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Aus: Ausgabe vom 28.02.2020, Seite 12 / Thema
Algerien

Selbstbewusste Kabylen

Die Berber in Algerien zwischen Kulturkampf, Separatismus und demokratischer Bewegung
Von Sabine Kebir
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Die Fahne der Berber bei einem der freitäglichen Protestmärsche in Algeriens Hauptstadt Algier (21.6.2019)

Immer dann, wenn während des »Hirak«, den seit über einem Jahr anhaltenden Protesten in Algerien, die blau-gelbe Fahne des MAK oder die blau-grün-gelbe Fahne der Kabylen gezeigt wurde, kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstranten und Polizei. Das Kürzel MAK steht für »Mouvement pour l’Autodétermination de la Kabylie« (Bewegung für die Selbstbestimmung der Kabylei). Die Fahnenträger wurden in der Regel festgenommen. Einige kamen bald schon wieder frei, andere erst nach einer Amnestie, die der seit Dezember 2019 amtierende neue Präsident Abdelmadjid Tebboune kürzlich verfügt hat. Zweifellos ist der Hirak vor allem eine Demokratiebewegung, ein Aufstand gegen verkrustete Strukturen und eine durch und durch korrupte politische Klasse. Forderungen nach einer Autonomie oder Unabhängigkeit der Kabylei spielen bisher nur eine untergeordnete Rolle. Das könnte sich in Zukunft aber ändern.

Die Kabylei ist eine Region zwischen dem Mittelmeer und den Hochplateaus in Nordalgerien, die östlich von Algier beginnt. Sie ist von der stellenweise über 2.000 Meter hohen Gebirgskette des Djurdjura geprägt, an deren Hängen sich von alters her Ortschaften entwickelten. Die Kabylei ist berühmt wegen ihres Olivenöls, aber eine ausgedehnte Landwirtschaft, gar der Anbau von Getreide, ist dort nicht möglich. Historisch gesehen war die karge Landschaft für die aufeinander folgenden Eroberer Nordafrikas, die Römer, Araber und Franzosen stets nur von geringem Interesse. Weil es hier keine Bodenschätze gab, wurde die Region niemals so stark kolonisiert wie das übrige Algerien. Die Kabylei gehört daher zu den Gebieten Nordafrikas, in denen sich Varianten der mit dem Arabischen nicht verwandten nordafrikanischen Ursprache erhalten haben, dem Berberischen, das als Tamazight bezeichnet wird. Andere Berberregionen Algeriens sind das im Nordosten liegende Aurèsgebirge, wo Chaoui gesprochen wird, die in der nördlichen Sahara gelegenen Mozabitenstädte rund um Ghardaia und die von Tuareg bewohnten Gebiete ganz im Süden. Ein Drittel der Algerier verwendet im Alltag eine der Berbersprachen, deren Dialekte aber derart vielfältig sind, dass eine überregionale Verständigung nur mittels des Arabischen möglich ist.

Aufstand gegen die Zentralregierung

Araber und Berber haben sowohl gegen die französische Invasion im 19. Jahrhundert als auch im Unabhängigkeitskrieg (1954–1962) Seite an Seite gekämpft. Aus der Kabylei stammten Führungspersönlichkeiten des Front de Liberation Nationale (FLN, Nationale Befreiungsfront), dessen Einfluss bis heute spürbar ist. Etwa Abane Ramdane (1920–1957), der sich weigerte, die politische Leitung der Befreiungsfront deren militärischem Arm zu unterstellen – und deshalb im Auftrag der Militärführung des FLN ermordet wurde. Wenn die Kabylen heute bei den Freitagsdemonstrationen fordern, der algerische Staat müsse ein ziviler und kein militärisch dominierter sein, sieht man oft Plakate mit Ramdanes Konterfei.

