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Aus: Ausgabe vom 02.12.2025, Seite 12 / Thema
Klimawandel

Kein Thema

Nur rund ein Prozent der TV-Talkshows von ARD und ZDF befassten sich in diesem Jahr mit der Klimakrise. Über den Klimablackout der deutschen Medien
Von David Goeßmann
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Die »vierte Gewalt« wird ihrer Verantwortung zur Aufklärung über den Klimawandel oft nicht gerecht. Protestaktion von »Extinction Rebellion« vor der Zentrale des Norddeutschen Rundfunks (Hamburg, 15.6.2020)

Die sich beständig verschärfende Klimakrise ist neben einem drohenden Atomkrieg die größte Gefahr für die Menschheit.» Das ist die Einschätzung des Bulletin of Atomic Scientists, ein Expertengremium, das mit derzeit acht Nobelpreisträgern besetzt ist. Sie haben die Weltuntergangsuhr deswegen in diesem Jahr auf 89 Sekunden vor Mitternacht gestellt. Forscher und Fachorganisationen sprechen von einem historischen Notstand. Der UN-Generalsekretär António Guterres warnt schon seit Jahren, dass wir auf einem «Highway Richtung Klimahölle» rasen und die Erde sich in der «Notaufnahme» befindet (vgl. Guardian, 7.11.2022). Die Klimakonferenz von Belém im November hat daran nichts geändert.

Trotz aller Warnungen steigen die Treibhausgasemissionen seit Jahrzehnten ungebrochen und sind im letzten Jahr auf einen neuen Rekordwert geklettert, so dass das 1,5-Grad-Ziel bereits unerreichbar geworden ist und die Klimaverwüstungen weltweit, vor allem in den ärmsten Ländern, dramatisch zunehmen. In den nächsten Jahren droht nun auch das Zwei-Grad-Ziel, die im Pariser Vertrag maximal gesetzte Obergrenze, zu kippen, wenn nicht schnell umgesteuert wird. Neue Studien zeigen, dass wenn der Trend fortgesetzt wird, die Erderhitzung schon im Jahr 2050 auf drei Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau ansteigen könnte. Dann würden wir, wie der britische Klimawissenschaftler Kevin Anderson vom Tyndall Center for Climate Change erklärt, auf «einem anderen Planeten leben» und wahrscheinlich gefährliche Kipppunkte im Erdsystem auslösen, die eine sich selbst verstärkende Überhitzung zur Folge hätte.

Worte statt Taten

Den Staatenlenkern in den Industriestaaten war von Anfang an klar, worum es bei der Klimakrise geht und dass die reichen Länder die Hauptverantwortung dafür tragen. Sie wurden früh von hochrangigen Expertengremien über die Bedrohungslage informiert. Die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher, nicht bekannt als Umweltschützerin, erklärte schon 1988 im Einklang mit ihren wissenschaftlichen Beratern, dass wir «unwissentlich ein massives Experiment mit dem System des Planeten selbst begonnen» haben. Unsere Fähigkeit, den Schaden zu begrenzen oder gar zu stoppen, sei «vielleicht der größte Test, inwieweit wir als Weltgemeinschaft zu handeln fähig sind».

Der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl warnte 1987 im Bundestag, dass die Schöpfung bewahrt und der Treibhauseffekt bekämpft werden muss. Umweltministerin Angela Merkel sagte nach der ersten Klimakonferenz (COP 1) in Berlin 1995, dass «dringender Handlungsbedarf» bestehe, aber die «bisherigen Verpflichtungen nicht angemessen sind». Selbst Bundeskanzler Friedrich Merz, der auf fossile Expansion setzt, sprach in seiner Rede in Belém auf der COP 30 von der «globalen Herausforderung» und einer «wahren Menschheitsaufgabe», das Klima zu schützen. Man sei sich der Verantwortung bewusst, und die Bundesregierung werde danach handeln, so Merz.

