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Theater

Glück ist keine Formel

Das muss man erst mal hinkriegen: »Vor dem Fall« von Hadrien Raccah – deutschsprachige Erstaufführung in den Hamburger Kammerspielen

Foto: Bo Lahola/Hamburger Kammerspiele
Melancholie auf der Dachterrasse (Szenenfoto)

Those were the days, my friend / We thought they’d never end / We’d sing and dance forever and a day / We’d live the life we choose / We’d fight and never lose / For we were young and sure to have our way.«

Mit 20 oder 30 kann man Mary Hopkins Hit aus dem Jahr 1969 einfach als sentimental empfinden. Wie grausam dieses »Those Were the Days« ist – höchstens Barbra Streisands »The Way We Were« könnte noch gnadenloser sein –, offenbart sich erst, wenn man es zu einem »heiklen« Geburtstag, also dem 40. oder gar dem 50., als Begleitung eines Videos mit den Highlights des vergangenen Lebens geschenkt bekommt.

»Those Were the Days« – die vier auf der Dachterrasse sind in diesem heiklen Alter und haben nach heftigen Streitereien gerade einen sehr melancholischen Moment erwischt, gleiten im prasselnden Regen unterm Sonnenschirm musikalisch in die Vergangenheit. Und wie um die unbeschwerten Zeiten ihrer langen Freundschaft herauszufordern, wechseln sie schnell vom zarten Mary-Hopkin-Song temperamentsmäßig in die wilde Version des Originals »Dorogoi Dlinnoju«, zu der russische Touristen gern in Wiener Heurigenlokalen tanzten, als die Welt noch ein ganz klein bisschen weniger furchtbar war.

Eine Schlüsselszene für das »bitter­sweet« im Stück des jungen französischen Autors Hadrien Raccah, »Vor dem Fall«, das im Original übersetzt »Höhenangst« heißt. Doch unter pathologischer Akrophobie leidet nur Ben (Marius ­Bistritzky), so wie er am Leben an sich leidet und sich seit 20 Jahren fürchtet, Lisa seine Liebe zu gestehen. Die wiederum hat heimlich ein Verhältnis mit Bens älterem Bruder Tom (Max von Pufendorf), der zur Feier der Geburt seiner ersten Tochter eingeladen hat und im maßgeschneiderten Anzug zeigt, dass er es ganz nach oben geschafft hat. »Tom war so stolz auf sein Baby. Genauso wie er stolz war auf seine Dachgeschosswohnung, sein Auto, seine Frau.«

Einige lustige Details, so etwa, dass die Freunde Toms Baby grottenhässlich finden (»es sieht aus wie mein Opa«), ansonsten ist die Geschichte schnell erzählt: Ein defekter Rolladen trennt die Feiergesellschaft im Penthouse von den Freunden auf der Terrasse, in der Ausnahmesituation fallen schließlich alle Schranken, bei Marc (Alexander ­Wipprecht hat mir besonders gut gefallen) bricht lang gehegter Groll gegen Freund und Chef Tom heraus, und der sensible Musiklehrer Ben hat einen Schüler geschlagen und ist entlassen worden.

Am Ende passiert eine Tragödie, aber Tom bringt es für alle auf den Punkt: »Ich dachte, wenn ich Erfolg hätte, würde ich glücklich werden. Wie eine mathematische Formel. Erfolg ist gleich Geld ist gleich Macht ist gleich Glück. Ich habe nicht die geringste Ahnung, was Glück eigentlich ist. Ich lache nicht mehr. Oder ich tue nur so. Schon seit Jahren. Ich vermisse das, was wir waren. Mir fehlt unsere Jugend. Unsere Unbeschwertheit. Die war das größte.«

Ein Wermutstropfen ist die Tatsache, dass Lisa, die einzige Frau der Runde, recht klischeehaft entworfen wurde. Eine erfolglose Schauspielerin, die Treffen mit Regiestars und Affären mit Promis erfindet, sich sogar vom Steuerberater von Fatih Akin Protektion erhofft. Doch Nadine Schori spielt die verzweifelte Frau mit Witz und Würde, und die gelungenen Dialoge sorgen dafür, dass der misogyne Ansatz verschmerzbar ist.

Etwa im Gespräch mit dem verliebten Ben: »Lisa, ich finde, du bist … eine sehr gute Schauspielerin. Ich hab’s dir immer gesagt.« – »Warum betonst du das so komisch? Findest du mich etwa bemitleidenswert?« – »Was? Nein, überhaupt nicht. Was ich sagen wollte, ist … Äh … Dass du … Dass du sehr gut warst … Dass du perfekt warst in ›Camping ­Paradise‹«. – »Da war ich Statistin.« – »Ja. Aber du warst einfach auf den Punkt. Auch ohne ein Wort zu sagen.« – »Und man sah mich während der ganzen Szene nur von hinten.« – »Genau das ist das Beeindruckende! Du hast Charisma, sogar von hinten. Das muss man erst mal hinkriegen!«

»Hinkriegen« muss man auch erst mal, einen solchen Stoff mit sicherer Hand so zu inszenieren, dass trotz Tragik viel Lachen bleibt. Regisseur Martin Woelffer kann sich dabei auf wirklich guten Text ohne doofe Witze und auf tolle Schauspieler verlassen, bei denen das Timing so präzise stimmt, dass es ein Vergnügen ist.

→ Nächste Vorstellungen: 8., 9., 20. Mai

Themen:
junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 08.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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