Schon wenige Monate nach der am 5. Juli 1962 proklamierten Unabhängigkeit Algeriens von Frankreich brach ein blutiger Konflikt zwischen der Kabylei und der Zentralregierung unter Präsident Ahmed Ben Bella (1918–2012) aus. Hocine Aït Ahmed (1926–2015), der den Aufstand anführte, gehörte zur Führung des FLN, dessen militärische Strategie er maßgeblich geprägt hatte. Im Oktober 1956 war er auf dem Weg zu einem Kongress in Tunesien gemeinsam mit Ben Bella von den Franzosen verhaftet worden. Als beide 1962 nach Algerien zurückkehrten, überwarfen sie sich. Ben Bella wollte ein Einparteiensystem, während Aït-Ahmed für ein plurales und föderales politisches System eintrat. 1963 gründete er den »Front des Forces Socialistes« (FFS, Front der sozialistischen Kräfte), der in der Kabylei über großen Rückhalt verfügte. Der Aufstand für die Autonomie der Kabylei wurde niedergeschlagen und Aït-Ahmed 1965 wegen »konterrevolutionärer Tätigkeit« zum Tode verurteilt, zwei Tage später aber bereits zu lebenslanger Haft begnadigt. 1968 gelang ihm die Flucht in die Schweiz, von wo aus er die FFS weiter führte. Die Partei wurde Mitglied der Sozialistischen Internationale und verfügte innerhalb der Communities algerischer Migranten in Europa zeitweise über großen Einfluss. Trotz der Illegalität konnte sie auch in der Kabylei weiter wirken.

Sowohl Ben Bella als auch sein Nachfolger Houari Boumedienne (1927–1978) waren überzeugte Panarabisten. Sie setzten das bis heute bestehende Bildungssystem durch, in dem weder das von der Mehrheit gesprochene algerische Arabisch noch die Berbersprachen eine Rolle spielen. Vielmehr sollte das im Orient entwickelte Hocharabisch einer fiktiven panarabischen Gemeinschaft in der gesamten Nation durchgesetzt werden. Wie sich herausstellte ein schwerer politischer Fehler gegenüber den Berbern, der zu deren Desintegration entscheidend beitrug.

Der größte Widerstand gegen die Sprachenpolitik der Zentralregierung entstand in der Kabylei, wo weniger Arabisch gesprochen wurde als in den anderen Berbergebieten. Das Aurèsgebirge, die Mozabitenstädte und auch die Tuaregregionen lagen an historisch wichtigen Handelswegen zwischen Orient und Atlantik, weshalb sich dort ein System der Zweisprachigkeit entwickelte. In der Kabylei verbreitete sich eher das Französische. Albert Camus, der 1939 als Redakteur der kommunistischen Zeitung Alger Républicain eine aufrüttelnde Reportageserie über die skandalöse soziale Lage in der Kabylei verfasste,¹ macht den Hintergrund deutlich: Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren Bewohner der Kabylei in großer Zahl nach Frankreich emigriert. Sie kamen dort in Verbindung mit den Kämpfen der französischen Arbeiterklasse und bildeten nach deren Vorbild auch eigene politische Organisationen, die jedoch meist illegal und folglich isoliert agierten. Da die Emigranten den Kontakt mit der Kabylei nicht verloren, war der – freilich kritisch gebrochene – Einfluss von Frankreichs Sprache und politischer Kultur dort stärker als in andern Regionen Algeriens.

»Berberfrühling«

Neben dem Kampf um Demokratie und mit diesem eng verbunden führte die Kabylei im unabhängigen Algerien einen beharrlichen Kampf um Anerkennung ihrer kulturellen Identität, in dessen Mittelpunkt die Sprachenpolitik stand. Der gewann an Dynamik, je größer der Einfluss von Islamisten innerhalb des FLN wurde, denen die lokalen Kulturen nicht nur aus Gründen der Sprache, sondern auch wegen ihrer speziellen Ausformungen des Islams ein Dorn im Auge waren. 1980 kam es zu einer erneuten, mehrere Wochen andauernden, diesmal aber gewaltfreien Aufstandsbewegung, die als »Berberfrühling« bekannt wurde. Der Anlass war das Verbot eines Vortrags des international renommierten algerisch-kabylischen Dichters Mouloud Mammeri (1917–1989) an der Universität von Tizi Ouzou, der Bezirkshauptstadt der Kabylei. Die Aufständischen erarbeiteten ein kulturpolitisches Programm für ganz Algerien, das die staatliche Anerkennung und Pflege aller Volkskulturen des Landes forderte – und zwar ausdrücklich auch des algerischen Arabisch. Das Programm hatte die ganze Nation im Blick. Es verwies darauf, dass alle Algerier eigentlich ethnische Berber seien und die arabische Sprache sich über Jahrhunderte schrittweise ausgebreitet habe.