Doch es wurde über die Jahrzehnte nicht gehandelt. Heute liegt der jährliche Treibhausgasausstoß um mehr als 60 Prozent über dem von 1990, eigentlich sollte er rund 60 Prozent darunter liegen, wie Meteorologen und Physiker 1987 forderten. In Deutschland wird heute immer noch viel Kohlendioxid (CO2) emittiert, während man längst «kohlenstoffinsolvent» ist (seit 1990 habe das Land keine Emissionsrechte mehr, wie der WBGU, der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen schon 2009 feststellte) und auf Kosten des globalen Südens die Atmosphäre weiter belastet. Pro Kopf gerechnet sind es nach 35 Jahren Klimaschutz weiter 9,1 Tonnen CO2 hierzulande (konsumbasierte Emissionen). Zum Vergleich: In Indien und China sind es trotz industrieller Aufholjagd weiter deutlich weniger: 1,8 bzw. 7,6 Tonnen.

Aber es besteht nicht nur eine große Kluft zwischen den Worten der politisch Verantwortlichen und ihren Taten, sondern auch zwischen der öffentlichen Debatte und der Dimension der Krise. Die Kluft hat sich in den letzten Jahren sogar verschärft. Während in den USA von US-Präsident Donald Trump, den Republikanern und konservativ-rechten Medien die Klimakrise geleugnet wird, verschwand Klimapolitik auch in Europa in den letzten Jahren mehr und mehr von der Agenda, insbesondere in Deutschland. Gleichzeitig erhalten fossile Narrative und Energiewendeskepsis mehr Raum in den Medien.

Das zeigt sich schon am Agenda Setting der prominenten TV-Talkshows und politischen Fernsehmagazine des öffentlich-rechtlichen Fernsehens sowie einiger Printleitmedien, die exemplarisch untersucht wurden. Das Ergebnis ist, dass die ausgewerteten Sendungen, Nachrichtenmagazine und Zeitungen in Deutschland das Thema Klima in diesem Jahr sowie in den Jahren zuvor nur selten behandelt und in den Fokus der politischen Debatte gestellt haben.

Die ARD-TV-Talkshows der «Caren Miosga», «Sandra Maischberger», «Hart aber fair» sowie die vom ZDF «Markus Lanz» und «Maybrit Illner» haben zusammengenommen nur rund ein Prozent ihrer Sendezeit dem Thema Klima (Klimaauswirkungen, Klimapolitik, Klimakonferenzen, Energiewende, Klimaproteste etc.) gewidmet. Das gilt für das Jahr 2025 ebenso wie für die Jahre zuvor, soweit die Sendungen online zugänglich waren.

Keine zwei Prozent Sendezeit

Bei «Caren Miosga» gab es in diesem Jahr keine Sendung zum Klima, das gleiche gilt für 2024. «Sandra Maischberger» widmete von rund 175 Interviews der Sendungen von 2025 nur zwei diesem Thema (18 und 24 Minuten). In weiteren drei Interviews wird Klima zumindest angeschnitten (das betrifft jeweils vier Minuten, 4,5 Minuten und gut eine Minute der Interviews). Von den ca. 3.000 kumulierten Sendeminuten bei «Maischberger» war zusammengenommen weniger als eine Stunde (52 Minuten) dem Klimathema gewidmet. Das sind 1,7 Prozent der kompletten Sendezeit im Jahr 2025.

«Hart aber fair» brachte von den 18 untersuchten Sendungen keine einzige zum Thema Klima. Das gleiche gilt für die 29 Sendungen von «Maybrit Illner». Bei «Markus Lanz» behandelten von 125 70minütigen Sendungen ganze zwei das Klima. Das sind 1,6 Prozent der Sendezeit.

Dominiert wurden die Talkshows von anderen Themen. Die Interviews von «Sandra Maischberger» zum Beispiel behandelten hauptsächlich Parteipolitik und Wahlen (30mal), Ukraine/Russland (29mal), Wirtschaft und Finanzen (23mal), Migration, Terror und Asyl (15mal), Trump (16mal) und Sicherheit, Aufrüstung, NATO (15mal). Das Klima ist so häufig Gegenstand der Sendung wie die Politikerin Sahra Wagenknecht oder der Comedian Dieter Nuhr (jeweils zweimal), Personen, denen gemeinsam ist, dass sie wenig übrig haben für «woken» Klimaschutz. Ähnliche Themensetzungen finden sich auch in den anderen Talksendungen, wenn auch mit anderen Akzentuierungen.

