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Irankrieg

Eine gewaltige Übermacht

Die USA und Israel haben dem Iran empfindliche Schläge versetzt. Dennoch gibt es Probleme mit dem Nachschub von Raketen und mit Teherans Drohnenangriffen. Eine vorläufige Bilanz des Krieges im Nahen Osten

Foto: U.S. Air Force/Handout via Reuters
Die USA verfügen im Iran über die Lufthoheit. Die Zerstörungen durch die Bombenabwürfe sind enorm – US-Tarnkappenbomber »F-35A Lightning II« (5.4.2026)

Vor dem Hintergrund des vorerst pausierenden Angriffskrieges gegen Iran diskutiert der Kongress in Washington über das umfangsreichste Militärbudget in der Geschichte der USA. Mit einer Summe von 1,5 Billionen US-Dollar für das Steuerjahr 2027 liegen die von der Regierung geforderten Ausgaben um 44 Prozent über dem Pentagonbudget des laufenden Jahres. In der Summe enthalten ist eine Verdreifachung der Ausgaben für unbemannte Flugkörper und verwandte Technologien auf mehr als 74 Milliarden US-Dollar sowie die Produktion von zusätzlicher Munition im Wert von 30 Milliarden US-Dollar. Darüber hinaus sollen nachträglich 80 bis 100 Milliarden US-Dollar für den Krieg gegen die Islamische Republik bewilligt werden.

Befürworter dieses Forderungspakets verweisen unter anderem auf eine im April veröffentlichte Untersuchung des Center for Strategic and International Studies (CSIS), der zufolge die US-Streitkräfte in weniger als zwei Monaten aktiver Kriegführung gegen Iran ungefähr die Hälfte einiger Raketen- und Munitionsarten verbraucht haben. ABC News zitierte am 29. April einen der Autoren dieser Studie, Oberst i. R. Mark Cancian, mit der Aussage, die am 28. Februar begonnene Operation »Epic Fury« gegen Iran habe »ein Fenster der Verwundbarkeit geschaffen«, das über einen Zeitraum von vier Jahren bestehen werde – die seiner Schätzung nach erforderliche Zeit für die Wiederauffüllung der Materialbestände.

26 Milliarden Dollar verschossen

Schon am vierten Kriegstag, dem 3. März, blies Der Spiegel Alarm: »Den USA gehen die Abfangraketen aus«. Den israelischen Streitkräften erginge es ähnlich, und am allerschlimmsten sei es in den arabischen Golfstaaten, die zum ersten Mal in der langen Geschichte dieses Konflikts direktes Ziel iranischer Vergeltungsschläge wurden. US-Außenminister Marco Rubio wurde vom Spiegel mit der Aussage zitiert, Iran produziere hundert ballistische Raketen im Monat: »Vergleichen Sie das mit den sechs oder sieben Abfangraketen, die wir im Monat bauen, ganz zu schweigen von den Tausenden Einwegdrohnen, die sie auch noch haben«. Mitte April behauptete der stellvertretende Stabschef der iranischen Streitkräfte, Brigadegeneral Alireza Scheikh, man habe es geschafft, die Produktionsrate offensiver Drohnen nach dem Junikrieg 2025 auf das Zehnfache zu steigern und zudem ihre Fähigkeiten erheblich zu verbessern.

Seit Kriegsbeginn wurden viele Berechnungen mit ähnlichen Ergebnissen veröffentlicht, nicht zuletzt, aber keineswegs ausschließlich in iranischen und scheinbar »proiranischen« Medien. Die französische Nachrichtenagentur AFP berichtete am 28. März, Israels Luftverteidigung könne zwar 92 Prozent der vom Iran und der libanesischen Hisbollah abgefeuerten Raketen abfangen, werde aber am Ende des Monats, also in wenigen Tagen, ihr wichtigstes Abwehrsystem, »Arrow 2« und »­Arrow 3«, verschossen haben. Anonymen Untersuchungen zufolge hätten die gegen Iran Verbündeten in den ersten 16 Kriegstagen rund 11.300 Stück Munition im Gesamtwert von 26 Milliarden US-Dollar eingesetzt und ihren Bestand an weitreichenden Abfangraketen und Präzisionsgeschossen »nahezu erschöpft«. Produktionszeiten und Kosten seien ein großes Problem. Jede »Arrow 2«-Abfangrakete koste 1,5 Millionen US-Dollar, jede »Arrow 3« rund zwei Millionen US-Dollar. Letztere kann anfliegende Objekte schon in größerer Entfernung abfangen.

