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Aus: Ausgabe vom 15.04.2026, Seite 14 / Feuilleton

Rotlicht: Positivismus

Von Felix Bartels
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Im traurigen Jahr 1873 holte ein Heros die Keule raus. Die Schrift eines Baseler Kollegen über die Geburt der Tragödie sei wissenschaftlich nicht haltbar. Der Heros: Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff. Der Kollege: Friedrich Nietzsche. Wilamowitz trat an, die Philologie vor philosophischen Zugriffen zu schützen, Nietzsches altphilologische Karriere war nach dieser Erledigung erledigt. Heute sind Wilamowitz' Arbeiten nurmehr fachgeschichtlich interessant, Nietzsches archetypische Korrelation um Apoll und Dionysos hat den Streit überdauert. Sie musste nicht in jedem Detail haltbar sein, um maßgeblich für das Verständnis der Antike zu werden.

Bissig hatte Wilamowitz den Anspruch des Positivismus formuliert. Der weniger eine geschlossene philosophische Schule ist als vielmehr eine allgemeine Denkart, die sich in der ersten Hälfte 19. Jahrhunderts auf sämtlichen Feldern des Wissens etablierte. Etymologisch leitet der Begriff sich vom lateinischen »positivus« ab: gesetzt, gegeben, bestimmt. Es geht um einen Weltzugriff, der allein vom Gegebenen ausgeht, dem sinnlich fassbaren oder durch Daten erfassbaren.

In der Historiographie heißt Positivismus, dass Urteile allein vermöge empirisch greifbarer Quellen gefällt werden können, die Quellen sollen gewissermaßen selbst urteilen. Damit macht Erkenntnisarbeit sich abhängig vom Zufall der Überlieferung. Ähnlich verhält es sich in der Literaturwissenschaft. Auch hier klebt die positivistische Forschung am Material, wofür nicht nur der eingangs bemühte Tragödienstreit ein Beispiel ist, auch die von Friedrich August Wolf aufgeworfene Homerische Frage war maßgeblich durch das positivistische Verständnis der Dichtkunst strukturiert.

In den Naturwissenschaften blieb das Problem lange unbewusst, was vielleicht damit zu tun hat, dass Positivismus in einer Epoche ungeheuren Wachstums an Daten aufkam. So lässt er sich wohl auch als Rausch verstehen, gepusht vom Eindruck der Wissensexplosion im 19. Jahrhundert. Seither ist man in naturwissenschaftlichen Zugriffen immer wieder über die Grenzen des Erfassten hinausgegangen, was nicht dasselbe ist wie sich ganz vom Erfassten zu lösen. Quantenmechanik zum Beispiel wäre ohne Tilgung positivistischer Filter nicht möglich gewesen. Eine extreme Form des physikalischen Positivismus markiert der sogenannte Empiriokritizismus, modelliert von Ernst Mach. In ihm wird die dem Positivismus innewohnende Selbstbeschränkung auf die Sphäre des sinnlich Gegebenen geleugnet, indem nicht nur die Erkennbarkeit einer objektiven Wirklichkeit jenseits der Erfahrung geleugnet wird, sondern gleich diese Wirklichkeit selbst.

Karl Poppers Wissenschaftstheorie bleibt gleichfalls positivistisch, auch wenn er sie gegenüber Adorno als kritischen Realismus davon abgegrenzt wissen wollte. Das Positive wird bei Popper ins Negative (Falsifikationismus) gewendet, die rigorose Abhängigkeit vom Empirischen aber bleibt erhalten. In der Jurisprudenz schließlich gibt es den Rechtspositivismus. Hier wird das Gesetz als maßgeblich dadurch verstanden, dass es Gesetz, also gesetzt, gegebenen ist. Ein Maßstab jenseits der Gesetze – ein moralischer, kritisch-reflektierter oder historisch begründeter – wird negiert, das Gesetz legitimiert sich selbst.

Historisch trat Positivismus als notwendige Gegenbewegung zum Skeptizismus auf, in den das Subjekt der Neuzeit fallen musste. Goethes Faust verkörpert diese Tragödie, der trockene Positivist Wagner wird gleich zu Beginn des Dramas verworfen. Skeptizismus löst den Gegenstand des Wissens durch Zweifel auf, Positivismus besinnt sich auf das empirische Material, doch dieses Material wird zur Fessel, nicht zu dem, was es eigentlich sein sollte: dem Boden, auf dem man steht. Positivismus löst den Gegenstand nicht durch Zweifel auf, er löst ihn in Daten auf, da nur das Fassbare oder Erfassbare an ihm beachtet werden soll. Das Regiment des Gegebenen, von dem man sich eine Freiheit von subjektiven Spinnereien verspricht, erweist sich tatsächlich als äußerst voraussetzungsreich und damit subjektiver denn je.

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