Bei einer kumulierten Sendezeit von 17.100 Minuten befassten sich die untersuchten Talkshows in diesem Jahr weniger als 192 Minuten lang mit Themen rund um den Klimawandel. Klimaschutz ist in den TV-Sendungen mit rund 1,1 Prozent beanspruchter Sendezeit ein extremes Randthema, das gerade so den Promillebereich verlässt. Angesichts der Dimension der Krise, der wissenschaftlichen Warnungen, der Dringlichkeit, die Treibhausgase rapide auf null zu bringen und die Erderhitzung damit einigermaßen zu stoppen, sowie dem Versagen der Politik, darauf zu reagieren, ist die Entscheidung der öffentlich-rechtlichen Fernsehredaktionen, Klima so gut wie nie zum Thema zu machen, nicht nachzuvollziehen. Gleichzeitig ist es auch ein Widerspruch, weil in denselben Medien – wie auch in großen Teilen der politischen Klasse – durchaus eingestanden wird, dass die Klimakrise ein großes Problem unserer Zeit ist.

Wenn über den Klimawandel diskutiert wird, verbleibt die Debatte zudem im engen Rahmen des politisch ausgehandelten Kurses, während Klimaschutz als Belastung problematisiert wird. Die Energiewende sei teuer, eine Gefährdung für den Industriestandort Deutschland und drohe, den Verbraucher zu überfordern. So sprang Sandra Maischberger in einer Kontroverse Philipp Amthor von der CDU bei, indem sie der Klimaaktivistin Luisa Neubauer vorhielt, dass das unter der Ampelregierung novellierte Gebäudeenergiegesetz von vielen Menschen als «Bevormundung» empfunden werde und Klimaschutz die AfD groß gemacht habe. Hintergrund der Debatte ist eine vom Springer-Verlag gestartete «Heizhammer»-Kampagne gegen die Wärmewende der Ampelregierung. Damit wurde sehr erfolgreich Stimmung von rechts gegen Klimaschutz gemacht. Viele Medien folgten der Kampagne.

Die TV-Politmagazine von ARD und ZDF haben ebenfalls kaum über das Thema Klima berichtet. Die Sendung «Monitor» brachte 2025 in zehn Sendungen mit rund 30 Beiträgen keinen, der die voranschreitende Klimakrise thematisierte. Bei «Frontal» vom ZDF sind es bei ca. 120 Beiträgen drei zum Klima, also 2,5 Prozent.

Energiewende als Problem

Gleichzeitig wurden Filme gesendet, die die Energiewende in ein schlechtes Licht rücken. So brachte «Monitor» am 14. August einen Beitrag, in dem behauptet wird, dass Beijing die Wechselrichter in Solaranlagen «Made in China» per Fernsteuerung abschalten und aufgrund seiner Marktmacht auf diese Weise einen Blackout in Europa erzeugen könnte. Bei «Frontal» wurden den drei Klimabeiträgen, darunter ein Pro-und-Contra-Film zum Heizungsgesetz, zwei Beiträge zur Seite gestellt, die Klimaschutz problematisieren. Einmal ging es um dreckige Rohstoffe in Batterien, darunter vor allem Nickel, ein anderes Mal um den «Windradschrott». Zudem wurde ein Beitrag gesendet, der der Zementindustrie ein breites Forum bot, den umstrittenen Ausbau von CCS (Kohlendioxidabscheidung bei fossilen Industrieanlagen und Verpressung des CO2 unter die Erde) einzufordern.