In vielen Fällen führten diese Beschreibungen zu der Schlussfolgerung, dass die USA und Israel auf dem Weg seien, ihre kostspielige Luftabwehr im Kampf gegen die massenhaft und sehr viel billiger hergestellten iranischen Drohnen und Raketen einzubüßen. Typischerweise werden zum Beispiel die Kosten einer »Patriot«-Abwehrrakete – vier Millionen US-Dollar – mit denen einer iranischen »Schahed«-Drohne – 20.000 bis maximal 50.000 US-Dollar – verglichen.

Das Problem trat, zumindest für die israelischen Streitkräfte, anscheinend schon während des zwölftägigen Krieges im Juni vorigen Jahres auf. Irans Politiker und Medien behaupteten damals, Israel sei materiell nicht mehr fähig gewesen, den Krieg fortzusetzen, und sei nur durch die von Donald Trump einseitig verkündete Waffenruhe vor dem vollständigen Zusammenbruch bewahrt worden.

Am 25. April berichtete der private israelische Fernsehsender Kanal 12, Iran stelle zehnmal so viele ballistische Raketen her wie in Israel Abfangraketen produziert würden. Das Missverhältnis sei schon beim zweimaligen Schlagabtausch im April und Oktober 2024 deutlich geworden. Trotzdem habe keine Sondersitzung der israelischen Regierung oder des Kabinetts darüber diskutiert, die Produktion von Abfangsystemen deutlich anzukurbeln. Es sei allen klar, dass es vor allem von den »Arrow 3«-Abfangsystemen nicht genug gebe. Auch nach dem Zwölftagekrieg 2025 sei trotz Drängen der Militärs, einschließlich des Direktors im Verteidigungsministerium, General Amir Baram, nichts unternommen worden.

»Lücke der Verwundbarkeit«

Eine mögliche Erklärung ist, dass die israelische Regierung sich darauf konzentriert, billigere Alternativen zu entwickeln, statt in der Anzahl teurer Abfangraketen mit Irans Offensivpotential mithalten zu wollen. Israel ist zum Beispiel das erste und bisher einzige Land der Welt, das mit »Iron Beam« seit Ende vorigen Jahres über ein voll einsatzfähiges Laserabwehrsystem verfügt, das in die Luftwaffe integriert ist. Experten berechnen die Kosten eines Schusses mit 3,50 US-Dollar. Großbritannien erprobt in enger Zusammenarbeit mit der Ukraine unter dem Namen »Dragon Fire« ein ähnliches System.

Bemerkenswert ist, dass die US-amerikanischen Programme zur Herstellung von billigen Waffensystemen zwar durch die aktuellen Probleme, die im Iran-Krieg auftreten, propagandistischen Auftrieb bekommen, aber keine direkte Reaktion auf diese Erfahrungen sind, sondern schon mehrere Jahre zurückreichen. So wurde das unter dem Namen »Replicator« laufende System von Drohnen und Drohnenabwehr schon im August 2023 angekündigt und in den Kontext der gegen China gerichteten Abwehr und Abschreckung gestellt.

Die vorherrschende Annahme in der politischen und militärischen Führung der USA ist, dass eine »Lücke der Verwundbarkeit« geschlossen werden muss, die mehrere Jahre existieren wird, bevor die angestrebte massenhafte Produktion von vergleichsweise sehr viel billigeren Waffensystemen richtig zum Tragen kommt. In der Planung werden mehrere Phasen unterschieden, deren kürzeste außergewöhnliche Maßnahmen wie etwa den Verzicht auf einen Teil der Hightecheigenschaften der produzierten Rüstungsgüter beinhalten und schon Ende des Jahres Wirkung zeigen soll. Propagandistisch werden diese mit irrealen Szenarien flankiert, die eine hochgradige Aggressivität Chinas und Russlands unterstellen. Unter diesem Aspekt sind kritische Mediendarstellungen, die auf partielle Engpässe während des gegenwärtigen Iran-Krieges hinweisen oder diese sogar dramatisieren, durchaus willkommen.

