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Aus Leserbriefen an die Redaktion

Foto: ZUMA Press/imago/Montage jW

Panorama-Empfehlung

→ Zu jW vom 30.4./1.5.: »Mann, nun komm schon!«

Lieber Ronald Kohl, gänzlich ohne Korrekturabsicht, aber um eines ganz tollen Filmes willen, sei erwähnt: Der erste Film von Ulrich Köhler war »Bungalow«, und er passt heute wie gestern. 2002 hatte ich mich extrem glücklich geschätzt, ihn gefunden zu haben für mein Berlinale-Panorama. Und dann noch mehrfach, als der Wettbewerb zugriff: So wünscht man es sich als Programmmacher … Auch »Gavagai« ist klasse, und ich habe Ihre Kritik in der jungen Welt sehr genossen – auch wenn das »polnische Arschloch« tatsächlich ein Arschloch war mitsamt seinem Sklaventreiber. Die grundsympathische Solidarität mit dem »Personal« hat Köhler ebenso kunstvoll desavouiert wie die weiße Gerechtigkeitsvolte von Maja.

Wieland Speck, per E-Mail

Hinter die Notenlinien blicken

→ Zu jW vom 30.4./1.5.: »›Und bittschön praktisch‹«

Sehr geehrter Florian Neuner, als ehemaliger Assistent von Peter Gülke möchte ich Ihnen von Herzen für diesen schönen Nachruf danken. Ich bin froh, dass ich ihn noch vor zwei und drei Jahren zur Mitteldeutschen Kammerphilharmonie eingeladen habe, wo er unvergessliche, für das Orchester ungemein bereichernde Konzerte mit Beethoven, Mozart und Haydn dirigiert und erstmals eine Sinfonie von Emilie Mayer aufgeführt hat. Und ich stimme Ihnen bei, dass die großen Orchester etwas Großes und Bewegendes verpasst haben. Herzliche Grüße von einem Dirigenten, der durch Gülke gelernt hat, dass es gilt, hinter die Notenlinien und -köpfe zu blicken, um sich erst die Welt zu erschließen, aus der man dann einen winzigen Ausblick zur Aufführung bringen kann.

Jan Michael Horstmann, Schönebeck (Elbe)

Kritik der Kritik der Kritik II

→ Zu jW vom 27.4.: »Kein blinder Fleck«

Peter Schadt glaubt, eine Entdeckung gemacht zu haben: Informationen sind ein besonderer Saft, sind ohne Arbeit zu haben. Z. B. »ein E-Book (…), dass das Buch selbst (›mit jeder Kopie‹) als ›Information‹ (…) gar nicht neu geschrieben werden muss«, symbolisiert Schadts Kerngedanke: Bei der »Information als solche – (…) ist der Aufwand tatsächlich null«. Tatsächlich. Hinter dieser Sensation ist historisches Wissen um »irgendwelche antiken Gesellschaften« natürlich belanglos. Das ominöse »Gesetz« (Anführungsstriche von Schadt) zur Werttheorie von Marx bedarf dagegen jetzt der jahrhundertprägenden Schadtschen »analytischen Trennung zwischen Information und materieller Seite der Daten«.

Schadt übersieht: Marx behandelt die »Information« als technisches und gesellschaftliches Wissen und Anwendung von Wissenschaft als natürlichen Teil der den Wert beeinflussenden Produktivkräfte ohne sophistische Luftsprünge für das Wertgesetz. Wird Schadt der Vulgärökonom der Moderne? Gegen den Zuruf des im Fach bekannten Begriffs »Wertgesetz« und dessen »Modifikation« (der Ausdruck kommt nicht von mir, siehe MEW 25, S. 909) gibt sich der Meister der Materie unwissend und fordert streng die Redundanz zum »Wie« und »Was«.

Schadt selbst gibt seinen Fundus so zum Besten: »›Wertgesetz‹ meint nur und nichts anderes als dass die ›Anarchie der gesellschaftlichen Produktion‹ (MEW 20, S. 253) herrscht.« Diese Definition ist allerdings wie das beigefügte Zitat unzutreffend. Siehe dessen Original (MEW 20, S. 253). Für eine Darstellung der Werttheorie, welche Schadt ohne besondere Geistesanstrengung das Verständnis gestatten könnte, werden die 2.000 Zeichen, die mir hier nur erlaubt sind, nicht ausreichen. Darum sei zum einen auf meinen Artikel auf der Website der Zeitschrift Marxistische Erneuerung verwiesen: »Wert der Ware als Resultat des gesellschaftlichen (kapitalistischen) Reproduktionsprozesses«. Zum anderen der Einfachheit wegen wenigstens die sorgfältige Lektüre der »Ergänzung und Nachtrag zum III. Buche des ›Kapital‹« (MEW 25, S. 901–917) empfohlen.

Enrico Mönke, Uckerland

Kritik der Kritik der Kritik III

→ Zu jW vom 27.4.: »Kein blinder Fleck«

Peter Schadt schreibt, dass nicht nur Dinge, die etwas wert seien, »sondern gerade die Naturstoffe einfach qua Gewalt als so was wie Waren hergerichtet« würden. Ist es nicht so, dass jede Ware qua Gewalt (staatliche Eigentumsgarantie und Ausschluss aller anderen von deren Gebrauch) zur Ware wird? Und jedes Arbeitsprodukt wird vom Eigentümer monopolistisch angeeignet. Qua Staatsgewalt können auch Frequenzbänder, Verschmutzungsrechte und Wasserquellen privatisiert und damit zu handelbaren Gütern gemacht werden. Diese W dienen regelmäßig der Verwandlung von G in G’. Das ganze Geheimnis des Werts löst sich auf, wenn man sich davon verabschiedet, ihn irgendwie substantiell oder metaphorisch in den Waren zu suchen, sondern ihn als vom Geld den Waren zugewiesen begreift. In aller Tiefe und Komplexität im Pod- und Vodcast »Die Money Profiler« von Butscher und Bockelmann besprochen. Zum Wert insbesondere Folgen 6 ff.

Stefan Köpke, Dresden

Falsche Nostalgie

→ Zu jW vom 2./3.5.: »Weichenstellungen für die Zeit nach Putin«

Die jW-Artikel zu Russland sind meistens treffend. Wieso werden jedoch politische Gefangene wie der Marxist Boris Kagarlizki – unter dem Vorwand der »Rechtfertigung von Terrorismus« zu fünf Jahren Haft verurteilt – nicht öfter erwähnt? Mumia Abu-Jamal wird beinahe wöchentlich zu Recht eine Kolumne gewidmet. Auch Kagarlizki schreibt regelmäßig und sollte erwähnt werden. Viel schwerer trifft es jedoch fünf Personen eines marxistischen Lesekreises, die von einem Militärgericht (!) bis zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Angeblich haben diese fünf Personen zum Umsturz der Regierung aufgerufen. Wow, der russische Staat muss sich in seinen Fundamenten bedroht fühlen, dass fünf Personen einen sozialistischen Umsturz durchführen könnten. Beide Fälle erinnern tragischerweise an einen »stalinistischen Schauprozess«. Putin kritisiert ständig Lenin und die Bolschewiken. Kurz: Russland ist kein sozialistisches Land und nostalgische Erinnerungen sind verfehlt.

Martin Mandl, Paris

Wow, der russische Staat muss sich in seinen Fundamenten bedroht fühlen, dass fünf Personen einen sozialistischen Umsturz durchführen könnten.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 07.05.2026, Seite 14, Leserbriefe

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