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13.03.2026
- → Feuilleton
Der letzte Auftritt
Geraune
Der wahre Souverän spricht die einzige Sprache, die seine angestellten Staatsdiener wirklich verstehen. Die Sprache des Geldes. Als der Preis für Öl Anfang der Woche rasant über 100 US-Dollar pro Fässchen schoss, die Börsen einbrachen und das weltweite Finanzkartenhaus unschön ins Zittern geriet, wurde selbst den rabiatesten Großgeldbesitzern deutlich, dass es auf dem eingeschlagenen Weg mehr zu verlieren als je zu gewinnen gibt – viel mehr. Beruhigt hat sich die Lage nur ein wenig. Denn die eine Seite muss nicht klein beigeben, und die andere Seite kann es sich politisch nicht leisten.
Dass Trump erst einmal bei Putin anklingelte, darf als Anzeichen von Verzweiflung angesehen werden. Der verklausulierte Diplomatensprech des russischen Gesprächsprotokolls legt nahe, dass es sich nicht eben um ein freundliches Gespräch gehandelt hat. Vermutlich wurde es laut.
War dort schon keine Hilfe zu holen, haben sich auf der anderen Seite nur weitere potentielle Schadensfälle angehäuft. Abhilfe ist nicht in Sicht. Zwar mögen die Amis mehr Raketen haben, aber was weitere Drohungen betrifft, sieht die Lage für die Priesterschaft in Teheran mit jedem Tag günstiger aus. Die Epstein-Koalition bombt, aber an der Lage ändert das nichts. Umgekehrt können die Iraner mit einigen gezielten Schlägen wüste Verheerungen anrichten, wenn sie wollten. Noch steht ein Großteil der Ölinfrastruktur rund um den Golf. Noch laufen die Anlagen zur Wasserentsalzung. Spätestens da gerät die potentielle Schadensbilanz endgültig aus dem Gleichgewicht. Ohne Wasser sind die Monarchien rund um den Golf geliefert, eingeschlossen der östliche Teil Saudi-Arabiens mitsamt der Hauptstadt Riad. Ein paar Raketen und es drohen 25 Millionen Leute ohne Trinkwasser zu sein und eine Weltwirtschaftskrise, die sich gewaschen hat.
Dagegen haben sich die Möglichkeiten der US-Amerikaner nahezu erschöpft. Aus schierer Verzweiflung werden militärisch unhaltbare Vorschläge ventiliert, gepostet und wieder zurückgezogen. Mal sollen Kriegsschiffe die Tanker begleiten. Dann will man Bodentruppen ins Land schicken. Das Militär lehnt dankend ab.
Ein Ergebnis der noch unentschiedenen Schlacht steht schon fest. Woran im letzten Jahr Israel scheiterte, ist nun auch den Amerikanern nicht gelungen. Damit sind sie einen weiteren Schritt auf dem Weg zum Ende ihrer Hegemonie vorangekommen. Ihre Verbündeten haben sie nicht zu schützen vermocht. Das Geprotze von eisernen oder goldenen Domen hat sich als leeres Gefasel herausgestellt. Der Welt wird vorgeführt, dass es mit der Allmacht des Hegemons vorbei ist. Noch steht er nicht splitternackt da. Aber die Kandidaten für den finalen Auftritt sind schon gecastet. Die Theatermanager haben eine gute Wahl getroffen. Trump und Hegseth sind eine brillante Besetzung. Je wilder sie gestikulieren, je wüstere Drohungen sie ausstoßen, desto wirkungsvoller wird der letzte Auftritt. Was Trump erwartet, wenn er danach zu den Sponsoren zitiert wird, ist noch unklar. Die Wahlniederlage im Herbst kann er fest buchen, es sei denn, er findet noch einen Ausweg als großer Friedensbringer. Andernfalls könnte es für ihn sehr ungemütlich enden, wenn es im Nachklapp doch noch ein paar Adult-Filmchen von der Insel zu sehen gibt.
Man darf bei all dem nicht vergessen, dass die Staatsdiener nur die Clowns sind, die vors Volk geschickt werden. Aber auch den US-Oligarchen sind Grenzen aufgezeigt worden. Bisher konnten sie es sich leisten, ihre Kriege zu führen und einen nach dem anderen zu verlieren und immer die Hände aufzuhalten, ohne ernsthaften Schaden zu nehmen.
Diese Zeiten gehen zu Ende. Michał Kaleckis großes Negativsummenspiel, demzufolge man durchaus Schaden hinnehmen kann, solange der Gegner nur noch mehr leidet und man am Ende doch als Gewinner dasteht, geht bald nicht mehr auf. Wäre da nicht das große, aus Schulden aufgetürmte Kartenhaus, hätten die Vernünftigeren vermutlich längst klein beigegeben.
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