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Homosexualität

Geschichte wird gemacht

Thomas Sparrs Buch »Come out!« über den Aufstand in der Christopher Street und seine Nachwirkungen

Von Michael Sollorz
Foto: Mark Peterson/REUTERS
Gay Pride in New York City (25.6.1989)

Der Sieger schreibt die Geschichte, so kennen wir das und sind auf der Hut. Im vorliegenden Fall dürfen wir jedoch entspannen, denn hier beugt sich einer über die »Geschichte der eigenen Geschichte«, wie es die verdienstvolle Literaturwissenschaftlerin Marita Keilson-Lauritz einmal nannte, nämlich ihr jüngerer Berufskollege Thomas Sparr, 1956 in Hamburg geboren. Gewiss sind wir keine Sieger, die Homosexuellen im deutschen Sprachraum, sicher aber doch Gewinner einer langen, zähen Entwicklung, in der auch eine ranzige New Yorker Homobar eine Rolle spielte.

Das Stonewall Inn, so heißt sie, liegt in der Christopher Street. Der Name der Straße ging um die Welt, ein Feiertag ist nach ihr benannt. Was war passiert? Spät in der Nacht zum 28. Juni 1969 gab es mal wieder eine Razzia. Zur Ausweiskontrolle werden die Gäste vor die Tür geschickt, schwule Jungs, Lesben, Transgeschlechtliche und Drag Queens – ein seltenes Foto aus der Nacht zeigt halbe Kinder aller Hautfarben. Anschließend sammeln sie sich gegenüber und kommen auf die Idee, die Bullen mit Penny-Münzen zu bewerfen, wütender Protest gegen dauernde Schikanen und die Korruption. Denn das Stonewall zahlt schon Schutzgeld an die Mafia, und die Polizei kassiert ihren Anteil. Bei Münzen bleibt es nicht, Steine fliegen, ein Brandsatz. Das hatten die Bullen noch nie erlebt, dass die Perversen sich wehren. Drei Nächte währte der Aufstand und wurde in der Folgezeit hochgejazzt zur Geburtsstunde einer weltweiten Befreiungsbewegung.

Thomas Sparrs Buch untersucht mutmaßliche Nachwirkungen und stapft mit Siebenmeilenstiefeln durch die Jahrzehnte seitdem, erinnert aber auch an frühere Vorstöße. Bereits 1950 gründete der Kommunist Harry Hay mit der Mattachine Society die erste politische Organisation für die Gleichberechtigung von Homosexuellen in den USA. Aktivisten wie Hay verstanden sich durchaus als Teil umfassenderer Absichten. Alltäglicher Rassismus und der Vietnamkrieg politisierten vor allem die Jugend. Schon eine Woche vor dem Stonewall-Trouble tönte die Studentenzeitung Berkeley Barb: »Die revolutionären Kräfte hierzulande scheinen eine gewaltige Kraftquelle im Land zu ignorieren, eine Kraft, die den gesamten industriell-militärischen Komplex, der die Politik kontrolliert und über die Menschen in dieser Nation herrscht, zum Stillstand bringen könnte. Die Kraft, die ich meine, ist die Macht der Homosexuellen, der größten Minderheit in den Vereinigten Staaten.« Man reibt sich die Augen. Und auch die Genossen im Rest der Welt wurden auf tiefere Zusammenhänge gestoßen. So mahnte 1970 das Manifest »Third World Gay Revolution«: »Schwestern und Brüder in der Dritten Welt, die ihr euch als ›Revolutionäre‹ bezeichnet, ihr habt es versäumt, euch mit euren sexistischen Haltungen auseinanderzusetzen. Statt dessen klammert ihr euch weiter an die Vorstellung männlicher Überlegenheit und damit an die vorgegebene Rolle der Unterdrücker. (…) Mit eurem konterrevolutionären Kampf für die Aufrechterhaltung und Stärkung der Heterosexualität und der Kernfamilie haltet ihr die überholten Relikte des Kapitalismus am Leben.«

