wallendem schwarzen Haar und REWE-Leinenbeutel, der sich mit einem japanischen Fine­liner Notizen macht. Auf der Bühne dirigiert Kirill Petrenko Beethovens 2. Sinfonie, er ist seit 2019/20 Chefdirigent und künstlerischer Leiter der Berliner Philharmoniker.

Man muss noch nicht einmal die Musik hören, um Petrenkos Interpretation der Komposition zu verstehen. Schon die kantigen Bewegungen, mit denen er die ersten Takte dirigiert, zeigen den kontrollierten Beginn und die folgende Entgrenzung an. Zu Recht wird Petrenkos Stil als gleichermaßen intensiv und detailgenau beschrieben.

Die Herausforderung liegt in der Dynamik. In einem Takt sollen die knapp 50 Streicher Beethovens jubilierenden ersten Satz »adagio molto – allegro con brio« mit voller Wucht geben. Im nächsten Moment fordern kleine, idiosynkratische Variationen eine ganz andere Sensibilität, etwa wenn eine Oboe für ein paar Töne ausbricht. Aber nur für einen Moment. Kurz halten Petrenko und der Oboist Blickkontakt – dann richtet sich Petrenkos Aufmerksamkeit wieder auf das Kollektiv. Wie bewältigt der Dirigent diese Sprünge?

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Schon sein Körper scheint diese Spannungswechsel zu erzeugen. Der in Omsk geborene Russe ist trotz oder gerade wegen seiner Körpergröße von knapp 1,60 Metern von fesselnder Präsenz. Kompositorische Brüche setzt er mit einer insektenartigen Abruptheit um. Dabei geht es keineswegs um einen transhumanen Leistungssport. Mit Vergnügen arbeitet er heraus, was Zeitgenossen an Beethovens Symphonie als exzentrisch und wild empfanden. So ist die ungewöhnliche Bläserschattierung am Rand des brillanten Streicherklangs deutlich hörbar, wenn im vierten Satz »allegro molto« die Fagotte an der Grenze der Wahrnehmbarkeit mitlaufen.

Petrenko ergänzt das genial mit Igor Strawinskys Ballett »Pulcinella«. Das basiert auf Barockkomposition unter anderem von Giovanni Battista Pergolesi. Strawinsky übernimmt die Melodien, bricht den majestätischen Duktus aber mit modernen Rhythmen und Harmonien, die neuartige emotionale Schattierungen erzeugen. So entsteht ein ironischer Austausch zwischen der geordneten Barockmusik und Strawinskys Nüchternheit, der für Beethoven noch unvorstellbar gewesen wäre. Die Sitznachbarin strahlt, der junge Mann packt sein Notizbuch ein. Die kurze, von Petrenko und dem Orchester geschaffene Verdichtung löst sich auf in der feuchtkalten Berliner Mainacht.

→ Nächste Aufführung: 9. Mai

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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