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Aus: Ausgabe vom 11.09.2021, Seite 3 (Beilage) / Wochenendbeilage

Kampf um Vorherrschaft in Asien

»Es gibt keine Möglichkeit, die Kräfte zu schätzen«: Friedrich Engels 1857 zu Perspektiven des Englisch-Persischen Krieges
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Angriff der 3. Bombay-Kavallerie in der Schlacht von Kooshab. Abbildung aus The ­Illustrated London News vom 25. April 1857

Am 25. Oktober 1856 besetzte Persien die westafghanische Stadt Herat. Am 1. November 1856 erklärte England, das hinter dem Vorstoß Russland vermutete, Persien den Krieg. Dieser endete rasch am 4. März 1857 mit dem Frieden von Paris, als in Indien ein Aufstand gegen die englische Kolonialherrschaft bevorstand. Persien räumte Herat und erklärte, es werde sich nicht mehr in Afghanistan einmischen. Friedrich Engels schrieb zu dem Konflikt in einem Ende Januar/Anfang Februar 1857 verfassten Text:

Der Besitz Herats, eines afghanischen Fürstentums, das aber jüngst von den Persern besetzt wurde, ist die Frage, die die Engländer, welche im Namen der Ostindischen Kompanie auftreten, veranlasst hat, den wichtigsten persischen Hafen am Persischen Golf, Buschir, zu besetzen. Die politische Bedeutung Herats ergibt sich aus der Tatsache, dass es das strategische Zentrum des gesamten Landes ist, das zwischen dem Persischen Golf, dem Kaspischen Meer und dem Jaxartes (heutiger Name: Syrdarja, jW) im Westen und Norden und dem Indus im Osten liegt, so dass im Falle eines großen Kampfes zwischen England und Russland um die Vorherrschaft in Asien – eines Kampfes, zu dessen jähem Ausbruch die englische Invasion in Persien führen kann –, Herat das Hauptziel der Auseinandersetzung und wahrscheinlich den Schauplatz der ersten großen militärischen Operationen bilden wird.

Dass die Herat zugeschriebene Bedeutung nicht unbegründet ist, muss jedem offenbar sein, der seine geographische Lage versteht. (…) So haben wir drei ausgeprägte Gebiete einer relativen Zivilisation, die sich zwischen dem Kaspischen Meer und Britisch-Indien erstrecken. Erstens die Städte Westpersiens: Schiras, Schuster, Teheran und Isfahan, zweitens die afghanischen Städte: Kabul, Ghasni und Kandahar; drittens die Städte von Turan (persische Bezeichnung für das zentralasiatische »Nichtiran«, jW): Chiwa, Buchara, Balch und Samarkand. Zwischen all diesen besteht ein beachtlicher Verkehr, und das Zentrum dieses ganzen Verkehrs ist notwendigerweise Herat. Die Straßen, die vom Kaspischen Meer zum Indus und vom Persischen Golf zum Oxus (heutiger Name: Amudarja, jW) führen, treffen sämtlich in dieser Stadt zusammen. Herat liegt auf halbem Wege zwischen Kabul und Teheran, zwischen Schiras und Balch. (…)

Somit ist Herat ein Punkt, der in den Händen einer starken Macht zur Beherrschung sowohl Irans als auch Turans (…) benutzt werden kann. Er gibt seinem Besitzer im allerhöchsten Grade alle Vorteile einer zentralen Position, von der aus strahlenförmig Angriffe nach allen Richtungen mit größerer Leichtigkeit und Aussicht auf Erfolg gemacht werden können als von irgendeiner anderen Stadt in Iran oder in Turan. (…)

Die Operationsbasis der Engländer ist das Gebiet des oberen Indus, und ihre Magazine müssen in Peschawar eingerichtet werden. Von hier haben sie bereits eine Kolonne in Richtung auf Kabul in Marsch gesetzt; diese Stadt ist in der Luftlinie vierhundert Meilen von Herat entfernt. In einem ernsthaften Krieg aber müssten sie außer Kabul, Ghasni und Kandahar auch die Bergforts erobern, die die afghanischen Pässe bewachen. (…) Die Engländer haben den Vorteil, dass ihre Operationslinie verhältnismäßig kurz ist, denn obwohl Herat genau auf halbem Wege zwischen Kalkutta und Moskau liegt, ist die englische Basis am Zusammenfluss des Kabul und des Indus doch nur 600 Meilen von Herat entfernt, während die russische Basis in Astrachan 1.250 Meilen entfernt ist. (…)

Jede weitere Spekulation über die Aussichten eines solchen Krieges ist natürlich völlig nutzlos. Es gibt keine Möglichkeit, die Kräfte zu schätzen, die auf der einen oder der anderen Seite in Bewegung gesetzt werden können. Es ist nicht möglich, all die Zufälle vorherzusehen, die eintreten können, wenn sich so wichtige Geschehnisse ereignen, wie sie jetzt heranzunahen scheinen. (…) Ein gut Teil wird auch von diplomatischen Intrigen und Bestechungen an den Höfen der verschiedenen Potentaten abhängen, die sich um Herat gruppieren. Es ist fast sicher, dass die Russen in diesen Dingen am besten abschneiden. Ihre Diplomatie ist besser und orientalischer; sie verstehen es, mit dem Geld freigiebig zu sein, wenn es erforderlich ist, und vor allem haben sie einen Freund im Lager des Feindes. Die britische Expedition in den Persischen Golf ist nur ein Ablenkungsmanöver, das einen bedeutenden Teil der persischen Armee auf sich zu ziehen vermag, jedoch in seinen direkten Resultaten nur wenig erreichen kann. (…) Die Linie, auf der das Schicksal von ganz Iran und Turan wirklich entschieden werden muss, führt von Astrabad (heute Gorgan im Iran, jW) nach Peschawar, und der entscheidende Punkt auf dieser Linie ist Herat.

Friedrich Engels: Perspektiven des Englisch-Persischen Krieges. New-York Daily Tribune vom 19. Februar 1857, Leitartikel. Hier zitiert nach: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke (MEW) Band 12. Dietz-Verlag, Berlin 1974, Seiten 123–128

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