Kriegsminister Pete Hegseth hat den angestrebten Rekordhaushalt des Pentagon am Mittwoch und Donnerstag voriger Woche in den Streitkräfteausschüssen des Abgeordnetenhauses und des Senats vorgestellt und gerechtfertigt. Zusammen mit ihm traten Generalstabschef Dan Caine und der Controller des Pentagon, Staatssekretär Jules Hurst, zur Anhörung an. Hegseth ließ sich dabei im Abgeordnetenhaus das Eingeständnis entlocken, dass Irans wichtigste Atomanlagen schon im Junikrieg 2025 »ausgelöscht« worden seien. Damit entfällt implizit der Vorwand für den gegenwärtigen Krieg. Dessen bisherige Kosten gab Hurst erstaunlich und unglaubwürdig niedrig mit 25 Milliarden US-Dollar an. Schon für die erste Kriegswoche waren die Kosten auf 11,3 Milliarden US-Dollar berechnet worden. Zumindest für die Zeit bis zum Inkrafttreten der immer noch weitgehend eingehaltenen Waffenruhe am 8. April – nach US-amerikanischer Ostküstenzeit am 7. April – werden die durchschnittlichen Kriegskosten der USA auf ein bis zwei Milliarden US-Dollar pro Tag geschätzt. Materialverluste und Reparaturkosten sind darin noch nicht einmal enthalten.

Militärbasen im Visier

Ein Bericht des Senders CBS vom 25. April legte dar, dass die Verluste und Beschädigungen an Ausrüstung und Anlagen der US-Streitkräfte im bisherigen Verlauf des Angriffskrieges gegen Iran weit größer waren, als offiziell zugegeben wurde. Seit dem 28. Februar seien Dutzende von Zielen in Militärstützpunkten der USA in sieben Staaten der Region zerstört oder beschädigt worden: Lagerhallen, Landebahnen, Kommandozentralen, Luftwaffenhangars, Radarsysteme, Infrastruktur für Satellitenkommunikation und über ein Dutzend Kampf-, Transport- und Radarflugzeuge. Einzelheiten verbirgt das Pentagon nicht nur vor der Öffentlichkeit, sondern auch vor dem Kongress – »aus Sicherheitsgründen«, wie es offiziell heißt. Im März hatte die Regierung private Satellitenunternehmen angeblich aufgefordert, keine Aufnahmen von beschädigten Militärstützpunkten zu veröffentlichen.

Unter den vom Iran angegriffenen Militärbasen werden Al-Dhafra und Al-Ruwais in den Vereinigten Arabischen Emiraten, der Prince-Sultan-Luftwaffenstützpunkt in Saudi-Arabien, Camp Buehring in Kuwait und das Hauptquartier der Sechsten Flotte in Bahrain genannt. Allein die Schäden dort betragen rund 200 Millionen US-Dollar, wie die New York Times unter Berufung auf eine interne Schätzung des Pentagon berichtete. Um Todesfälle und Verletzte unter den Angehörigen der US-Streitkräfte zu vermeiden, hat das für die Region zuständige Kommando Mitte (CENTCOM) einen großen Teil des Personals der Stützpunkte evakuiert und in Hotels und Privatbüros untergebracht.

