Zum Inhalt der Seite
Italien

Vergiftetes Erbe

Italien: Der verstorbene Lega-Gründer Umberto Bossi ersetzte Klassenkampf mit rassistischer Ideologie

Von Fabio Nacci, Modena
Foto: Avalon.red/IMAGO
Beide tot, aber ihre rechte Gesinnung wirkt nach: Berlusconi und Bossi am 22. September 2011 im Parlament in Rom

Nur wenigen Menschen gelingt es, die italienische Debatte selbst über den Tod hinaus zu spalten. Doch dem Gründer der extrem rechten Partei Lega Nord ist genau das geglückt: Am Donnerstag abend verstarb im Alter von 84 Jahren Umberto Bossi. Er war einer der umstrittensten Politiker in der Geschichte des Landes, der es jedoch wie kaum ein anderer – außer vielleicht Silvio Berlusconi – verstand, die italienische Politik der vergangenen 40 Jahre in Stil und Themen zu beeinflussen. Wenn viele behaupten, der moderne »Populismus« sei in Italien geboren worden, dann steht fest: Bossi war Italiens erster »rechter Populist«.

In den regierungsnahen Medien, die nun an ihn erinnern, wird seine Figur fast mit Sympathie gezeichnet: ein Anführer im Unterhemd, der einen harten Dialekt sprach und sich »ehrlich« ausdrückte. Doch hinter dieser Maske des »Mannes aus dem Volk« verbarg sich eine politische Strategie von beispielloser Rücksichtslosigkeit. Bossi erkannte in Italien früher als jeder andere das Vakuum, das der Zusammenbruch der großen Ideologien des 20. Jahrhunderts hinterlassen hatte. Während die Justizermittlungen der »Mani pulite« (saubere Hände) die historischen Parteien der Ersten Republik unter dem Gewicht systemischer Korruption pulverisierten, bot Bossi ein alternatives Narrativ: Die Probleme Italiens lägen nicht in der politischen Klasse, sondern in der Struktur des Einheitsstaates selbst. Er war der erste italienische Politiker, der die Sezession des reichen Norditaliens forderte und den möglichen neuen Staat »Padanien« taufte – ein Konstrukt, das das Geld der reichen Bürger im Norden in ihren eigenen Territorien belassen sollte.

Bossi tat alles, um aus dem Nichts die Identität einer Nation zu erschaffen, gestützt auf ein mythologisches Fundament, das sich bei den Kelten und dem Mittelalter bediente: das Sammeln von »heiligem Wasser« an den Quellen des Po, das jährliche Treffen in Pontida in Erinnerung an den Schwur der norditalienischen Gemeinden gegen den römisch-deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa, die Gründung paramilitärischer Organe wie der »grünen Hemden«, die Flagge mit der keltischen Sonne und sogar die Wahl einer »Miss Padania«. Der erklärte Feind war »Roma ladrona« (das diebische Rom) – die Zentralregierung, die die Ressourcen des fleißigen Nordens absauge, um einen als rückständig und wohlfahrtsempfänglich dargestellten Süden zu füttern.

Bossi war der erste in Italien, der die vulgäre Beleidigung als legitime politische Kategorie etablierte. Lange vor Figuren wie Donald Trump nutzte er seine Kundgebungen, um jedes Symbol des nationalen Zusammenhalts verbal anzugreifen: Er verglich die italienische Flagge mit Toilettenpapier, drohte linken Politikern mit dem Tod, indem er behauptete, ihm stünden 300.000 bewaffnete Männer zur Verfügung, und wünschte den Süditalienern, sie mögen »nach Hause« gehen. Zum ersten Mal in der öffentlichen Debatte Italiens wurde der Klassenkampf durch einen Identitätskonflikt ersetzt. Der norditalienische Arbeiter wurde davon überzeugt, dass sein Gegner nicht das Großkapital oder die Steuerhinterziehung der Milliardäre sei, sondern der als minderwertig diffamierte Arbeiter aus Süditalien oder, später, der Asylsuchende aus dem Mittelmeerraum.

Die bekannteste mit Bossi verbundene Maßnahme ist das sogenannte Bossi-Fini-Gesetz. Es änderte die bestehenden Einwanderungs- und Asylregeln mit dem Ziel, die sogenannte irreguläre Migration nach Italien drastisch zu reduzieren. Die folgenreichste Bestimmung des Gesetzes war die Koppelung des Aufenthaltsrechts an einen bereits vorhandenen Arbeitsvertrag sowie die Verschärfung der Strafen für »Scafisti« (Schlepper). Dies war der erste große institutionelle Sieg der Xenophobie in Italien – ein Gesetz, das das Mittelmeer in eine militarisierte Grenze verwandelte, Solidarität kriminalisierte und die Basis für jene Abschottungspolitik legte, die wir heute im gesamten Westen repliziert sehen.

Bossis politischer Werdegang endete in einem fast schon poetischen Paradoxon. Der Mann, der seine Karriere mit dem Geschrei gegen die »Diebe der Zentralregierung« aufgebaut hatte, ging 2012 in einem internen Korruptionsskandal unter, der eine familiäre und klientelistische Führung der Partei offenbarte. Die Ermittlungen gegen den Schatzmeister Francesco Belsito deckten ein System auf, in dem öffentliche Gelder – vom Steuerzahler finanzierte Wahlkostenerstattungen – genutzt wurden, um den Luxus der padanischen »Königsfamilie« zu finanzieren: von in Albanien gekauften Universitätstiteln für Bossis Sohn Renzo bis hin zu privaten Immobiliensanierungen.