Obwohl das wissenschaftlich exakt ist und – abgesehen von den sprachlichen Differenzen – die kulturelle »Berberität« aller Regionen Algeriens durch Bräuche und Überlieferungen belegt ist, fühlen sich viele arabophone Algerier als direkte Nachkommen der im 8. Jahrhundert einströmenden Araber. Unter ihnen herrscht oftmals Misstrauen gegenüber den Kabylen, die sämtlich separatistischer Bestrebungen und einer allzu großen Nähe zur französischen Kultur verdächtigt werden. Dem hat nicht zuletzt auch Frankreich Vorschub geleistet, das, um den FLN zu schwächen, seit der Unabhängigkeit Algeriens jene politischen Kräfte der Berber förderte, die die Kabylei von Algerien ablösen wollen. Auch gab es eine enge Zusammenarbeit zwischen den französischen Sozialisten und der FFS.

Als ich in den 1980er Jahren an der Universität Algier lehrte, wurde ich nicht nur Zeugin des »Berberfrühlings«, sondern erlebte auch den von den Islamisten angeführten Gegenschlag, der auf die vollständige Arabisierung des Hochschulwesens zielte. Bis dahin war es möglich, alle Fächer entweder auf französisch oder auf arabisch zu studieren. Die Islamisten stützten sich dabei durchaus auf einen realen Missstand: Auf dem Arbeitsmarkt hatten die in französisches Sprache Ausgebildeten – die oft, aber natürlich nicht immer, aus kabylischen Familien stammten – wesentlich bessere Chancen als die Studenten, die einen arabischen Studiengang absolvierten. Dass das auch an den qualitativ sehr unterschiedlichen Programmen lag – die Übersetzung neuer wissenschaftlicher Werke ins Arabische fand und findet zuwenig statt – fiel dabei allerdings weniger ins Gewicht, weil die Islamisten als religiöse Erweckungsbewegung arbeiteten. Aus ihrer Sicht stellte allein das Studium des Korans die Grundlage für ein umfassendes Weltverständnis zur Verfügung. Der vernünftige Vorschlag, die arabischen und französischen Studiengänge zu vereinen und alle Studierenden zweisprachig auszubilden, konnte sich nur kurzzeitig an einigen Instituten durchsetzen. Wie ernst es die Islamisten mit ihren Forderungen meinten, zeigte sich am 2. November 1982, als sie den linken, sich für die Sache der Berber einsetzenden Studenten Kamal Amzal auf dem Campus von Ben Aknoun am Rande von Algier niederstachen und anschließend wie ein Tier »schächteten«. Die bestialische Tat gilt als erster der zahllosen islamistischen Morde, die ihren Höhepunkt im Bürgerkrieg der 1990er Jahre erreichten.

Obwohl besonders von Berberisten in Frankreich oft behauptet, ging die sprachlich-kulturelle Unterdrückung der Kabylei im unabhängigen Algerien nicht mit sozialer Ausgrenzung einher. Kabylen sind in Leitungsfunktionen der Wirtschaft und der Armee sogar überproportional vertreten. Als Minister im Bildungsressort haben Kabylen in den 1980er Jahren ironischerweise sogar stark an der Durchsetzung der Arabisierungspolitik mitgewirkt. Falsch ist auch die Behauptung, dass es in der Kabylei keine Islamisten gegeben hätte. Im Bürgerkrieg sollte sich hier sogar eine besonders effiziente Guerilla entwickeln, die ihre Macht der Unterstützung von Teilen der Bevölkerung verdankte.