Brigadegeneral Alireza Elhami vom Hauptquartier der iranischen Luftverteidigung bezifferte die Zahl der abgeschossenen US-amerikanischen und israelischen Drohnen Ende März auf 170. Darunter seien mindestens 24 US-Drohnen vom Typ »MQ-9 Reaper«, die je nach Version um die 30 Millionen US-Dollar pro Stück kosten. Die Zahl von 24 abgeschossenen Drohnen wirkt auf den ersten Blick unglaubwürdig hoch. Fest steht zumindest, dass sie wirklich verlorengegangen, wenn auch nicht mit absoluter Sicherheit abgeschossen worden sind. Das gilt auch für die vier »Hermes-900«- und drei »Heron-TP«-Drohnen der israelischen Luftwaffe, deren Abschuss die iranischen Streitkräfte sich zuschreiben. Unklar sind die Umstände des Abschusses oder Absturzes einer mit modernster Technik vollgestopften US-amerikanischen Aufklärungsdrohne vom Typ »MQ-4 C« am 9. April, also nach Inkrafttreten der Waffenruhe. Die Beschädigung eines weiteren Flugkörpers dieser Bauart gab das US-Militär am 27. April bekannt. Die Drohne habe aber notlanden können, niemand sei verletzt worden. Den Wert einer »MQ-4 C« gaben iranische Stellen offenbar übertrieben mit mehr als 600 Millionen US-Dollar an; 250 Millionen US-Dollar gelten als realistisch.

Mit 13 Toten und mehreren hundert Verletzten, von denen die meisten schon nach wenigen Tagen wieder zum Dienst antreten konnten, sind die Verluste der US-Streitkräfte in diesem Krieg bisher außergewöhnlich niedrig. Zum Vergleich: Bei der nur vier Tage dauernden Militärintervention auf der winzig kleinen Karibikinsel Grenada im Oktober 1983 wurden mindestens 19 US-Soldaten getötet, über 100 verletzt und neun Hubschrauber zerstört. Verteidigt wurde Grenada lediglich von 1.300 einheimischen und 780 kubanischen Soldaten, von denen mehr als 600 Bauarbeiter waren. Die bisher sehr niedrigen Verluste der US-Streitkräfte im Krieg gegen Iran widerspiegeln, dass der Großteil der Truppen weit von der »Front« entfernt gehalten wurde. Die mehrfach angekündigten Operationen von Bodentruppen fanden ebenso wenig statt wie Versuche, die hochwirksame iranische Blockade der Meerenge von Hormus gewaltsam zu beenden.

Doppelherrschaft an der Meerenge

De facto existiert dort eine Art Doppelherrschaft: Die iranischen »Revolutionsgarden« kontrollieren seit dem 2. oder 3. März den Seeweg, auf dem normalerweise rund ein Fünftel des international gehandelten Erdöls und Erdgases transportiert werden. Außerhalb der Meerenge versuchen Kriegsschiffe der US Navy seit dem 13. April, Tanker und Frachtschiffe an der Fahrt in und aus iranischen Häfen am Persischen Golf zu hindern. Mindestens vier iranische Schiffe, darunter zwei Tanker mit jeweils rund einer Million Barrel Erdöl an Bord, wurden gekapert und beschlagnahmt. Trump behauptet, Iran gingen durch diese Blockade täglich Exporteinnahmen von 500 Millionen US-Dollar verloren. Das ist jedoch um mindestens das Doppelte übertrieben. Die Zahl 170 Millionen US-Dollar, die US-Finanzminister Scott Bessent am 29. April nannte, kommt der Wahrheit näher. Absehbar ist, dass Iran in nicht ferner Zeit vermutlich nicht mehr genug Lagerraum für das derzeit nicht verschiffbare Öl hat und seine Förderung drosseln muss.

Obwohl die »Revolutionsgarden« die Straße von Hormus nach eigenen Aussagen zwar kontrollieren, aber nicht blockieren – nur israelische und US-amerikanische Schiffe sowie die einiger mit ihnen kooperierender Golfstaaten würden nicht durchgelassen, heißt es offiziell – ist die Zahl der Durchfahrten immer noch auf ein Minimum beschränkt. Fast 700 Schiffe und mit ihnen 20.000 Seeleute lägen immer noch im Persischen Golf fest, wurde am 15. April berichtet. 332 dieser Schiffe seien Öl- oder Flüssiggastanker, darunter mehr als 55 sogenannte »sehr große« Öltanker.

