Fortsetzung unerhörter Bestialitäten
Die alte Aufteilung beruhte darauf, dass England im Verlauf einiger Jahrhunderte seine früheren Konkurrenten ruiniert hatte. Sein früherer Konkurrent war Holland, das seinerzeit die ganze Welt beherrschte, sein früherer Konkurrent war Frankreich, das um die Herrschaft rund hundert Jahre Krieg führte. Durch lange Kriege hatte England auf Grund seiner ökonomischen Macht, der Macht seines Handelskapitals, seine nirgendwo mehr bestrittene Weltherrschaft errichtet. Da tauchte ein neuer Räuber auf, 1871 entstand eine neue kapitalistische Großmacht, die sich unermesslich schneller entwickelte als England. Das ist die grundlegende Tatsache. Sie werden kein einziges Buch über die Geschichte der Ökonomie finden, das diese unbestreitbare Tatsache, die schnellere Entwicklung Deutschlands, nicht zugeben würde. Diese schnelle Entwicklung des deutschen Kapitalismus war die Entwicklung eines jungen und starken Räubers, der im Verband der europäischen Mächte erschien und erklärte: »Ihr habt Holland ruiniert, ihr habt Frankreich zerschlagen, ihr habt die halbe Welt in Besitz genommen – gebt uns gefälligst einen entsprechenden Anteil.« (…)
Das eben ist die Geschichte der Ökonomie, die Geschichte der Diplomatie während mehrerer Jahrzehnte (…). Sie allein weist den Weg zu einer richtigen Lösung der Frage des Krieges und zeigt, dass auch der gegenwärtige Krieg ein Produkt der Politik jener Klassen ist, die in diesem Krieg aneinandergeraten sind, der beiden großen Giganten, die lange vor dem Kriege über die ganze Welt, über alle Länder die Netze ihrer finanziellen Ausbeutung gespannt, die vor dem Kriege die ganze Welt ökonomisch unter sich aufgeteilt hatten. Sie mussten aufeinanderstoßen, weil vom Standpunkt des Kapitalismus die Neuaufteilung dieser Herrschaft unvermeidlich geworden war. (…)
Wenn wir über die Frage der Annexionen diskutieren (…), dann vergessen wir stets, dass das gewöhnlich eben das ist, worum dieser Krieg geführt wird: um die Aufteilung der Eroberungen oder, populärer gesagt, um die Aufteilung der von den beiden Räuberhaufen zusammengeraubten Beute. Wenn wir über Annexionen diskutieren, begegnen wir ständig Methoden, die wissenschaftlich gesehen keinerlei Kritik standhalten und die gesellschaftlich-publizistisch gesehen nicht anders denn als grober Betrug bezeichnet werden können. (…) Darum ist es verständlich, dass die Frage, wer von diesen beiden Räubern als erster das Messer gezogen hat, für uns keinerlei Bedeutung hat. Nehmen Sie die Geschichte der Marine- und Militärausgaben beider Gruppen im Verlauf von Jahrzehnten, nehmen Sie die Geschichte der kleinen Kriege, die sie vor dem großen führten – »kleinen« Kriege, weil in diesen Kriegen wenig Europäer, dafür aber Hunderttausende aus jenen Völkern umkamen, die sie versklavten, die von ihrem Standpunkt nicht einmal als Völker angesehen werden (irgendwelche Asiaten, Afrikaner – sind das etwa Völker?); mit diesen Völkern wurden Kriege folgender Art geführt: Sie waren waffenlos, und man mordete sie mit Maschinengewehren. Sind denn das Kriege? Das sind doch eigentlich gar keine Kriege, das kann man der Vergessenheit anheimfallen lassen. So also gehen sie an diesen kompletten Betrug der Volksmassen heran.
Dieser Krieg ist die Fortsetzung jener Politik der Eroberungen, der Ausrottung ganzer Völkerschaften, der unerhörten Bestialitäten, die die Deutschen und Engländer in Afrika, die Engländer und Russen in Persien – ich weiß nicht, wer von ihnen wohl mehr – begangen haben, und derentwegen die deutschen Kapitalisten sie als Feinde betrachteten. Ah, ihr seid stark, weil ihr reich seid? Aber wir sind stärker als ihr, darum haben wir das gleiche »heilige« Recht zu rauben. Darauf eben läuft die wirkliche Geschichte des englischen und des deutschen Finanzkapitals während langer Jahrzehnte vor dem Krieg hinaus. Darauf eben läuft die Geschichte der russisch-deutschen, russisch-englischen und deutsch-englischen Beziehungen hinaus. Das eben ist der Schlüssel zum Verständnis dafür, weswegen der Krieg geführt wird. (…)
Sie können die Wahrheit über die Annexionen nicht sagen, weil die ganze Geschichte sowohl Russlands wie Englands und Deutschlands ein ununterbrochener schonungsloser, blutiger Krieg um Annexionen ist. In Persien, in Afrika wurden erbarmungslose Kriege von den Liberalen geführt, von den Liberalen, die in Indien Menschen als politische Verbrecher auspeitschen ließen, weil sie es gewagt hatten, Forderungen zu stellen, für die auch bei uns in Russland gekämpft wurde. Die französischen Kolonialtruppen unterjochten ebenfalls die Völker. Das eben ist die Vorgeschichte, das ist die wirkliche Geschichte des beispiellosen Raubes! Das eben ist die Politik dieser Klassen, die der gegenwärtige Krieg fortsetzt.
Wladimir Iljitsch Lenin: Krieg und Revolution. Lektion am 14. (27.) Mai 1917. Zuerst veröffentlicht am 21. April 1929 in der Prawda Nr. 93 nach dem Stenogramm. Hier zitiert nach: Wladimir Iljitsch Lenin: Werke, Band 24. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 401–405
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