Dieser Sturz ebnete den Weg für Matteo Salvini als neuen Parteichef. Um die Lega zu retten, entschied der neue Anführer, den ursprünglichen Sezessionismus zu verraten und einen souveränistischen Nationalismus nach dem Vorbild der Le Pens in Frankreich anzunehmen. Er behielt jedoch die »Methode Bossi« bei: die Identifizierung eines Sündenbocks, die Nutzung einer gewaltvollen Sprache und das Versprechen eines identitären Schutzes gegen eine Außenwelt, die als Bedrohung wahrgenommen wird. Bossis Erbe überlebt somit in einem Italien, das er gespaltener, zynischer und rassistischer hinterlassen hat.

Themen:
junge Welt

Unabhängiger Journalismus braucht deine Unterstützung.

Bezahlmethoden:

Mit Absenden erklärst du dich mit der DSGVO-konformen Datenverarbeitung einverstanden

Erschienen in der Ausgabe vom 23.03.2026, Seite 6, Ausland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→Leserbriefe
  • Doris Prato 24. März 2026 um 14:24 Uhr
    Den Gründer der Lega (Nord, wie sie sich ursprünglich wegen der von ihr betriebenen Abspaltung der Nordregionen vom Zentralstaat nannte), feierte der italienische Staatspräsident Sergio Mattarella als „einen leidenschaftlichen Politiker und überzeugten Demokraten“. Damit hätte Nacci den Beitrag aufmachen sollen, um gerade angesichts des stattfindenden Referendums Melonis über die Änderung der Verfassung die Aktualität des „vergifteten Erbe“ herauszustellen. Die Entlarvung der Rolle Mattarellas hätte auch dazu führen müssen klarzustellen, dass der aus der PCI hervorgegangene sozialdemokratische PDS (heute Demokratische Partei (PD), der sich der Staatspräsident zurechnet, als regierende Partei jahrelang dem im Grunde genommenen verfassungsfeindlichen Vorgehen der Lege, die reichen Nord-Regionen vom Zentralstaat abzuspalten, tatenlos zusah. Erst 1995 eröffnete die Staatsanwaltschaft gegen Bossi ein Ermittlungsverfahren wegen „verfassungswidriger Tätigkeit zum Zwecke der Zerstörung der territorialen Einheit des italienischen Staates“. Es verlief unter der Mitte-Links-Regierung im Sande, was sicher auf die einflussreichen Industriekreise zurückging, für die Bossi ein wichtiges Eisen im Feuer war. Denn die Forderungen nach regionaler Autonomie bis hin zu föderalen Strukturen entsprangen vor allem den damaligen ökonomischen Interessen der großen Konzerne, sich am supranationalen „Alpengroßraum“ der EU zu beteiligen. Unter diesen Gesichtspunkten zählte FIAT zu den Protegés der Lega. Deren Rolle war im Kontext des neu entbrannten Kampfes des europäischen und US-amerikanischen Kapitals um Einflusssphären, darunter auf dem Balkan, zu sehen. Bezeichnenderweise war es der damalige deutsche Außenminister Genscher, der die Ansprüche der deutschen EU-Führungsmacht anmeldete, als er bezüglich Italien betonte, sein nördlicher Teil werde entdecken, „dass er mehr gemeinsame Interessen mit Süddeutschland als mit Süditalien hat. Das war ferner unter dem Gesichtspunkt zu sehen, dass die Lombardei einst zu Österreich gehörte, auf das Deutschland noch immer einen Erbanspruch erhob. Der „International Herald Tribune“ warf in diesem Zusammenhang am 7. August 1995 Deutschland eine Ausdehnung seines Einflusses über Österreich nach Süden bis Mailand vor. Bereits zwei Tage später schrieb Mailänder „Corriere della Sera“ ebenfalls unverblümt, es gehe „um die Neuaufteilung des europäischen Raumes und der Eroberung neuer Einflusssphären“, innerhalb eines „historischen Raumes“. Obwohl zu dieser Zeit nicht in der Regierung vertreten, billigte Mattarellas „überzeugter Demokrat Bossi“ mit seiner Lega voll die faschistischen Ausschreitungen der Berlusconi-Regierung im Juli 2001 während des G8-Gipfels in Genua, bei denen über 600 Personen festgenommen und Gefangenensammelstellen zugeführt, mehr als 300 Demonstranten zum Teil schwer verletzt, in der Polizeizentrale in der Dias-Schule 54 Personen blutüberströmt und ebenfalls schwer verletzt unter Hitler und Mussolinibildern gefoltert „Viva il Duce“ rufen mussten. 2013 trat Matteo Salvini die Nachfolge Bossis an, der wegen Korruptionsfällen zurücktreten musste und 2017 zu 2½ Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Salvini rückte vom »Padanien«-Projekt eines Separatstaates ab und stellte die Partei landesweit auf. Bei den Parlamentswahlen im März 2018 trat sie nur noch unter dem Namen Lega an. Salvini bekannte sich grundsätzlich zu den Rassengesetzen Mussolinis, verlangte, »den Begriff der Rasse« wieder einzuführen und einen »Sonderbeauftragten für Roma und Sinti« zu ernennen.
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!