Die Verluste für die globale Versorgung mit Erdöl werden zwischen acht bis neun und 14 Millionen Barrel pro Tag recht unterschiedlich geschätzt. Der Generalsekretär der von westlichen Staaten dominierten Internationalen Energiebehörde (IEA) in Paris, Fatih Birol, sprach im März mehrfach von der größten Bedrohung der weltweiten Energiesicherheit in der Geschichte. In einem Artikel auf der Website Iran Oil Today, der am 21. April erschien, wurde der Gesamtwert des »verloren gegangenen« Erdöls auf 50 Milliarden US-Dollar geschätzt. Der Belgier Alexander De Croo, Administrator des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen, warnt vor der Gefahr, dass die Zahl der Menschen in Armut aufgrund der faktisch anhaltenden Stillegung des Schiffsverkehrs in der Straße von Hormus um 30 Millionen zunehmen könnte. Weitgehende Übereinstimmung der Experten besteht, dass die Lage an der Meerenge den weltweiten Abschied von fossilen Energieträgern und die Hinwendung zu Alternativen, einschließlich der Atomkraft, beschleunigen werde. Die Ölpreise lagen am 5. Mai mit 113 US-Dollar (Brent) und 104 US-Dollar (WTI) pro Barrel noch immer recht hoch, ohne dass sich ein Umschwung andeutet.

Am schwersten vom Angriffskrieg der USA und Israels getroffen ist eindeutig Iran. Die Kriegskosten, hauptsächlich aufgrund umfangreicher Schäden und Zerstörungen durch Luftangriffe, werden auf 100 bis 300 Milliarden US-Dollar geschätzt, wobei der weite Spielraum sich vor allem aus der Unklarheit ergibt, was und wie in die Rechnung einzubeziehen ist. Das entspricht mindestens einem Viertel des iranischen Bruttosozialprodukts (BIP), nach anderen Schätzungen sogar mehr als dessen Hälfte. Zum Vergleich: Für die Kriegskosten der USA wird weniger als ein Prozent des dortigen BIP angenommen, für Israel maximal von sechs Prozent gesprochen.

Die Statistik des iranischen Roten Halbmonds wies als Stand am 27. April 3.400 Tote und 26.500 Verletzte auf. Das bezieht sich aber erfahrungsgemäß nur auf Zivilpersonen, vor allem Kinder, Jugendliche, Frauen und alte Männer. Die Zahl der getöteten iranischen Soldaten und Angehörigen der Revolutionsgarde liegt vermutlich bei mehreren tausend.

Eine Besonderheit vor allem der israelischen Kriegführung ist die Methode des »gezielten Tötens« (targeted killing) in einem alles bisher Bekannte übersteigenden, immer bedenkenloser praktizierten Ausmaß. Diese Methode wird immer häufiger auch von den USA übernommen und wird wahrscheinlich das Kriegsbild der Zukunft prägend beeinflussen. Es ist, um nur den wichtigsten Punkt zu benennen, geradezu ausgeschlossen, dass sich China und Russland als die wichtigsten angenommenen Feinde »im Visier« des Westens nicht intensiv mit dieser Bedrohung beschäftigen – sowohl mit deren Abwehr als auch mit der Abschreckung durch eigene offensive Maßnahmen. Insbesondere die kontinuierliche Entwicklung der Drohnentechnik bietet dafür vielfältige Möglichkeiten. Das Überschreiten dieser »roten Linie« reicht in seiner unkontrollierbaren Gefährlichkeit sogar an den Einsatz sogenannter taktischer Atomwaffen heran, der immer näher zu rücken scheint.

Handelspartner betroffen

Iran hat in diesem Krieg zum ersten Mal die Kontrolle über die Straße von Hormus übernommen. Angekündigt und angedroht wurde diese Maßnahme schon oft, aber noch nie praktiziert. Ob das wirklich ein zweckmäßiges Mittel ist, kann man unterschiedlich diskutieren. Von den wirtschaftlichen Folgen ist die Islamische Republik letzten Endes nicht weniger negativ betroffen als die anderen erdölexportierenden Staaten der Region auch.