Auch über längere Zeiträume betrachtet ist die Bilanz mager. Beim TV-Politmagazin «Monitor» gab es 2024 lediglich einen Fünf-Minuten-Beitrag zum Klima, und in zwei weiteren, die die deutsche Auto- und Stahlproduktion in den Fokus nahmen, wurde am Rande auf Klimaschutz verwiesen. Verglichen mit der kumulierten Sendezeit von 300 Minuten galten auch hier im letzten Jahr nur 1,6 Prozent dem Klima.

Insgesamt wurden von 2022 bis 2025, also in vier Jahren, fünf Beiträge zum Klima bei «Monitor» gesendet. Die Anzahl war in den Jahren 2016 bis 2018 ähnlich: vier Stücke in drei Jahren. Der Anteil liegt in diesem Zeitraum wie im Jahr 2024 unter zwei Prozent. Ausnahmen bilden die Jahre 2019 und 2021, als auf deutschen Straßen und in der Zivilgesellschaft lautstark für mehr Klimaschutz mobilisiert wurde. Damals erschienen bei Monitor fünf (2019) bzw. vier (2021) Beiträge zum Thema.

Nicht covertauglich

Bei den großen Nachrichtenmagazinen in Deutschland zeigt sich wie im Fernsehen eine ähnliche Ausblendung des Klimathemas. Von 2023 bis 2025 hat Der Spiegel in rund 150 Heften keinen einzigen Titel gebracht, der die Klimakrise oder die Notwendigkeit von Klimaschutz auf das Heftcover brachte. Auch beim Focus (online abrufbar seit 2022, ca. 200 Hefte) und dem Stern (online abrufbar seit 2024, ca. 100 Hefte) fehlt jeglicher Klimatitel.

Der Spiegel hat demgegenüber in den letzten drei Jahren vier Antiklimaschutztitel veröffentlicht, in denen die Wärmewende, Klimaaktivismus und die Elektromobilität auf dem Hefttitel prominent diskreditiert wurden. So titelte der Spiegel am 19. Mai 2023: «Operation Wärmepumpe. Teuer und umstritten: Mit grünem Übereifer ins Chaos». Im Bild sieht man Wirtschaftsminister Robert Habeck, unter einer Therme sitzend, hilflos und verschmiert im Blaumann, mit einer großen Schraubzange in der Hand. Dazu heißt es: «Die Wärmewende droht Deutschland zu überfordern.» Ein halbes Jahr später (17.11.2023) legte das größte Nachrichtenmagazin Europas nach: «Irrweg eines Idols. Greta Thunberg und die linken Feinde Israels. Drohende Spaltung der Klimabewegung». Weiter heißt es: «Ist Greta Thunberg nur naiv oder Antisemitin?» Im März desselben Jahres hatte man bereits die Aktivistengruppe «Letzte Generation» ins Visier genommen: «Die neuen Staatsfeinde», stand auf dem Titel.

Ein paar Monate später (22.3.2024) nahm sich der Spiegel die Verkehrswende vor. Statt die gescheiterte fossile Verkehrspolitik – fest in der Hand der deutschen Autoindustrielobby, die weiter auf Verbrenner und Treibhausgase setzt – zu beleuchten, wurde der Elektromobilität die Schuld zugeschoben: «Der Elektroschock. Deutschland verzweifelt am E-Auto.» Weiter hieß es: «E-Autos verkaufen sich schlecht, deutsche Hersteller sind weiter vom Verbrenner abhängig. Die Konkurrenz aus China ist erdrückend. Erleben wir das Ende der Autonation Deutschland?»

Auch bei den als linksliberal eingeordneten Leitmedien Die Zeit und Süddeutsche Zeitung spielt Klima nur eine marginale Rolle. Das Wochenmagazin aus Hamburg hatte im Januar 2023 das letzte Mal Klima auf der Titelseite. Es ging um «Klimabetrug» beim CO2-Handel. Danach ist bei der Zeit kein Titel mehr zum Klima erschienen (also in rund 150 Ausgaben). Zum Vergleich: Während der Massenproteste 2019 für mehr Klimaschutz brachte das Magazin insgesamt sechs Titelgeschichten zum Thema in einem Jahr.

