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29.05.2026
- → Feuilleton
Schnelle Muskeln, schnelles Geld
Die spanische Feministin Nuria Alabao stellt die Manosphere auf politisch-ökonomische Füße
Incels, Gym Bros, Crypto Bros und andere antifeministische Spezies« lautet der Titel eines aktuellen Buchs der spanischen Feministin, Anthropologin und Aktivistin Nuria Alabao auf deutsch. Sie gehört zum Redaktionsteam der Zeitschrift Zona de Estrategia, die sich selbst in der Tradition militanter Forschung autonomer Bewegungen verortet. Außerdem koordiniert Alabao die Abteilung »Feminismen« der digitalen Zeitschrift Ctxt, die für unabhängigen, kritischen Journalismus steht und sich kürzlich mit anderen linken spanischen Medien zusammengeschlossen hat, um unter anderem auch juristische Maßnahmen gegen »die trumpistische extreme Rechte und ihre Fabrik des Hasses« zu ergreifen, die in Spanien vor allem mit rechten Lawfare-Verfahren auf sich aufmerksam macht. Eine Art kapitalismuskritisches Handbuch ist der vorliegende Text der Autorin, mit dem sie sich an spanische Erzieherinnen und Lehrer wendet und die alarmierten Debatten um männliche Jugendliche, die sich in immer größerer Zahl von antifeministischen Diskursen leiten lassen, von moralischem Ballast befreit und sie statt dessen auf politisch-ökonomische Füße stellt.
Nächst zeigt die Autorin den Zusammenhang zwischen Neoliberalismus, Präkarisierung, Antifeminismus und Ideologien der extremen Rechten auf. Angesichts fehlender Berufsperspektiven, hoher Jugendarbeitslosigkeit und einer systembedingten Wohnraumkrise lasse sich der neue Machismo auch als eine »kompensatorische Illusion« auf die tatsächliche Unterordnung in der Gesellschaft verstehen – Eva von Redecker würde hier von »Phantombesitz« sprechen –, denn die materiellen Mittel, um das Mandat traditioneller Männlichkeit zu erfüllen, stünden heute gar nicht mehr zur Verfügung. In der sogenannten Manosphere – Onlineräumen, in denen (toxische) Männlichkeit verhandelt wird – finden, so Alabao, Gefühle von Unsicherheit, Scheitern, Ohnmacht eine Erklärung, und es werden auch vermeintliche Lösungen angeboten. Dass die Manosphere auch lukrative Geschäftsmodelle bietet und Kids wohlhabender Eltern vor Antifeminismus nicht gefeit sind, wird erwähnt, beide Stränge werden hier aber nicht weiter verfolgt.
Hypermaskulinität in Form körperlicher Transformation (»Gym Bros«), aber auch in Gestalt ökonomischen Erfolgs mittels Finanzspekulation (»Crypto Bros«), so die Autorin, operiert als Versprechen, Kontrolle über das eigene Leben zu gewinnen. Fitness wird zu einem ideologischen Werkzeug, der muskulöse Körper zum Antidot gegen die scheinbare »Feminisierung der Gesellschaft«. In einer Gesellschaft, in der Aufstieg durch Arbeit nicht mehr gelingt und der Besitz von Aktien und Immobilien über die Klassenposition entscheidet, lautet der Berufswunsch vieler Jugendlicher heute: Investor oder Influencer. All diese Einsätze zur Erreichung schnellen Geldes oder schneller Muskelmasse lenken den Blick weg von Klassenprivilegien hin zur individuellen Anstrengung des einzelnen und führen so nur zu neuen Frustrationen, die dann von rechter Seite instrumentalisiert und in antifeministische (auch rassistische) Bahnen gelenkt werden können.
Eine ganze Reihe weiterer antifeministischer Sozialfiguren taucht in Alabaos Klassifizierung auf: die »Pickup Artists«, die »Incels«, die »No Fuckers«, die sie alle als Reaktion auf feministische Errungenschaften liest, also auf die bessere Ausbildung von Frauen, ein deutlich elaborierteres Bewusstsein ihrer Rechte und auch ihrer Ansprüche an Beziehungen. Aber auch die Infragestellung des heteronormativen Modells, mit dem Frauen, Umfragen zeigen es, deutlich besser zurechtkommen als Männer, spielt eine Rolle. Im Kontext des antifeministischen Standardarguments, wonach Männer zu Gleichstellungsopfern geworden seien, diskutiert die Feministin Alabao eine ganze Reihe von mainstreamfeministischen Maßnahmen kritisch. So arbeitet sie differenziert problematische Aspekte unter anderem von Gleichstellungspolitiken, auch von »progressivem Sexualstrafrecht« heraus (in letzterem ist Spanien Vorreiter). Dass sich die Geschlechterverhältnisse in den meisten westlichen Ländern verbessert haben, ist selbstverständlich eine erfreuliche Nachricht, allerdings haben sich im gleichen Zeitraum die Lebensbedingungen der Mehrheit verschlechtert und Klassenverhältnisse spürbar verschärft.
Im letzten Kapitel »Wie mit ihnen sprechen?« hat die Autorin eine Reihe brauchbarer Argumente für das Klassenzimmer versammelt. Zuallererst: Einen Feminismus im Singular gibt es nicht, nur Feminismen im Plural, denn es handelt sich um ein von ideologischen Differenzen, internen Auseinandersetzungen und unterschiedlichen Klasseninteressen durchzogenes Feld. Es gibt feministische Positionen, die sich auf gefährliche Weise mit solchen der Rechten überschneiden. Als Beispiele benutzt sie unter anderem den trans Personen ausschließenden Radikalfeminismus, aber auch die feministische Rechtfertigung der Besetzung der palästinensischen Gebiete mit dem Verweis darauf, die Palästinenser unterdrückten Homosexuelle und Frauen. Der feministische Diskurs kann von nationalistischen, xenophoben, auch imperialistischen Logiken kooptiert werden, deshalb muss klar unterschieden werden zwischen einem emanzipatorischen Feminismus und instrumentalisierten Versionen wie dem reaktionären, aber auch dem institutionellen und dem liberalen Feminismus. Das zum antifeministischen Repertoire gehörende Argument vom Verlust männlicher Privilegien verschleiert das Problem der Klassenunterschiede. Statt die materiellen Grundlagen zu diskutieren, wird der Konflikt in emotional-symbolisches Terrain verschoben, Stichwort »Kulturkrieg statt Klassenkampf«. Der Feind sind nicht die Frauen (oder die Migranten), sondern gesellschaftliche Strukturen, die Ungleichheit organisieren: Klassenverhältnisse, Reichtumskonzentration, Ausbeutungslogik und Merkantilisierung des Lebens. Feminismus hat das Potential zur Befreiung von Frauen und Männern. »Wir brauchen euch, um die Welt zu verändern« – das ist die progressive Botschaft nicht nur für das Klassenzimmer.
→ Nuria Alabao: Ínceles, gymbros, criptobros y otras especies antifeministas. Lo que la manosfera nos dice de los adolescentes y del mundo en que vivimos. Editorial Escritos Contextatarios. Colección Ctxt, 2025, 104 Seiten, 10 Euro
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