Seinen wichtigsten Handelspartner, China, das vor dem Krieg 45 bis 50 Prozent seiner Rohölimporte auf diesem Weg bezog und mindestens 80 Prozent des iranischen Ölexports aufnahm, hat Iran damit eher in Verlegenheit als stärker auf seine Seite gebracht. Gegen die USA, die sich zwischen den beiden Weltkriegen zur stärksten Seemacht dieses Planeten entwickelten, ist Iran chancenlos, was die Absurdität der Drohungen seiner Militärs und Politiker nur unterstreicht. Trump behauptet, dass die Navy 155 oder sogar 159 iranische Kriegsschiffe versenkt habe. Teheran hat ihm nicht widersprochen. Man muss annehmen, dass es genau oder im großen und ganzen stimmt. Die Schwärme wendiger kleiner Schnellboote, von denen in Kriegsszenarien seit Jahrzehnten die Rede war, sind bisher außer gegen ein paar unbewaffnete Frachtschiffe und Tanker nicht spürbar zum Einsatz gekommen.

Die Blockade seiner Häfen am Persischen Golf auf weit entfernten äußeren Linien durch Kriegsschiffe der USA kann Iran – so, wie sich die Situation gegenwärtig darstellt – zwar vereinzelt, aber vermutlich nicht dauerhaft in großem Umfang umgehen. Immerhin berichtete die Financial Times, dass in der ersten Woche nach Anordnung dieser Blockade 34 mit dem Iran verbundene Schiffe die Meerenge in eine der beiden Richtungen durchfahren hätten. Die Nachrichtenagentur AP meldete, dass in dieser Zeit mehr als zehn Millionen Barrel iranisches Erdöl den Golf verlassen hätten. Beide Darstellungen stützten sich auf Zahlen der kommerziellen Schiffsbeobachtungsfirma Vortexa. Möglicherweise ist dabei nicht ausgeschlossen, dass einige dieser Schiffe doch noch zum Umdrehen genötigt wurden.

Eine vorläufig noch offene Frage ist, welche Alternativen, etwa per Zug und Tankwagen über die Türkei oder per Schiff über das Kaspische Meer, praktikabel sind und welchen Umfang diese Optionen annehmen könnten. Die 1995 vereinbarte Pipeline vom Iran nach Pakistan, die tendenziell sogar über Indien nach China weiterführen sollte, wurde auf der pakistanischen Seite der Grenze nie gebaut. Teheran verzichtete aus »Gründen der guten Nachbarschaft« auf die angekündigte Klage beim Internationalen Schiedsgericht in Paris.

Nachbarn unter Beschuss

Erstmals seit Beendigung des Golfkrieges im August 1988 hat Iran sich im gegenwärtigen Krieg wieder auf einen militärischen Konflikt mit den arabischen Golfstaaten und Jordanien eingelassen, die damals alle die irakische Aggression finanziell und materiell unterstützt hatten. Die Ankündigung Teherans, auf jeden Angriff der Allianz USA-Israel gegen iranische Wirtschafts- und Infrastrukturobjekte sofort mit analogen Schlägen gegen Ziele in diesen Staaten zu reagieren, wurde bisher nur teilweise in Aktionen umgesetzt, aber die Schäden und Produktionsverluste sind trotzdem schon jetzt erheblich. Zur Begründung heißt es bis heute, dass diese Staaten sich durch Gewährung von Militärstützpunkten, logistische Leistungen und Einbindung in die mehrfach gestaffelte, eng koordinierte US-amerikanisch-israelische Luftabwehr am Angriffskrieg dieser beiden Staaten beteiligten.

Am häufigsten trafen Irans »Vergeltungsschläge« die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), die sich einerseits im Rahmen der von Trump vermittelten, im September 2020 unterzeichneten »Abraham ­Accords« besonders stark an Israel angenähert haben, andererseits aber in der Vergangenheit eine Schlüsselrolle bei der Umgehung der gegen die Islamische Republik gerichteten Wirtschaftssanktionen spielten. Schon am dritten Kriegstag, dem 2. März, meldete das Verteidigungsministerium der VAE, dass deren Streitkräfte 161 ballistische Raketen und 645 Drohnen aus dem Iran abgewehrt hätten, während acht Cruise Missiles auf dem Territorium der Emirate eingeschlagen seien.