Bei der Süddeutschen Zeitung wurde in diesem Jahr Klimapolitik so gut wie nicht kommentiert. Von den rund 1.200 SZ-Kommentaren im Jahr 2025 (in jeder Ausgabe sind es fünf Meinungsbeiträge) hatten nur ca. 20 einen Klimabezug. Das sind 1,7 Prozent aller Meinungsbeiträge.

Bewusstsein ohne Folgen

Erstaunlich an der extremen Unterrepräsentation des Klimathemas in deutschen TV-Talkshows mit Millionenpublikum und meinungsbildenden Qualitätsmedien ist, dass sich die Redaktionen durchaus des Mangels bewusst sind. So moderierte Georg Restle den einzigen «Monitor»-Beitrag zum Klima im Jahr 2024 mit den Worten an: «Die Erde vom Weltall aus betrachtet. Ein sensibler, ein bedrohter Planet des Lebens, bedrohter als je zuvor. Bei allem politischen Gezänk scheint uns das irgendwie aus dem Blick geraten zu sein in diesem Jahr.» Das stimmt. Und die Reaktion darauf? Im Jahr darauf brachte «Monitor» gar keinen Beitrag mehr zur Klimakrise.

Auch «Frontal» monierte in einem Beitrag, dass im Bundestagswahlkampf 2025 Klimaschutz kein Thema gewesen sei. Im Kanzlerkandidatenduell sei in den 96 Minuten nur 76 Sekunden über Klima gesprochen worden. Anstatt diesen Missstand und die Rolle des Journalismus zu beleuchten, werden Politik und Medien mit fehlendem Wählerinteresse exkulpiert: «Trotz aller Proteste: Die Klimapolitik ist ein Thema, mit dem sich zur Zeit keine Wahl gewinnen lässt.

Der Umweltredakteur Michael Bauchmüller von der Süddeutschen Zeitung beklagt ebenfalls in einem Kommentar, dass im Wahlkampf das Thema ignoriert worden sei. »Fast wirkt es, als sei das Klima nur noch eine Krise unter vielen. In TV-Duellen ist das Thema verschwunden hinter Migration, Wirtschaftsflaute und Außenpolitik. Wo es in Wahlprogrammen auftaucht, da nicht selten mit einem Stoppschild.« Auch das ist richtig. Allerdings bleibt die Frage, warum Medien wie die SZ nicht nur nichts dagegen getan haben, sondern weiter mithelfen, das Thema zu marginalisieren und von der politischen Agenda zu schieben.

Zudem ist die politisch erzeugte Klimaignoranz kein neues Phänomen, sondern eine historische Konstante, die für Regierungen, Parteien und die großen Massenmedien gleichermaßen zutrifft. Klimakrise und Klimaschutz wurden von ihnen durchgängig als ein Nischenthema behandelt. So zeigt eine Medienuntersuchung, dass in den führenden Nachrichtensendungen des deutschen Fernsehens wie »Tagesschau« um 20 Uhr, »Heute«, 19 Uhr, »RTL aktuell«, SAT.1 »:newstime«, »Tagesthemen« oder dem »Heute-Journal« zwischen 2004 und 2018 Klimaschutz nur einmal in die Top-20-Nachrichten des jeweiligen Jahres aufsteigen konnte. Das war 2007, als US-Klimaschützer Al Gore zusammen mit dem Weltklimarat den Friedensnobelpreis erhielten. Eine Studie zur öffentlich-rechtlichen Berichterstattung stellt fest, dass der Anteil des Klimathemas in der »Tagesschau« im Jahr 2022 immer noch »sehr gering« gewesen sei.

In der Presse in Deutschland, aber auch weltweit rangierte die Zahl der Artikel zur Klimapolitik immer auf niedrigem Niveau, wie die internationale Untersuchung des Media and Climate Change Observatory dokumentiert. In der Süddeutschen Zeitung zum Beispiel lassen sich 2007 zu »Klimaschutz« insgesamt 1.828 Treffer finden. Bis 2012 sackte dieser Wert dann auf 641 Treffer ab. Von 2008 bis 2018 liegt die durchschnittliche Trefferquote pro Jahr bei 926. Die Berichterstattung wurde also seit 2007 sogar noch halbiert.

