Bleibende Bedrohung
Von Ulrich Schneider
Die Angehörigen der NSU-Mordopfer sowie Antifaschisten waren sich früh sicher, dass die Taten Teil einer Kontinuität des neofaschistischen Terrorismus waren, der seine Ursprünge viele Jahre zuvor hatte. Wer hierfür noch eine Bestätigung sucht, dem sei das Buch von Barbara Manthe »Terror von rechts – Die Geschichte einer andauernden Gefahr« empfohlen. Entstanden ist der im vergangenen Monat veröffentlichte Band als Ergebnis langjähriger Recherchen und im Kontext eines DFG-Forschungsprojekts.
Die Autorin beschreibt in sieben Kapiteln Formen rechten Terrors seit der Gründung der BRD. Trotz der rund 300 Textseiten kann sie aufgrund der Ereignisfülle manche der Gewalttaten nur andeuten. Auch regional bedeutende Mordtaten werden nur in der gebotenen Kürze behandelt. Dennoch vermittelt Manthe ein Gefühl dafür, wie extrem rechte Gewalt die gesamte Nachkriegsgeschichte der BRD durchzog. Schon in den Gründungsjahren findet man Formen von Rechtsterrorismus, der sich – ideologisch im Naumann-Kreis und organisatorisch im »Technischen Dienst« des Bundes Deutscher Jugend – im öffentlichen Raum bewegen konnte, auch wenn der Staat vereinzelt Maßnahmen gegen solche Strukturen ergriff. Die Welle von Hakenkreuzschmierereien Anfang der 1960er Jahre war oftmals der Stasi zugeschrieben worden. Die Autorin zeigt die Verantwortung der extremen Rechten auf.
Verbunden mit dem Aufschwung der NPD Mitte der 1960er Jahre glaubten gewalttätige »Einzeltäter«, Vollstrecker des »Volkswillens« zu sein – wie der Dutschke-Attentäter Josef Bachmann. Offiziell distanzierte sich die NPD, aber sie hatte das geistige Umfeld für diesen Rechtsterrorismus geschaffen. Während in der medialen und politischen Öffentlichkeit der 1970er Jahre die »Rote Armee Fraktion« (RAF) im Zentrum stand, richtet die Autorin den Blick auf die Gewalt der extremen Rechten um Paul Otte, Michael Kühnen und Odfried Hepp. Eine der wichtigsten Gruppen damals war die sogenannte Wehrsportgruppe Hoffmann, die in den 1970er Jahren sogar militärische Übungen durchführte. Anfang der 1980er Jahre wurde die Gruppe verboten, die Militärfahrzeuge beschlagnahmt.
Sie blieb eine Bedrohung, wie im September 1980 der Bombenanschlag von Gundolf Köhler beim Münchner Oktoberfest zeigte. 13 Tote und mehr als 200 Verletzte waren die blutige Bilanz des Attentates. Auch damals wurde von »Einzeltäter« gesprochen. Die Zunahme von rechter Gewalt in jenen Monaten verdeutlichte die Vernetzung des Rechtsterrorismus – auch international. Erinnert sei an das Attentat von Bologna vom September 1980, das 85 Todesopfer und mehr als 200 Verletzte forderte. Diese »Stay-behind«-Aktion wurde ausgeführt von italienischen Neofaschisten in Verbindung mit dem Militärgeheimdienst.
Hervorzuheben ist, wie die Autorin in diesem Zusammenhang auch »weiße Flecken« in der polizeilichen und juristischen Aufarbeitung behandelt. Sie zeichnet nach, wie antisemitische Morde entweder ohne Beleg der RAF zugeschrieben wurden oder deren Aufklärung bis heute nicht zweifelsfrei erfolgte.
Die gewaltvollen 1990er Jahre reduziert Manthe nicht auf die Brandanschläge von Hoyerswerda, Mölln, Rostock-Lichtenhagen oder Solingen. Sie widmet sich dem Terror durch Baseballschläger sowie zahlreichen Morden in West und Ost. Im Kapitel zu den NSU-Morden wertet die Autorin umfangreich die Ergebnisse der parlamentarischen Untersuchungsausschüsse aus. Dabei geht sie sowohl auf die Einbindung staatlicher Stellen in das unterstützende Netzwerk als auch auf das Versagen der Sicherheitsorgane bei der Verfolgung ein. Das knappe Abschlusskapitel fragt nach der Gegenwart des Rechtsterrorismus. Dieser bleibe auch ohne organisierte Gruppen eine andauernde Gefahr, wie der Blick auf den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke und die rassistischen Morde von Hanau verdeutlicht.
Die mehr als 50 Seiten Anmerkungen und Belegstellen ermöglichen es interessierten Lesenden, sich vertiefend mit einzelnen Verbrechen und deren Hintergründen zu beschäftigen. Die Quellen- und Literaturliste zeigt auch, welche Archive Manthe für ihre Recherchen neu erschlossen hat. Den Illustrationen zu den einzelnen Kapiteln sieht man überdies an, dass sie mit Empathie für die Opfer ausgewählt wurden.
Barbara Manthe: Terror von rechts. Die Geschichte einer andauernden Gefahr. C. H. Beck, München 2026, 383 Seiten, 29,90 Euro
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