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Aus: Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 16 / Sport
Radsport

Ein kollegialer Sieg

Radsport: Jasper Philipsen und Lorena Wiebes gewinnen bei In Flanders Fields 2026
Von Holger Römers
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Yes, she can: Lorena Wiebes als Erste im Ziel (29.3.2026)

Für den Traditionalismus des Straßenradsports ist bezeichnend, dass Änderungen eines Streckenverlaufs sich selten im Namen eines bedeutenden Rennens niederschlagen. So hieß der zweitwichtigste belgische Kopfsteinklassiker bis vor einem Jahr Gent–Wevelgem, obwohl das Peloton sich längst nicht mehr im nominellen Startort auf den Weg macht, sondern in Deinze oder Ieper. Daher mag überraschen, dass das Rennen, das am Sonntag zum 88. Mal ausgetragen und erstmals in Middelkerke gestartet wurde, nun den Namen In Flanders Fields trägt. Auch die jüngste Abwandlung des Parcours, die eine Verkürzung auf 240 Kilometer mit sich brachte, hat freilich die dramaturgische Bedeutung des Kemmelbergs nicht geschmälert: Mit gut 150 Metern Höhe markiert er im flachen Streckenprofil traditionell die größte Erhebung. Und der zweimal geforderte Anstieg von der Belvedère-Seite sowie die abschließende Passage über die Ossuaire-Seite, die fast doppelt so lang und trotzdem steiler ist, boten auch am Sonntag wieder die einzigen nennenswerten Kopfsteinpflasterabschnitte.

Als sich das Fahrerfeld zum zweiten Mal der Belvedère-Seite näherte, waren die Favoriten zur Stelle. Wout van Aert (Team Visma-Lease a Bike) ging gleich in die Offensive und bildete 58 Kilometer vor dem Ziel eine Spitzengruppe, die das Rennen vorentschied – ohne den Sieger hervorzubringen. Während der Belgier noch vor der Kuppe den Rest der Ausreißergruppe des Tages einsammelte, konnten aus dem Peloton nur zwei Fahrer folgen. Der eine war erwartungsgemäß Mathieu van der Poel (Alpecin-Premier Tech), der zwei Tage zuvor den 68. E3-Preis gewonnen hatte. Und der andere war Florian Vermeersch (UAE Team Emirates-XRG), der am Freitag Dritter geworden war.

Zunächst zu acht und dann zu siebt ging es 22 Kilometer weiter, bis sich an der Ossuaire-Seite des Kemmelbergs die Spreu vom Weizen trennte: Nun war es van der Poel, der von der Spitze beschleunigte, wobei nur van Aert den Angriff parieren konnte. Vermeersch blieb als einziger halbwegs aussichtsreicher Verfolger übrig, wobei sich unter veränderten Vorzeichen das atemberaubende Szenario vom Freitag abzeichnete: Der Belgier hatte beim E3-Preis ein Quartett angeführt, das den lange solo fahrenden van der Poel auf der Schlussgeraden eingeholt hätte – wenn nicht alle vier Verfolger zu pokern begonnen und weitere Führungsarbeit verweigert hätten. Diese frustrierende Erfahrung mochte dazu beitragen, dass Vermeersch die alleinige Verfolgung nun zwölf Kilometer vorm Ziel aufgab, nachdem er seinen Rückstand lange auf gut zehn Sekunden beschränkt hatte.

Dass seine Solofahrt zwei Tage zuvor beinahe gescheitert wäre, drosselte wiederum van der Poels Siegeszuversicht und mithin seine Kraftinvestitionen in die geteilte Führungsarbeit – zumal er spekulieren konnte, dass im Falle einer Einholung durch das mit einer Minute Abstand folgende Peloton sein 28jähriger belgischer Kollege Jasper Philipsen den Massensprint gewinnen könnte. Die Spekulation ging auf, als van Aert seinerseits überproportionalen Kraftaufwand verweigerte und sich lieber mit van der Poel an der flamme rouge einholen ließ, um seinerseits den Kollegen Christophe Laporte sprinten zu lassen. Der 33jährige Franzose erreichte hinter dem 23jährigen Dänen Tobias Lund Andresen (Decathlon CMA CGM Team) schließlich Platz drei.

Auch den Frauen, deren 13. Austragung vom traditionellen Zielort in einer 135 Kilometer langen Schleife nach Wevelgem zurückführte, bescherte der Kemmelberg die Vorentscheidung: Bei der einmaligen Passage der Belvedère-Seite neutralisierte Lorena Wiebes (Team SD Worx-Protime) souverän einen potenziellen Angriff von Franziska Koch, die deren Team FDJ United-SUEZ durch das Ausreißen einer Kollegin hatte vorbereiten wollen. Und als der Kemmelberg vom Ossuaire zu überqueren war, fuhr Wiebes kurzerhand vorneweg, nachdem sie ihre Anwesenheit in der Favoritinnengruppe sichergestellt hatte, die vier Kilometer zuvor an einem anderen Hügel gebildet worden war.

Nachdem UAE Team ADQ unter jenen vierzehn Fahrerinnen vierfach vertreten war, setzte es seine kollektive Stärke mit zwei Repräsentantinnen in dem Quintett fort, das an der Kuppe des Kemmelbergs übrig blieb. Umso unerklärlicher war, weshalb Karlijn Swinkels (UAE Team ADQ), die zwei Wochen vorher beim Trofeo Trofeo Binda den größten Karrieresieg verbucht hatte, auf der verbleibenden flachen Strecke keine Flucht wagte und nicht einmal, als zwei späte Attacken ihrer Kollegin Eleonora ­Camilla Gasparrini durch Wiebes neutralisiert worden waren, mit Kontern reagierte. So gab die 27jährige Niederländerin sich mit dem dritten Rang zufrieden, während ihre gleichaltrige Landsfrau Wiebes in Wevelgem zum dritten Mal in Folge siegte. Im Sprint ist sie seit zwei Jahren unschlagbar – wenn sie sich nicht, wie am Donnerstag bei der Ronde van Brugge, den Weg zur Ziellinie verbauen lässt. Entsprechend dankbar musste man ihr nun sein, dass sie immerhin für einen Moment Spannung sorgte, indem sie die 20jährige belgische Überraschungszweite Fleur Moors (Lidl-Trek) durch verfrühtes Jubeln bis auf eine Radlänge herankommen ließ.

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