Bitte keine »Politik«

Trotz der sich zuspitzenden planetaren Dramatik spielte Klimaschutz auch nach dem umjubelten Klimagipfel in Paris 2015 weiter keine Rolle in der politischen Öffentlichkeit. Der ehemalige SPD-Abgeordnete Marco Bülow untersuchte 204 Sendungen der fünf relevantesten Polittalkshows der öffentlich-rechtlichen Sender (»Maischberger«, »Anne Will«, »Hart aber fair«, »Günther Jauch« und »Maybrit Illner«) im Zeitraum von Oktober 2015 bis März 2017. 1,5 Jahre lang beschäftigte sich keine einzige Sendung mit der Klimakrise.

Auch im Bundestagswahlkampf 2017 war Klimapolitik kein Thema. Von den 95 Minuten des TV-Duells zwischen Angela Merkel (CDU) und Martin Schulz (SPD) stellten die Journalistinnen die Hälfte der Zeit Fragen zur Flüchtlings- und Asylsituation. Das Thema Klimakrise kam nicht vor. In den Sommerinterviews von ARD und ZDF 2018 übergingen die Interviewer ebenfalls die Klimakrise (wie auch viele andere wichtige Themen, zum Beispiel Armut, kaum Aufmerksamkeit erhielten).

Selbst nach dem Klimaprotestjahr 2019, als Millionen gegen die Klimapolitik auf die Straßen gingen, nach Hitze- und Dürresommern auch in Deutschland, brachten es die Journalistinnen und Journalisten der Fernsehsender fertig, den Spitzenpolitikern bei den Sommerinterviews keine einzige Frage zur Klimapolitik zu stellen. Auch bei der 90minütigen Sommer-Pressekonferenz von Bundeskanzlerin Merkel 2020 sahen die Hauptstadtkorrespondenten über die Klimakrise und die viel zu schwache Klimapolitik der Bundesregierung hinweg. Nur die Journalisten der unabhängigen Plattform Jung & Naiv brachten das Thema auf.

Auf Kritik und selbst konstruktive Anregungen reagiert die Medienelite bis heute mit Wagenburgmentalität. So versuchte eine Initiative, inspiriert von den Klimabewegungen, eine Sendung »Klima vor Acht« entsprechend der »Börse vor Acht« in die öffentlich-rechtlichen Sender zu bringen. Der ehemalige ZDF-Intendant Thomas Bellut antwortete: »Ich würde es nicht machen. Klima ist wichtig, aber danach kommt das nächste Thema. Themen ändern sich ständig. Ich finde es falsch, so etwas vorzugeben, denn damit macht man Politik. Ist das unsere Aufgabe? Nein.« Die ARD erteilte dem von rund 20.000 Bürgern unterstützten Vorschlag, darunter Prominente wie Carolin Kebekus, Bastian Pastewka, Luisa Neubauer, Bjarne Mädel und ARD-Meteorologe Karsten Schwanke sowie Klima- und Umweltforschern wie Hans Joachim Schellnhuber, Stefan Rahmstorf oder Ernst Ulrich von Weizäcker eine Absage.

Die mediale Aufmerksamkeit, die die Klimakrise erhielt, war in den letzten Jahrzehnten zu keinem Zeitpunkt auch nur annähernd der Dimension des Problems angemessen. Zugleich wurde immer wieder gegen Klimaschutz und die Energiewende Stimmung gemacht. Als die Erdatmosphären-Enquetekommission des Bundestages im Jahr 1990 ihren Bericht verabschiedete, schrieb die Zeit, »dass uns die Umweltschützer mit ihren Horrorbildern allmählich auf die Nerven gehen«. Schmelzende Polarkappen, Meeresfluten, Hungersnöte, Klimaflüchtlinge – das »Jahr ihrer Wiedervereinigung« ließen sich die Deutschen »nicht durch düstere Prognosen vergällen«.