Unter den durch iranischen Beschuss verursachten Schäden in den Golfstaaten ist vor allem der Angriff auf die Erdgasverarbeitungsanlage von Ras Laffan in Katar, eine der größten ihrer Art in der Welt, am 18. März hervorzuheben. Dadurch wurden langfristig rund 17 Prozent des Flüssiggasexports des Emirats vom Weltmarkt genommen, was zu einem enormen Anstieg der Gaspreise beitrug. Die Reparatur der Schäden wird voraussichtlich mindestens ein Jahr oder sogar länger dauern. Iran reagierte mit diesem Militärschlag auf einen Angriff mit Präzisionsbomben, den die israelische Luftwaffe am selben Tag, wenige Stunden vorher, gegen South Pars, Irans Anteil am größten Erdgasfeld der Welt, das zu rund zwei Dritteln im Seegebiet Katars liegt, gerichtet hatte.

Die politischen Wirkungen und langfristigen Folgen der iranischen Strategie, »Vergeltungsschläge« gegen die arabischen Golfstaaten zu richten, sind vielfältig und beim derzeitigen Stand der Dinge nicht sicher vorauszusagen. Dass sie sich gegen vergleichsweise »weiche«, leicht zu verletzende Ziele richten, ist aufgrund der geringen Entfernung und der Schwächen der dortigen Luftabwehr eindeutig. Dort lassen sich Schwärme von Drohnen, über die Iran in sehr großer Zahl verfügt, gut einsetzen, während es nur in wenigen Ausnahmefällen eine Drohne unversehrt bis nach Israel schafft.

Will man die politischen Folgen optimistisch interpretieren, könnte man ungefähr so argumentieren: Den arabischen Staaten, die traditionell mit den USA paktieren, werde durch die »Vergeltungsschläge« Irans vorgeführt, dass die USA sie in Wirklichkeit nicht schützen können. In diesem Sinn rief der Sprecher des Teheraner Außenministeriums, Esmail Baghaei, die Golfstaaten am Montag auf, sie sollten »aufhören, sich Sicherheit von Mächten außerhalb der Region zu leihen«. Die US-amerikanische Militärpräsenz in diesem Gebiet diene »nur als eine Quelle der Instabilität« und gefährde »genau die Länder, die deren Stützpunkte beherbergen«. »Echte und dauerhafte Sicherheit am Persischen Golf« könne nur durch »bodenständige Zusammenarbeit zwischen den Staaten der Region selbst, ohne Eimischung von außen« gewährleistet werden.

Realistisch betrachtet stellen sich die unmittelbaren Reaktionen der betroffenen Staaten auf die iranische Strategie aber gegenteilig dar. Das bündelte sich in einer Stellungnahme, die der Rat der Arabischen Liga am 21. April nach einer Videokonferenz auf Ministerebene abgab. Die Liga »verurteilte« darin die iranischen Angriffe mit Raketen und Drohnen als »flagrante Verletzung der Souveränität arabischer Staaten und klaren Bruch internationalen Rechts und der Charta der Vereinten Nationen«. Jeder Angriff auf einen arabischen Staat werde als Angriff auf alle Mitgliedstaaten der Liga betrachtet. Iran sei für die Schäden und Verluste verantwortlich, die durch seine militärischen Handlungen entstehen, und zur Zahlung von Reparationen verpflichtet.

Die hier entstandene Bruchlinie könnte sich jetzt in dem Ausmaß verhärten und vertiefen, in dem sich arabische Staaten möglicherweise an der Seite der USA und Israels am militärischen Konflikt um die Meerenge von Hormus beteiligen, den die Trump-Administration am Montag eröffnet hat.

→ Knut Mellenthin schrieb an dieser Stelle zuletzt am 21. Oktober 2025 über Israels Zwölftagekrieg gegen den Iran: »Krieg der Sieger«.

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Erschienen in der Ausgabe vom 06.05.2026, Seite 12, Ausland

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