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Aus Leserbriefen an die Redaktion

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Foto: imago/ZUMA Press

Tauwetterperiode der Philosophie

→ Zu jW vom 15.4.: »Wie wir lernen, die Bombe zu sein«

Ewald Iljenkow wie auch mein eigener erster akademischer Lehrer Jewgeni Linkow aus Leningrad gehörten neben vielen anderen zu einer Generation sowjetischer Philosophen, welche ihre Aufgabe darin sahen, eine Wiedereinsetzung der klassischen deutschen Philosophie in ihre ursprünglichen Rechte herbeizuführen. Das war nötig geworden, weil der vierte Klassiker aus politisch-ideologischen Motiven heraus dies verändern wollte. Es fanden sich willige Lohnschreiber, welche den Wunsch in Text umsetzten und in einem Artikel in der großen Sowjetenzyklopädie die Philosophie Hegels als aristokratische Reaktion auf die Französische Revolution bezeichneten. Die diametral entgegengesetzten Standpunkte von Marx, Engels und Lenin spielten keine Rolle, denn der vierte Klassiker hatte die politische Macht.

Als dann aber die sogenannte Tauwetterperiode einsetzte, hat die Generation Iljenkow nicht nur naive Vorstellungen kritisiert, die Bloch einst als »Klötzchenmaterie« verspottet hatte. Es fand eine produktive Diskussion zum Themenkreis Hegel und Marx und Dialektik statt. Das Verdienst von Linkow bestand u. a. darin, dass er in seiner Dissertation auf die Bedeutung auch von Schelling hinwies. Es war dies eine sehr produktive Phase im philosophischen Leben. Die »Tauwetterperiode« endete 1968 mit dem Einmarsch der Staaten des Warschauer Vertrages in die ČSSR. Dies war der Beginn einer Periode der Stagnation, in der die politische Führung hauptsächlich auf den Erhalt der eigenen politischen Macht bedacht war. Sie endete mit dem Zerfall des sowjetischen Systems.

Als symbolisches Beispiel, wie sich das auf die philosophische Entwicklung auswirkte, kann das Schicksal von Helmut Seidel in Leipzig genommen werden. Er hatte in einem Artikel die Praxis als Zentralkategorie der marxistischen Philosophie bezeichnet und wurde dafür politisch gemaßregelt. Wieder mischte sich die Führung direkt in die Philosophie ein. Seidel zog sich in seinen philosophischen Arbeiten in die Geschichte der Philosophie zurück, wohin ihm die Oberideologen intellektuell nicht folgen konnten. Ähnlich erging es den Philosophen der »Tauwetterperiode« in der Sowjetunion. Sie spürten ähnlich wie ein Seismograph die Ausweglosigkeit des sowjetischen Systems und zogen sich in ihre je eigene Festung des Geistes zurück.

Ewald Iljenkow ist ja auch berühmt für seinen Versuch, eine dialektische Logik zu entwickeln. Sein Zeitgenosse Alexander Sinowjew fand seinen Ausweg in der mathematischen Logik. Er wurde einer der geschäftlich erfolgreichsten Dissidenten, der zeitweise in München lehrte. Seine Texte erreichten ihre Wirksamkeit durch das Aufzeigen des Widerspruchs von Anspruch und Wirklichkeit im sowjetischen System. In allen Fällen erzeugte die politische Führung genügend Druck, damit sich die Philosophen aus der Politik heraushielten. Philosophie als eingreifendes Denken wurde zwar formell verkündet und gefordert, wenn es aber stattfand, sofort unterbunden. Dadurch wurden Denker wie Iljenkow gezwungen, sich immer im Kreise der Philosophie zu bewegen; sozusagen den Herren Hegel noch einmal zu »überhegeln«. Der Ansatz von Marx und Engels vom Ende der Philosophie (Hegelschen Typs) und dem notwendigen Übergang zur positiven Wissenschaft wurde kaum rezipiert. (…)

Bernd Vogel, Leipzig

Verfolgt im Kampf gegen Remilitarisierung

→ Zu jW vom 18./19.4.: »Weniger Demokratie wagen«

Der Kampf gegen die Remilitarisierung, der ein zutiefst humanistisches Anliegen verfolgte, betraf nicht nur das Verbot der FDJ, sondern auch zahlreiche andere Organisationen, die das unterstützten. Zur gleichen Zeit im Jahr 1951 beantragte die Bundesregierung auch das Verbot der KPD, welches mit Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 17. August 1956 dann ausgesprochen wurde. Auch hier war einer der Gründe die Aktivität gegen die Remilitarisierung. Das Verbot der FDJ wurde letztlich durch ein Urteil des Bundesverwaltungsgerichts vom 16. Juli 1954 bestätigt.

Ralph Dobrawa, Gotha

Es geht um die Bombe

→ Zu jW vom 4./5.4.: »›Wir sind im Zeitalter der Atomenergie‹«

Schon die Überschrift ist falsch, wir befinden uns eindeutig im Zeitalter der Energiegewinnung aus erneuerbaren Energieträgern. Dieses Zeitalter wird von China angeführt. China setzt primär auf Solarenergie, davon lenken auch einige Powerpointreaktoren nicht ab. Es ist besser, von einem toten Pferd zu steigen, bevor es anfängt zu stinken. Die junge Welt hat sich vor den falschen Karren spannen lassen. Die Kernenergie ist weder sicher – keine Versicherung der Welt versichert ihre Risiken –, noch ist sie wirtschaftlich, besonders im Hinblick auf die Altlasten: Die Reaktorhülle in Tschernobyl wurde mit circa vier Milliarden Euro von der EU finanziert, also von uns. 1986 konnte man auch in Deutschland die Milch von Weidekühen nicht trinken. Alles vergessen? Deutschland will »kriegstüchtig« werden, dabei lagern circa 1.000 Castor-Behälter mit abgebrannten Brennstäben ungeschützt an alten KKW-Standorten. Wenige bombenbestückte Drohnen würden genügen, um Deutschland für viele Jahre unbewohnbar zu machen. Wer heute noch auf Atomenergie setzt, will eine Atombombe. Das war schon seit Franz Josef Strauß und dem Garchinger »Atomei« ein deutscher Traum, der jetzt wieder neu aufgelegt wird. (…)

Wolfgang Doster, Erding

Der Kampf gegen die Remilitarisierung, der ein zutiefst humanistisches Anliegen verfolgte, betraf nicht nur das Verbot der FDJ, sondern auch zahlreiche andere Organisationen, die das unterstützten.

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Erschienen in der Ausgabe vom 25.04.2026, Seite 14, Leserbriefe

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