Seitdem ist Energiewendediskreditierung fester Bestandteil der medialen Berichterstattung. Attacken gegen eine Verkehrswende (siehe die Fünf-Mark-pro-Liter-Benzin-Kampagne im Bundestagswahlkampf 1998), gegen die Stromwende, eingeleitet durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz ab dem Jahr 2000 (siehe »Operation Luxusstrom«, »EEG-Monster«, »Klimadiktatur« oder »Windradwahn«) oder die Propaganda rund um den vermeintlichen »Klimavorreiter Deutschland« sorgten dafür, dass der seit Jahrzehnten eingeschlagene Klimakurs von den Industrielobbys immer wieder abgebremst und nicht geändert wurde.

Nur das Jahr 2019 bildet eine gewisse Ausnahme. Die Klimamobilisierungen aus der Gesellschaft brachten in dieser Zeit das Thema nicht nur auf die politische Agenda. Es führte auch dazu, dass bei den Wahlen zum Europaparlament nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa grüne bzw. linksgrüne Parteien stark zulegen konnten, während die Volksparteien ohne Klimaambition abgestraft wurden. Außerdem zwang es die Parteien, beim Klima nachzulegen. Die deutsche Regierung fühlte sich gezwungen, ein verbindliches nationales Klimaschutzgesetz vorzulegen. Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts musste man sogar die Emissionsminderungsziele nach oben korrigieren, was man auch tat, allerdings nur minimal – während das Klimaschutzgesetz und die Maßnahmen in der Folgezeit wieder ausgehöhlt wurden.

In den letzten Jahren hat es ein politisches Rollback beim Klimaschutz gegeben, den eine ganze Reihe von Medien mit ihrer Berichterstattung unterstützten. So wurde ziviler Ungehorsam von Aktivisten für mehr Klimaschutz als »terroristisch« und der klimaneutrale Umbau der Gesellschaft als Angriff auf den deutschen Wohlstand diskreditiert, angetrieben von kampagnenartiger Berichterstattung gegen die Wärmewende, Windräder, Elektromobilität usw. Das hat den Klimajournalismus mehr und mehr in die Defensive gebracht.

Es ist sicherlich falsch, siehe die Europawahl 2019, dass mit Klimaschutz keine Stimmen errungen werden können, allerdings braucht es dafür eine angemessene Berichterstattung in den Massenmedien, die Klimaschutz als Lösung und nicht als Problem darstellt. Vermutlich ist das aber gar nicht im Sinn derjenigen, die die Massenmedien besitzen, finanzieren, managen, kontrollieren und mit ihrer gesellschaftlichen Macht Einfluss auf sie ausüben können.

David Goeßmann schrieb an dieser Stelle zuletzt am 6. Juli 2021 über Greenwashing: »Planetare Krise«

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  • Leserbrief von Onlineabonnent/in Monika M. aus Hamburg (9. Dezember 2025 um 14:47 Uhr)
    Vielen Dank für diesen erschreckenden Artikel. Dazu folgender Hinweis für Leser und Leserinnen, die sich weiter informieren möchten: Die Universität Hamburg veranstaltet seit mehreren Semestern die Klima-Ringvorlesung, deren Beiträge online abrufbar sind (z. B. über Youtube). Am 13. Mai 2025 gab es die Vorlesung von Prof. Dr. M. Brüggemann: »Medien in der Klimakrise: Zwischen Verdrängung, Polarisierung und transformativem Journalismus«. Er kommt zum gleichen Ergebnis wie der Autor der Themenseiten (Stichwort »Verdrängung«), beschreibt im weiteren Verlauf, wie die Medien zur Polarisierung in der Debatte um die Klimaproteste beigetragen haben (Fridays for Future versus Letzte Generation) und stellt dann den transformativen Journalismus als Ausweg aus der derzeitigen Situation dar. Es scheint sich aber noch nicht viel getan zu haben. Daher vielen Dank an die junge Welt als rühmliche Ausnahme! Monika Meinecke, Hamburg

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