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10.04.2026
- → Feuilleton
Der Schalter
Geraune
Claude Shannon, Erfinder der Einheit »Bit« (auch als Sh wie »Shannon« bekannt) und Autor der »Mathematical Theory of Communication« (1948), ein Wissenschaftler noch aus den Nachkriegsjahren, als die Vereinigten Staaten noch eine gewisse moralische Autorität als Land des Fortschritts und der Diplomatie für sich beanspruchen konnten; eine Figur aus einer fernen Zeit einer besseren, vernünftigeren Weltmacht, als auf der anderen Seite des Atlantiks noch keine Barbaren regierten, sondern Leute, die gerade erst mit zwei Atombomben auf einer fernen Insel Hunderttausende Zivilisten massakriert hatten … Ach je. Dieser freundliche und allen Zeugnissen zufolge sehr humorvolle Claude Shannon hatte einen kleinen Apparat – »the ultimate machine« – konstruiert, der aus einem Schalter an einer kleinen Kiste bestand. Stellte man den Schalter auf »Ein«, öffnete sich die Kiste und eine mechanische Hand erschien, neigte sich zum Schalter und stellte ihn wieder zurück auf »Aus«, um sich dann zurück in ihre Behausung zu begeben.
Vielleicht hat man nun einen derartigen Schalter gefunden, vielleicht um die Welt vor dem wild gewordenen Hegemon zu retten, der heute, um einen Ausdruck Derridas zu gebrauchen, zum Schurken (»voyou«, »rogue«) geworden ist, und sich mit jedem Tag mehr als solcher zeigt. Dieser Schalter setzt geradewegs an der Energiezufuhr an und damit auch am Geldkreislauf.
Der Schalter ist die Straße von Hormus. Geht der Krieg weiter, bleibt die Zufuhr von Öl global eingeschränkt. Das Zufuhrproblem betrifft auch etliche weitere Stoffe, die die Wirtschaft der Welt am Laufen halten. Dabei geht es nicht nur um Energie, sondern auch um Produkte wie Düngemittel oder Helium, das als Kältemittel für die Produktion der Computerchips benötigt wird.
Dass gerade das große Geld wieder einmal die Welt zum Krieg treibt, macht den Schalter so wirkungsvoll. Jedes Mal, wenn eine Bereicherungsphantasie an ihr Ende kommt, wenn alle Mittel erschöpft sind, um aus den Arbeitern, die man heute neudeutsch als Konsumenten bezeichnet, weiteren Wert herauszupressen, bleibt nur eine letzte Instanz, um neues Geld zu schöpfen. Dann muss der Staat her, als Herr über unbegrenzte Zahlungsmittel. Doch ist es selbst für Staaten unter Umständen ruinös, in großen Mengen via Kredit Geld zu schöpfen. Nur eine existentielle Bedrohung kann sie dazu zwingen. Für diese Bedrohung braucht man den Krieg – nicht einen Krieg als Fortsetzung der Politik, sondern einen Krieg zur Fortsetzung der Gewinne.
Das zeigt sich an den Waffen. Ein Großteil des westlichen Arsenals hat sich jüngst als militärisch wenig tauglich erwiesen. Eiserne und sogar goldene Dome, die die Abwehr aller Raketen versprechen, aber gegen die billigsten Drohnen wenig ausrichten. Vermeintlich unsichtbare Flugzeuge, die dennoch erkannt und angeschossen werden. Monströse Flugzeugträger, die sich Tausende von Kilometern entfernt draußen im Ozean verstecken müssen, weil sie sonst zum leichten Ziel für tausendmal billigere Raketen werden.
Alle diese Waffen haben eines gemeinsam. Sie sind unsinnig teuer. Und das hat einen Grund. Sie dienen nicht dem Krieg, zum Glück, sondern den Gewinnen. Wer sie anschafft, kauft kein Militärgerät, sondern zahlt Tribut an den militärisch-industriellen Komplex.
Der Schalter, um der kriegerischen Mafia das Handwerk zu legen, könnte nun die Ölzufuhr werden. Wer von hier an weiterkämpft, richtet die Weltwirtschaft zugrunde. Alle militärischen Mittel, um diesen Schalter zu übernehmen, haben sich als untauglich erwiesen.
Und mit jedem Bombenhagel, der jetzt noch stattfindet, führt die Weltmacht dem Rest der Welt nur ihre eigene Menschenverachtung vor. Welche Ironie der Geschichte, dass sich ausgerechnet das im Westen so lange verteufelte »Regime der Mullahs« unter Vermittlung von Pakistan und vermutlich auch China, als »Hort der Vernunft« erweisen könnte, indem es den Waffenstillstand einhält.
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