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Energiesouveränität

Spritrevolution in Kuba

Erstmals eigener marktfähiger Treibstoff mittels Thermokonversion von Rohöl produziert

Foto: Ramon Espinosa/AP
Künftig mit kubanischem Diesel: Menschen fahren mit öffentlichem Bus durch Bay-Tunnel in Havanna (8.4.2026)

Inmitten der von Washington verhängten Energieblockade beweist Kuba abermals seine Fähigkeit, imperialistische Angriffe zu parieren. Während Donald Trumps Regierung seit Monaten versucht, die Wirtschaft der sozialistischen Inselrepublik zu erdrosseln, gelang es Wissenschaftlern und Ingenieuren, das heimische hochviskose schwere Rohöl mit eigener Technologie zu raffinieren und daraus marktfähigen Diesel, Benzin (Naphtha) und Heizöl herzustellen. Der Durchbruch widerlegt eine jahrzehntelang vorherrschende Annahme, dass kubanisches Erdöl wegen seiner hohen Dichte, Viskosität und seines Schwefelgehalts nicht raffiniert werden könne. Das im Land geförderte Rohöl aus dem nördlichen Erdölstreifen galt jahrelang als ungeeignet für eine derartige Verarbeitung und man war praktisch dazu verdammt, es direkt in Wärmekraftwerken zu verfeuern. Damit könnte nun – zumindest teilweise – Schluss sein.

Die Innovation ist das Ergebnis jahrelanger Forschungs- und Entwicklungsarbeit im Zentrum für Erdölforschung (Ceinpet) und in den Raffinerien des staatlichen Unternehmensverbunds Cuba Petróleo (Cupet). Im Mittelpunkt steht ein Verfahren der sogenannten Thermokonversion. Dabei werden die schweren Bestandteile des Rohöls durch kontrollierte Erhitzung aufgespalten, wodurch die Zähflüssigkeit des Rohstoffs sinkt und eine Weiterverarbeitung möglich wird – und zwar ohne die bislang dafür notwendige Beimischung importierten Naphthas. Gerade dieses Produkt ist infolge der US-Blockade und der seit 2019 zunehmend verschärften Verfolgung von Treibstofflieferungen knapp geworden. Der Naphthamangel, so Cupet-Vize­direktor Irenaldo Pérez Cardoso, zwang das Land, mit Hochdruck nach eigenen Antworten zu suchen.

Kubas Wissenschaftler fanden sie. In der Raffinerie Hermanos Díaz in Santia­go de Cuba wurden erfolgreiche experimentelle Läufe durchgeführt und die ersten praktischen Ergebnisse liegen bereits vor. Die Ingenieure gewannen marktfähigen Diesel, Heizöl für die Energie- und Nickelindustrie sowie Naphtha als Lösungsmittel – genug für 15 Tage Ölförderung in Varadero. Zwar handele es sich noch nicht um Spezialkraftstoffe höchster Qualität, doch die Produkte seien marktfähig und könnten unmittelbar zur Entlastung der angespannten Versorgungs­lage beitragen, so Cardoso. Als nächster Schritt wird eine Pilotanlage in der Raffinerie Sergio Soto in Cabaiguán, Sancti Spíritus, errichtet. Sie soll die nötigen Daten liefern, um die Technologie in größerem Maßstab testen und weiterentwickeln zu können. Eine zweite Entwicklungsphase sieht dann den Einsatz kubanischer Lateritmineralien vor, um den hohen Schwefelgehalt des Rohöls zu senken – ebenfalls nur mit heimischen Ressourcen.

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Die Bedeutung dieser Entwicklung ergibt sich aus dem Ernst der aktuellen Lage. Seit Monaten leidet Kubas Bevölkerung unter häufigen Stromausfällen, Treibstoffknappheit und eingeschränkter industrieller Produktion. Ursache sind neben der globalen Energiepreisentwicklung vor allem die aggressiven Zwangsmaßnahmen des Trump-Regimes, das Lieferungen von Öl und Raffinerieprodukten vollständig verhindert. Begrenzte Hilfslieferungen befreundeter Staaten können den Bedarf der Insel nur teilweise decken. Die Fähigkeit, eigenes Rohöl zu raffinieren, führt jedoch nicht nur zur Entlastung der aktuellen Energieversorgung, sondern stärkt langfristig auch die technologische Souveränität des Landes.

Präsident Miguel Díaz-Canel hob hervor, dass dieser Erfolg aus einem Forschungszentrum des staatlichen Unternehmenssystems selbst komme, sei ein weiterer Beleg dafür, wie Wissenschaft und Innovation und Kreativität auch ohne private Konzerne komplexe strategische Probleme lösen können. Kuba beweist einmal mehr, wozu seine Forscher, Wissenschaftler und Ingenieure trotz Sanktionen und gegen alle Widrigkeiten fähig sind. Bereits während der Pandemie entwickelte das Land eigene Impfstoffe und Beatmungsgeräte, weil die US-Blockade Lieferungen verhinderte. Nun folgt der nächste Schritt zu mehr Energiesouveränität. Zwar erfährt die Insel auch im Energiebereich die Solidarität von Verbündeten – Russland lieferte unlängst 100.000 Tonnen Rohöl und China spendierte gerade einen neuen Photovoltaikpark in Cienfuegos –, doch angesichts der US-Blockade, in der Energie zunehmend zur Strangulierung der Wirtschaft eingesetzt wird, gewinnt die Fähigkeit zur eigenen Produktion für Kuba strategische Bedeutung.

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.04.2026, Seite 8, Kapital & Arbeit

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