Demokratisierung und Bürgerkrieg

Als 1988 ein alle großen Städte Algeriens erfassender Jugendaufstand eine erste große Demokratisierungswelle auslöste, in deren Gefolge das Mehrparteiensystem sowie Meinungs- und Pressefreiheit eingeführt wurden, fielen auch die Fesseln für die Berberkultur. Fortan war es möglich, Druckerzeugnisse in Tamazight unzensiert herauszugeben, auch wenn es weiterhin vielfach Widerstände dagegen gab. Nachdem der FFS im November 1989 legalisiert worden war, kehrte Aït-Ahmed nach Algerien zurück. In der Zwischenzeit hatte sich allerdings eine andere, die Berberfragen ansprechende Partei gegründet, das von dem Menschenrechtsaktivisten Saïd Saadi geführte »Rassemblement pour la Culture et la Démocratie« (RCD, Vereinigung für Kultur und Demokratie). Sie stand deutlich in der Tradition des »Berberfrühlings«, wandte sich an die ganze Nation und stand nicht wie der FFS im Verdacht, separatistische Ziele zu verfolgen. Aït-Ahmed versuchte dem immer wieder entgegenzutreten. Für den 2. Januar 1992, kurz vor Abbruch der ersten freien Wahlen, bei deren erstem Wahlgang die 1989 gegründete »Islamische Heilsfront« (FIS) einen haushohen Sieg errungen hatte, rief er zu einer großen Demonstration auf. Zufällig hatte ich ein Zimmer im Hotel Aletti gemietet, das über dem Balkon lag, von dem aus Aït-Ahmed – mit wehendem roten Schal – stundenlang die vorbeiziehenden Massen grüßte. Immer wieder wurde der arabische Slogan gerufen: »Djeich, Schab – Dimokratia!« (Armee und Volk – haltet euch an die Demokratie!)

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Nachdem Algerien im Juli 1962 von Frankreich unabhängig wurde, kam es in der Kabylei aufgrund der Arabisierungspolitik der Zentralregierung des FLN zu einem Aufstand (Aufnahme von 1963)

Im Unterschied zu Saïd Saadi, der die Islamisten für unbelehrbare Feinde der Demokratie hielt und zum Abbruch der Wahlen aufrief, wollte Aït-Ahmed am zweiten Wahlgang teilnehmen. Damit lag er auf der Linie der französischen Sozialisten, die den am 11. Januar durch die Armee erzwungenen Abbruch der Wahlen missbilligten.

Einer solchen Einschätzung lag ein allein auf die quantitative Verteilung der Wählerstimmen beschränktes Demokratieverständnis zugrunde, das die vielfachen öffentlichen Deklarationen der FIS-Führer, die Demokratie sei eine westliche Erfindung, sie sei gotteslästerlich und daher abzuschaffen, ignorierte. Nicht die von den Bürgerinnen und Bürgern beschlossene Verfassung, sondern einzig der Koran sollte nach Ansicht der Islamisten den Menschen als Leitfaden politischen Handelns dienen.²

Obwohl sich RCD und FFS vom Islamismus abgrenzten, bezogen die vor allem in der Kabylei verwurzelten Parteien auch im Bürgerkrieg unterschiedliche Positionen. Als sich die militärische Lage zuungunsten der bewaffneten islamistischen Gruppen zu wenden begann, unterstützte die RCD die Politik der Regierung, die den durch islamistische Überfälle bedrohten Dörfern in der Kabylei Waffen zur Selbstverteidigung anbot. Die FFS und auch die trotzkistische Parti des Travailleurs (Partei der Arbeiter, PT) hingegen stellten sich gegen eine solche Politik, weil sie der Meinung waren, dass es dadurch noch mehr Blutvergießen geben würde. Diese Position lief auf eine indirekte Stützung der islamistischen Gruppen hinaus. Zusammen mit der damals nicht regierenden FLN unterschrieben FFS und PT auch den 1995 durch die Vermittlung des katholischen Ordens Sant’Egidio in Rom zustande gekommenen Vertrag mit der Exilführung der FIS, der einen Vorschlag für eine politische Lösung des Konflikts enthielt. Er verlor schnell an Bedeutung, weil eine Woche später ein schweres Attentat in Algier offenbarte, dass die Exilführung der FIS keinen Einfluss auf die islamistischen Kämpfer im Land hatte.

Zu einem zweifelhaften Zusammenspiel kam es auch, als die Islamisten zum Schulstreik aufriefen. Der sollte so lange andauern, bis Mädchen und junge Frauen vom Musik- und Sportunterricht ausgeschlossen und sich alle Schülerinnen und Lehrerinnen verschleiern würden. Da sich die Mehrheit der Eltern gegen die Aktion wandten und ihre Kinder weiter zur Schule schickten, setzten die Islamisten insgesamt 800 Schulen in verschiedenen Teilen Algeriens in Brand. In der Kabylei geschah nichts dergleichen, denn dort wurde der Streik befolgt, allerdings aus anderen Gründen: Tamazight sollte als zweite Nationalsprache anerkannt und in allen Schulen des Landes gelehrt werden.

