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Gigafactory

Kranke Methoden

Tesla in Grünheide senkt Fehlzeiten der Beschäftigten mit Druck und unlauteren Mitteln. Lohnfortzahlung willkürlich eingestellt

Foto: Patrick Pleul/dpa
Kollegen sollen bei Laune gehalten werden – mittels Barbershop und Fitnessstudio (Grünheide, 23.4.2026)

Die »Gigafactory« in Grünheide bei Berlin sei »unsere modernste, nachhaltigste und effizienteste Fabrik«, schwärmt der US-Autobauer auf seiner Webseite. Und tatsächlich: Hier passieren wahre Wunderdinge. Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren ist der Krankenstand der rund 11.000 Beschäftigten von einst 17 Prozent auf unter fünf Prozent geschrumpft – bei einem Bundesmittel von je nach Erhebung zwischen fünf und sechs Prozent. War der Laden auf der grünen Wiese im Brandenburgischen einst eine Hochburg aller Arten von Gebrechen, mutet er inzwischen fast wie eine Heilanstalt an. Das macht den Macher stolz: »Ich glaube, da würden viele Unternehmen neidisch draufschauen, hätten sie das geschafft«, äußerte sich am Wochenende Werksleiter André Thierig bei einer Veranstaltung auf der Hannover-Messe.

Thierig, der als Vertrauter von Konzernboss Elon Musk gilt, ist sich selbst nicht zu schade, seine Untergebenen gesundheitlich auf Trab zu bringen. Mit Personalchef Erik Demmler klingelte er höchstpersönlich bei krankgeschriebenen Mitarbeitern an der Haustür, um sich nach deren Befinden zu erkundigen. Natürlich ging das seinerzeit, im Herbst 2024, durch die Presse, damit auch alle mitbekommen, wie sehr er sich um seine Leute kümmert. Das tut er mithin mit einigem Nachdruck. Bei einer Betriebsversammlung im Juli 2023 hatte Thierig erklärt, unter ihm sei »kein Platz« für Beschäftigte, die morgens »nicht aus dem Bett« kämen. So etwas wirkt. Heute schaffen es die allermeisten aus dem Bett – selbst dann, wenn sie es eigentlich hüten sollten.

Wie das Handelsblatt am Montag berichtete, hat Thierigs Fürsorge nicht nur Fürsprecher im Betrieb. Das liegt auch an speziellen Schreiben der Geschäftsführung, die Betroffene erreichten und über denen steht: »Keine weitere Entgeltfortzahlung wegen möglicher Fortsetzungserkrankung.« Bei Tesla glaubt man nämlich an die Selbstheilungskraft und kann sich nicht vorstellen, dass einmal Genesene später von weiteren Leiden befallen werden könnten. Nach deutschem Arbeitsrecht zahlt ein Unternehmer seinen Beschäftigten pro Krankheit maximal sechs Wochen lang den Lohn weiter. Wer danach erneut krankgeschrieben wird, erhält die Kompensation nur, sofern eine neue Erkrankung vorliegt. Weil das bei Tesla in Grünheide nicht sein kann und nicht sein darf, müssen häufiger Erkrankte entweder Wiedererkrankte sein oder Simulanten. So oder so wird das Geld gekürzt, indem die Chefetage ihnen die angeblich zu Unrecht erhaltene Lohnfortzahlung als Schulden anrechnet.

Tesla tauge als »Negativbeispiel«, meint ein Sprecher des Landesverbands Berlin-Brandenburg-Sachsen der Industriegewerkschaft Metall. Hier werde ein Angriff auf die Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall und damit auf eine wichtige gewerkschaftliche Errungenschaft geprobt, beklagte er am Montag gegenüber junge Welt. »Statt für gesundheitsschonende Arbeitsbedingungen zu sorgen, zweifelt das Management in Größenordnungen Krankschreibungen an und behält Entgelt ein.« Zwar sei diese Praxis in aller Regel vor Gericht nicht durchsetzbar. Schon 2024 erstritt die IG Metall nach eigenen Angaben 160.000 Euro an Zahlungen für Tesla-Beschäftigte, die das Unternehmen zuvor zurückgehalten hatte. Trotzdem zeige die Masche Wirkung. »Sie schüchtert Beschäftigte ein und führt dazu, dass Menschen krank zur Arbeit gehen oder das Unternehmen verlassen.«

Überhaupt legt der US-Autobauer deutsches Recht ziemlich frei aus. Zum Beispiel verlangt er von den im besagtem Brief Adressierten, ihre Ärzte von der Schweigepflicht zu entbinden und ihre Krankengeschichte detailliert offenzulegen. Der Konzern beruft sich dabei auf ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts von 2023, wonach sich ein »Arbeitgeber« nicht auf Auskünfte der Krankenkasse verlassen müsse und das Vorliegen einer Neuerkrankung bestreiten kann. Nach Auffassung von Gregor Thüsing, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Bonn, geht Tesla damit zu weit. Kein Mitarbeiter müsse von sich aus ärztliche Diagnosen vortragen, und kein Arzt müsse mit einer Firma über seine Diagnose diskutieren, bemerkte er im Handelsblatt. Was Tesla so apodiktisch fordere, sei juristisch hochumstritten.

Der Zweck heiligt die Mittel. Offenbar treffen die Maßnahmen bevorzugt Mitarbeiter, die dem »Arbeitgeber« auch sonst nicht genehm sind, etwa solche, die gegen die Arbeitsbedingungen aufbegehren, sich gewerkschaftlich oder im Betriebsrat engagieren. Bei Tesla herrsche ein »rigides Hire-and-Fire-System«, heißt es bei der IG Metall. »Wer aneckt, hat es schwer.« Oder aber der Abgang wird leicht gemacht: Die »Schuldenlast« wegen »Fortsetzungserkrankung« kann man loswerden, sobald man »freiwillig« einen Aufhebungsvertrag unterzeichnet. Das kam wohl zuletzt nicht selten vor. Innerhalb der zurückliegenden zwei Jahre ging die Mitarbeiterzahl um 1.700 zurück. Nun aber sollen bis Ende Juni 1.000 neue Beschäftigte gewonnen werden, kündigte Thierig in Hannover an. Locken sollen ein Barbershop im Werk und ein Fitnessstudio. Wer wollte da noch krank werden?

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Erschienen in der Ausgabe vom 28.04.2026, Seite 5, Inland

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