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Stand der Dinge

Der seltsame Fluch

Geraune

Foto: IMAGO/MAXPPP
»Jedem Schreiber stehen die Materialien offen, jeder kann sich leicht für fähig halten, sie zu ordnen und zu verarbeiten« – Hegel

Dem eurasischen Kontinent ist im Westen eine zerklüftete Halbinsel vorgelagert. Seit 500 Jahren werden die dortigen Herrscher von einem seltsamen Fluch geplagt. Einmal in jedem Jahrhundert befällt sie der Drang, gegen die Bewohner der östlich anschließenden weiten Ebenen in den Krieg zu ziehen. Dass noch jeder dieser Feldzüge in einem Fiasko endete, hält sie nicht davon ab, es wieder und wieder zu versuchen.

Im Jahr 1610 kamen die Soldaten der Königlichen Republik Polen-Litauen bis nach Moskau. 1667 war der Spuk vorbei und bald auch die besagte Republik. Als nächstes machten sich die nach dreißig Jahren Krieg in deutschen Landen erstarkten Schweden auf den Weg. Das Unternehmen scheiterte 1709 bei Poltawa. König Karl XII. gelang gerade noch die Flucht nach Konstantinopel, und der Traum vom nordischen Großreich hatte sich erledigt. Gut einhundert Jahre später trat der bis dahin von Siegen verwöhnte französische Kaiser Napoleon an. Mit knapp einer halben Million Mann überschritt er im Frühling 1812 die russische Grenze und erreichte im Herbst Moskau. Dort ließ er sich im Kreml nieder und wartete auf die russischen Unterhändler. Das war der Anfang vom Ende des Kaisers. Ein gutes Jahrhundert später befiel der Fluch die Deutschen. Im ersten Anlauf 1914 kamen sie nicht weit, doch der zweite führte Hitlers Armee 1941 bis kurz vor Moskau. Der Rest sollte bekannt sein.

Pünktlich ein Jahrhundert später läuft die jüngste Folge. Diesmal haben sich die US-Amerikaner sehr engagiert, wie beispielsweise der in Chicago lehrende Politologe John Mearsheimer oder der Leiter des Libertarian Institute Scott Horton in seinem detailreichen Buch mit dem selbsterklärenden Titel: »Provoked. How Washington Started the New Cold War with Russia and the Catastrophe in Ukraine« (2024) behaupten.

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Gelenkt wird der Krieg von einer US-Basis in Wiesbaden aus. Die Köpfe müssen die Ukrainer hinhalten. Wenn von denen nicht mehr genug übrig sind, wird Resteuropa geopfert. Die Amerikaner haben längst eingesehen, dass das Unternehmen schiefläuft, und wollen es den Europäern überlassen, allen voran den Deutschen. Bis 2030, so hat man ausgerechnet, müssen diese bereit sein, in den Krieg zu ziehen. Sollte nicht noch eine vorzeitige Niederlage des US-amerikanischen Weltreiches und seiner zusehends irren Herrscher dazwischenkommen, dürfte diese Kalkulation aufgehen.

Wer aus der Geschichte lernt, kann sich leicht ausmalen, wie die Sache ausgehen wird. Am Ende werden alle sagen: Ach, wären wir doch nur nicht den Amis hinterhergelaufen. Als wären die hiesigen Eliten nicht mit großer Begeisterung dabei gewesen.

Zurück zu der großen Frage: Wie kommt es, dass Europa oder seine westlichen Schutzmächte wieder und wieder in dieselbe Falle laufen? Es mag mit der Geographie zu tun haben. Nach jeder Niederlage benötigen die untereinander uneinigen Länder der Halbinsel ein gutes Jahrhundert, bis sich die nächste Großmacht durchgesetzt hat, die dann von dem Fluch befallen wird.

Mittlerweile gibt es Anlass zur Hoffnung, dass die jüngste Ausgabe die letzte sein könnte. Die vergangenen 500 Jahre waren von der großen weltweiten Expansion des Westens gekennzeichnet. Diese Phase der Weltgeschichte kommt an ihr Ende. Die wirtschaftliche Vormacht verabschiedet sich aus dem westlichen Dunstkreis. Mag sein, dass das selbst in Europa zu etwas mehr Bescheidenheit und Einsicht führt.

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Erschienen in der Ausgabe vom 24.04.2026, Seite 10, Feuilleton

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