Land unter
Von Fabian Linder
Knapp zwei Monate ist es her, dass es in Portugal durch Winterstürme und anhaltende Regenfälle in weiten Teilen des Landes zu Überschwemmungen kam. Am 30. März besuchte Staatspräsident António José Seguro mit Alcácer do Sal eine der besonders betroffenen Gemeinden südlich von Lissabon. Seguro, der dem sozialdemokratischen Partido Socialista (PS) angehört, setzte sich Anfang Februar inmitten des landesweiten Ausnahmezustands bei einer Stichwahl gegen den Kandidaten der ultrarechten Chega-Partei durch. Nach Auskunft des Präsidentschaftsbüros diente der Besuch Seguros vor allem dazu, sich über die laufenden Wiederaufbauarbeiten zu informieren. In der dortigen Gemeinde, wo der Fluss Sado über die Ufer getreten war, seien vor allem das Flussufergebiet und landwirtschaftliche Flächen betroffen gewesen sowie Einwohner durch überflutete Häuser obdachlos geworden.
Die Bilanz ist landesweit verheerend: mehr als 15 Millionen umgestürzte Bäume, über eine Million Menschen zeitweise ohne Strom, mindestens 2.000 Verletzte und 16 Todesopfer sowie Schäden in Milliardenhöhe. In manchen Landesteilen ist auch die Infrastruktur in Mitleidenschaft gezogen worden, durch die Fluten selbst oder durch umgestürzte Bäume. Das betraf nicht nur die Wasserversorgung sowie Elektrik und Kommunikation, sondern auch Straßen, wodurch einige Gemeinden zeitweise komplett von der Außenwelt abgeschnitten waren. Auch die zentrale Autobahn A 1 zwischen der Hauptstadt Lissabon und Porto wurde im Zuge eines unterspülten Deichs am Mondego-Fluss nahe der Universitätsstadt Coimbra unterbrochen. Das brachte auch die konservativ-liberale Regierung des Partido Social Democrata (PSD) unter Ministerpräsident Luís Montenegro in die Kritik, nicht schnell genug gehandelt zu haben.
Für das südeuropäische Land waren das zwar seit langem die schwersten und flächendeckendsten Unwetterschäden und Überflutungen, allerdings reihen sich diese ein in eine Vielzahl von Naturkatastrophen, zu denen auch wiederkehrende Waldbrände gehören. Vielfach handelt es sich dabei um klimabedingte Umweltschäden, die Folgen des menschengemachten Klimawandels und damit von Extremwetterereignissen wie Hitze, Dürre, Waldbränden, Starkregen und Überschwemmungen sind. Daten der Europäischen Umweltagentur zeigen eindringlich, dass es in Portugal seit Beginn der 2000er Jahre eine deutliche Zunahme dieser Schäden gab. Die klimabedingten ökonomischen Schäden hatten sich zwischen 2003 und 2014 pro Kopf mehr als verdoppelt und lagen über dem EU-Durchschnitt. Auch zwischen 2017 und 2020 war ein deutlicher Anstieg zu verzeichnen, während das Land seither wieder unter dem EU-Schnitt liegt. Die diesjährigen Schäden sind in der Bilanz der Umweltagentur noch nicht verzeichnet, sie dürften jedoch wieder zu einem weiteren deutlichen Anstieg der Kosten führen. Die Daten zeigen, dass Portugal neben Spanien und Italien zu den am meisten betroffenen Ländern in Südeuropa gehört. Am häufigsten seien in Portugal demnach die Schäden durch Waldbrände, Küstenerosion sowie Dürre und Überflutung, die sich auf die Wasserverfügbarkeit auswirken.
Als Konsequenz aus den deutlich angestiegenen Schäden durch Extremwetterereignisse startete die portugiesische Umweltagentur APA zusammen mit mehreren wissenschaftlichen Instituten im September 2020 ein Projekt mit dem Ziel, eine »Nationale Strategie der Anpassung« zu entwickeln. Dabei sollen landesweit Klimavulnerabilitäten erfasst und systematisiert sowie in bestehendes Wissen eingebettet werden, um Anpassungsmaßnahmen zur Abfederung ökonomischer Schäden zu etablieren.
Die Verwüstungen im Januar und Februar haben diese Anpassungen nun erneut in den Mittelpunkt der politischen und wissenschaftlichen Debatte gerückt. Zentral ist etwa die Frage, wie Städte angesichts des Klimawandels zukünftig geplant und (um-)gebaut werden müssten. Die Umwelt- und Stadtplanungsprofessorin Maria Rosário Partidário von der Universität Lissabon sprach gegenüber Euronews (13.2.2026) von jahrelangen Planungsfehlern. In vielen Städten des Landes sei die Flächenversiegelung ein großes Problem. Hinzu komme, dass es keine oder nicht ausreichend Auffangbecken und Pläne zum Ablaufen des Wassers gebe. Dabei seien die Lösungen für klimagerechte Städte längst bekannt. Entsiegelung, mehr Bäume und Grünflächen zum Wasserablauf sowie zur Verbesserung der Luftqualität und Kühlung im Sommer.
Probleme bei der unwetterbedingten Zerstörung der Infrastruktur sieht Partidário darin, dass in risikobehafteten Gebieten ohne eine entsprechende Planung gebaut werde und in Folge des überhitzten Immobilienmarktes viele mangelhafte Bauten entstünden. Mit Blick auf den Deichbruch des Mondego-Flusses lassen sich noch weitere Ursachen ausmachen. Gegenüber der Zeitung Público (11.2.2026) äußerte der Agrarwissenschaftler Jorge Avelar Froes vom Projektteam des Mondego-Deichs, dass der über vierzig Jahre alte Deich in den vergangenen Jahren stark vernachlässigt wurde.
Die Stürme, welche Straßen blockierten oder Oberleitungen beschädigten, trafen auch große Teile der Forstwirtschaft. Zwar sagte Montenegros Regierung Hilfen zu, allerdings steht die Forstwirtschaft selbst in der Kritik, vor allem aufgrund des Anbaus schnell wachsender Eukalyptusbäume zur Zellstoffproduktion in Monokultur. Diese nichtheimischen Arten sind in den heißen Sommermonaten mit entsprechender Dürre ein großes Problem, da sie aufgrund des hohen Gehalts ätherischer Öle bei Trockenheit hoch entzündlich sind und gleichzeitig die Umgebung durch ihren hohen Wasserbedarf austrocknen. Während die dahinterstehende Industrie eine Ausweitung der Flächen für Eukalyptuswälder fordert, formieren sich bereits seit einigen Jahren Bürgerproteste dagegen. Während die Aufräum- und Aufbauarbeiten anhalten, prognostizierte Innenminister Luís Neves am Montag ein »schwieriges Jahr« bezüglich zu erwartender Waldbrände, da in den Wäldern vielfach kaputte Bäume und leicht entflammbares Holz herumlägen.
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