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27.03.2026
- → Feuilleton
Kayfabe
Geraune
Das Wort Kayfabe stammt aus dem Wrestling. Wie es genau entstand, weiß man nicht, aber dass man es nicht weiß, ist Teil des Kayfabe. Der Begriff bezeichnet ungefähr das Gegenteil von Brechts V-Effekt. Die gezielte Verfremdung soll im Theater die Illusion brechen, indem sie offensichtlich macht, dass auf der Bühne eine erfundene Geschichte aufgeführt wird. »Der Zweck dieser Technik des Verfremdungseffekts war es, dem Zuschauer eine untersuchende, kritische Haltung gegenüber dem darzustellenden Vorgang zu verleihen«, so Brecht. Das Dargebotene aus der durch die Verfremdung gewonnenen Distanz zu hinterfragen, ist das Ziel. Die politische Bedeutung des V-Effekts ist offensichtlich.
Kayfabe meint ziemlich genau das Gegenteil. Hier wird die Illusion nicht gebrochen, sondern ausgedehnt, und zwar auf den Bereich, der üblicherweise als Wirklichkeit gilt. Wrestling ist Show. Die Kämpfe sind in ihrem Ablauf und Ergebnis genau vorgegeben. Es handelt sich um eine Art von Ballett, wenn man so will, um eine theatralische Prügelei. Nach dem Kampf verlassen die beiden Kontrahenten den Ring und finden sich in der Wirklichkeit des normalen Lebens wieder, scheinbar. Die neugierigen Fans werden mit allerlei Informationen über ihre Stars versorgt. Doch tatsächlich wird auch diese Wirklichkeit, genau so wie der Schaukampf, inszeniert. Kayfabe bezieht sich auf die unausgesprochene Übereinkunft, dass auch die Wirklichkeit fake ist, wobei niemand genau weiß, wo die Fiktion endet. Im Ergebnis fällt damit über die gesamte den Schaukampf umgebende Welt, das Leben der Darsteller eingeschlossen, ein Schleier des Unwirklichen und Gespielten.
Auch in diesem Fall sind die Parallelen zur gegenwärtigen Politik offensichtlich. Sie reichen bei manchen Figuren weit ins Persönliche hinein. Eine davon ist US-Präsident Donald Trump, seit 2013 in der Hall of Fame des Verbands World Wrestling Entertainment. Erst war er Wrestlingmanager, dann trat er auch selbst auf. Vieles an seinem Verhalten macht bis heute den Eindruck, auf die Umgangsformen in der Wrestlingwelt zurückzugehen: sein Showgehabe mit all den Widersprüchen und plötzlichen Wendungen, die großmäulige Protzerei, das Gut-und-Böse-Schema. Was auf Außenstehende wie blanker Irrsinn wirkt, findet hier ein passendes soziales Umfeld.
Zur Wrestlingwelt gehört auch, dass die Figur mitsamt ihrem Umfeld durchgehend geskriptet ist, und zwar nicht in eigener Verantwortung. Immer ist sie umgeben von Managern und Beratern, die alle Bewegungen auf den Showeffekt hin trimmen. In dieser Logik muss man davon ausgehen, dass Trump nicht einmal der Herr seines Irrsinns ist, sondern dirigiert wird. Es sei denn, er hätte sich als mächtigster Mann der Welt tatsächlich von seinem Team getrennt und würde nun mehr oder weniger haltlos und frei durch eine Kayfabe-Welt irren, in der er mal von den einen, mal von den anderen gemanagt wird. Er selbst muss davon ausgehen, dass seine Feinde wie Freunde im gleichen Ring nach den gleichen Regeln handeln, dass also sowohl Netanjahu wie auch die Herren im Iran sich in der gleichen vernebelten Phantasiewelt bewegen. Dass ihre Handlungen Folgen in der Wirklichkeit haben, dass sie Tausende von Toten hinterlassen, fällt dann ebenso unter einen märchenhaften Schleier wie die spektakulären Feuerbälle, Raketen und Detonationen in den Nachrichten aus dem fernen Krieg. Manchmal hat man den Eindruck, als sei der Benzinpreis an der Tankstelle die einzige verbliebene Verbindung des Präsidenten zum realen Leben. Es wird zum Hintergrundrauschen der politischen Schauschlägerei im Wrestlingring.
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