Algerien feiert Yennayer
Von Sabine Kebir
Die Ende Dezember von einer lautstarken Gruppe algerischer Emigranten in Paris verkündete Unabhängigkeit der berberisch sprechenden Region Kabylei hat dortselbst kein Echo gefunden. Die von der französischen Rechten unterstützte Aktion hat sich vielmehr als neokoloniale Einmischung entpuppt, um die ehemalige Kolonie zu destabilisieren. Die angebliche Unterdrückung der Berber wurde dadurch widerlegt, dass das am Montag gefeierte berberische Neujahr ›Yennayer‹ seit 2017 in ganz Algerien arbeitsfreier Festtag ist. Im Zentrum Algiers traten traditionelle Musikgruppen aus der Kabylei, den Tuareggebieten, dem ebenfalls saharischen Msabtal, dem Aurèsgebirge und etlichen kleineren Gebieten auf, in denen man im Alltag eine Berbersprache nutzt. Präsentiert wurde auch berberische Kleidung, die sich nicht nur motivisch von arabischen Repräsentationsroben deutlich abhebt. Es handelt sich um weiterhin gebräuchliche bäuerliche Kleidung, in der Frauen und Männer auf den Feldern und in den Olivenhainen arbeiten.
Folklorefestivitäten fanden in ganz Algerien statt, insbesondere Märkte mit traditionellen Lebensmitteln, die – weil immer mehr Frauen einer Erwerbsarbeit nachgehen – auch in Algerien von industriell hergestellten Erzeugnissen verdrängt werden. Das betrifft auch den Couscous. Schon vor dem Yennayer konnten Kinder in speziellen Ateliers lernen, wie aus angefeuchtetem Hartweizenmehl der Couscous handgerollt wird.
Von Frankreich angeheizte Manöver, die berberophone und arabophone Bevölkerung spalten sollen, waren früher erfolgreicher, weil algerische Regierungen nach der Unabhängigkeit einen strikten Arabisierungskurs in der Bildungspolitik durchgesetzt hatten. Diese Linie verstärkte sich noch mit wachsendem Einfluss der Islamisten. Faktisch lief das auf die Unterdrückung der realen Volkskulturen hinaus, denn es betraf nicht nur die etwa 30 Prozent der Algerier, die im Alltag berberisch sprechen. Auch das Maghrebarabische, das sich wegen seines berberischen Substrats vom Hocharabischen stark unterscheidet, war nicht einmal in der Grundschule erlaubt.
Da berberophone Algerier, insbesondere Kabylen, zwar sprachlich-kulturell aber nicht sozial diskriminiert waren – so sind sie etwa im Staatsapparat und in der Armee überrepräsentiert –, konnten sie nach jahrzehntelangen Kämpfen die Anerkennung des Tamazight, der Sammelbegriff der Berbersprachen, durchsetzen. Selbst die seit 1988 zugelassenen Parteien, die sich für dessen Anerkennung einsetzten, vertraten keinen separatistischen Kurs. Schon in den Neunzigern wurde der Unterricht des Tamazight erlaubt, und 2016 wurde es zweite Offizialsprache. Alle staatlichen Gebäude präsentieren ihre Bezeichnung sowohl in arabischen Lettern als auch mit dem tamazighischen Alphabet Tifinagh, das aus dem libysch-altphönizischen entwickelt wurde. In diesem Jahr hat Präsident Abdelmadjid Tebboune auch einen Preis für besondere Verdienste um berberische Literatur und Sprache ausgelobt, den eine Gruppe in Beni Abbes erhielt, einem Ort im westlichen Teil der algerischen Sahara.
Nach berberischer Zeitrechnung bricht bereits das Jahr 2976 an. Sie beginnt 950 vor unserer Zeit, als ein Pharao berberischen Ursprungs namens Scheshong den ägyptischen Thron bestieg. Mit der Ausbreitung des Islams ab dem 7. Jahrhundert wurde die nordafrikanische Ursprache durch das nicht direkt verwandte Arabische nach und nach, aber nicht ganz verdrängt.
Weil jede Gelegenheit zum Feiern willkommen ist, war die Offizialisierung des Yennayer in Algerien ein erfolgreicher Schritt, um die auch von manchen Arabophonen in Frage gestellte Einheit der Nation zu festigen. Da in arabophonen Gebieten neben den islamischen auch Folkloretraditionen gepflegt wurden, wird vielen bewusst, dass das volkstümliche Erbe gemeinsame Wurzeln hat, was sich auch im Kulinarischen, in Mythen, Sagen und Märchen bestätigt. In Marokko, das Yennayer am 13. Januar feiert, wurde Tamazight ebenfalls zweite Offizialsprache. In diesem Punkt sind beide Länder fortschrittlicher als Israel oder die Ukraine, die ihre Minderheitssprachen administrativ zurückgestuft haben.
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