Während der Kampf zwischen der Armee und den bewaffneten islamistischen Formationen durch die von dem 1999 gewählten Präsidenten Abdelaziz Bouteflika eingeleitete »Concorde Civile« – der »Bürgerversöhnung« – beendet wurde, schwelte der Konflikt in der Kabylei weiter. Zwischen 2001 und 2003 kam es zu Auseinandersetzungen zwischen vor allem jungen Kabylen und der Gendarmerie, die 115 Todesopfer forderten.³ Um die darauf folgenden großen Demonstrationen von Kabylen im nahe gelegenen Algier zu unterbinden, wurde das 1988 errungene Demonstrationsrecht stark eingeschränkt.

Schrittweise Anerkennung

Den kulturellen Forderungen der Kabylen wurde unter Bouteflikas Präsidentschaft schließlich schrittweise nachgegeben. 2002 wurde Tamazight zur zweiten Nationalsprache erklärt. Seitdem können Eltern überall im Land verlangen, dass ihren Kindern auch Tamazight gelehrt wird. Das geschieht aber vor allem in der Kabylei. Der 2016 gegründeten Algerischen Akademie des Tamazight ist indes noch keine verbindliche Vereinheitlichung der verschiedenen Berbersprachen gelungen, was wohl auch ein schwer zu realisierendes Ziel bleibt. Seit Tamazight 2016 zur zweiten Amtssprache erklärt worden ist, wurde auch das aus altägyptischen Quellen bekanntgewordene und wiederbelebte berberische Neujahrsfest zum Feiertag in ganz Algerien erklärt. Während die Berberbewegung in Marokko Tamazight mit arabischen Buchstaben verschriftlicht, nutzte man in Algerien dafür zunächst lateinische Lettern. Seit einigen Jahren hat man sich auf die altphönizische Schrift geeinigt, die bei den Tuareg noch in Gebrauch war. Sie ist jetzt auch auf vielen staatlichen Gebäuden in der Hauptstadt Algier zu finden.

Der Kulturkampf der Berber scheint in Algerien seine legitimen Ziele erreicht zu haben. Eine Unabhängigkeit der Kabylei, wie sie noch heute von manchen Kabylen gefordert wird, bleibt derweil illusorisch. Der Kampf um eine Demokratisierung des algerischen politischen Systems hält jedoch an. Er wird zu einem föderalen Staat führen müssen.

Anmerkungen:

1 Albert Camus: Misére de la Kabylie. Reportages réalisés du 5. au 15. juin 1939 pour le quoritien Alger-Républicain. Editions Zirem, Béjaia 2005

2 Der stellvertretende Vorsitzende der FIS Ali Belhadj in einem Interview in Horizons am 23. Februar 1989: »Das Mehrparteiensystem ist deshalb nicht akzeptabel, weil es einer Sichtweise des Westens entspringt. Wenn sich der Kommunismus äußern darf, wenn sich der Berberismus äußern darf und alle anderen Anschauungen ebenfalls, dann wird unser Land zum Schauplatz von unterschiedlichen ideologischen Konfrontationen, die im Widerspruch stehen zur Religion unseres Volkes. Es gibt keine Demokratie, weil die einzige Quelle der Macht nicht das Volk ist, sondern Allah, vermittelt über den Koran. Wenn das Volk gegen das Gesetz Gottes wählt, ist das nichts anderes als Gotteslästerung. In diesem Fall muss man die Ungläubigen töten – aus dem guten Grund, weil sie an die Stelle der Autorität Allahs ihre eigene setzen wollen.« Zit. n. : Ahmed Ancer: Encre rouge, Le défi des journalistes algériens. Editions El Watan, Algier 2001, S. 74.

3 https://kurzelinks.de/Todesopfer (20.2.2020)

Sabine Kebir ist Literaturwissenschaftlerin. Sie lebte von 1977 bis 1988 in Algier und lehrte dort an der Universität. Von ihr erschien zuletzt an dieser Stelle am 4. November 2019 ein Artikel über die Massenproteste in Algerien.

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