Gut, dass »Come out!« solche Rückblicke bietet. Betrachtet man alljährlich das schrille Gezappel der sommerlichen CSD-Umzüge in deutschen Großstädten, ist es nämlich kaum noch zu glauben, dass es Leute gegeben haben soll, die eine Gay Revolution ausriefen, überzeugt vom weltverändernden Potential homosexueller Lebensweisen. Wo sind sie hin? Hat das süße Leben alles Unbequeme eingeschläfert, ist der Tellerrand zu hoch geworden? Denn zumindest hierzulande werden wir nicht mehr aufgehängt, nicht mal ins Gefängnis steckt man uns noch. Unserer Verfolgung sind Denkmale errichtet. Munter geistern wir durch Castingshows und Vorabendserien. Westerwelle und Wowereit sind möglich geworden. Wir haben unsere hedonistischen Hüpfburgen, unsere Datingportale, eigene Medien, und selbst unbescholtene Verlage wie C. H. Beck drucken unsere Erfolgsgeschichten. Nicht zuletzt dürfen wir inzwischen heiraten, und zwar sogar untereinander! So gut ging es uns noch nie, oder?

Der lange Weg kennt viele Helden, manche würdigt das Buch. Was sie bewirkt haben, ist eine schrittweise rechtliche Anpassung an Mehrheitsnormen, ganz sicher aber keine Revolution. »Für europäische Ohren, erst recht für Ohren in Deutschland, wo man nach Lenins berühmtem Wort vor der Stürmung eines Bahnhofs noch eine Bahnsteigkarte lösen würde, ist der Begriff hoch, viel zu hoch gegriffen«, schreibt Sparr, und für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft stellt er klar: »Sie hat keine einzige Liberalisierung aus besserer Einsicht, Humanität oder Empathie mit Homosexuellen gewährt.«

Und im Osten? Bis auf einen Schlenker zu einem späten Christoph-Hein-Roman und eine Erwähnung der legendären Charlotte von Mahlsdorf mit ihrer Kneipe Mulack-Ritze taucht die DDR nur als längerer Exkurs zu Heiner Carows Spielfilm »Coming out« aus dem Jahr 89 auf, bleibt also im Grunde außen vor. Das ist insofern schade, als ihre Besonderheit ganz andere Voraussetzungen für bürgerrechtliches Engagement bedingte. »Wir lassen keinen zurück« hieß eine der Losungen fürs sozialistische Zusammenleben. Leider war es bloß oft unmöglich, die Gesellschaft auf sie zu verpflichten. Eine Homobewegung, wie sie sich im Westen kommerziell und zivilgesellschaftlich entfaltet hat, kroch in Ostberlin und Leipzig, in Magdeburg und Halle notgedrungen unters Schutzdach evangelischer Kirchengemeinden – ein unwürdiger Zustand.

»Come out!« ist ein buntes Allerlei, in erster Linie aber keine Bewegungshistorie. Statt nämlich »näher an den Menschen« zu bleiben, wie es die Verlagsreklame verspricht, greift der Autor vor allem in die Kiste seiner einschlägigen Lektüreerlebnisse und Kinomomente, quasi dorthin, wo er sich auskennt. Da wird es beliebig. Warum zum Beispiel so viel Text über Hubert Fichte und Jürgen Bieneck, statt ein kleines Foto im eigenen Buch auszudeuten? Es zeigt den schwulen Buchladen »Prinz Eisenherz« im Westberlin der frühen 80er Jahre. Bei genauerem Hinsehen im Schaufenster eine Top-ten-Tafel, angeführt von Ronald M. Schernikau (mit seiner »Kleinstadtnovelle«) und James Baldwin (mit »Giovannis Zimmer«). Beide werden noch heute, nach ihrem Tod und auch außerliterarisch, weithin wahrgenommen, Stichwort Tellerrand. Top drei war dann übrigens der medizinische AIDS-Ratgeber »Sumpffieber« aus dem Verlag Rosa Winkel. Der Name gemahnt an die Kennzeichnung schwuler Insassen auf ihrer Häftlingskleidung in den Konzentrationslagern.

Angekommen in unserer rosigen Gegenwart, plagen uns aber ganz andere Sorgen. Wer will denn heute noch schwul sein? »Das Wort ›queer‹ löst die gängigen Begriffe des Homosexuellen, Lesbischen, Schwulen und anderer Identitäten auf und erweist sich als noch nicht ganz etablierter Begriff selbst als fragwürdig.« Und schließlich noch einmal die kühne These: »Stonewall bedeutet die Zertrümmerung der gängigen Begriffe, ein neues Fremd- und Selbstbild.« Tatsächlich?

→ Thomas Sparr, Come out! – Wie der Aufstand in der Christopher Street die Welt veränderte. Verlag C. H. Beck, München 2026, 208 Seiten, 24 Euro

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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