Zum Inhalt der Seite
Kahlschlagspläne der Regierung

Handbuch sozialer Grausamkeit

Geleaktes Geheimdokument listet 70 Kürzungskonzepte für Kinder-, Jugend- und Familienleistungen auf. Entsetzen bei Verbänden und Linkspartei

Foto: Kay Nietfeld/dpa
Ausprägung der Merzschen Norm entscheidet über Solidarität: Der Kanzler der »gehobenen Mittelschicht« im Bundestag

Wem es noch nicht klar ist: Der deutsche Sozialstaat soll im Zeichen von Hochrüstung und verschärfter Umverteilung zum Abschuss freigegeben werden. Ein am Donnerstag geleaktes »internes Arbeitspapier« von Bund, Ländern und kommunalen Spitzenverbänden liefert dafür den bisher schlagendsten Beweis. Das 108seitige Dokument diskutiert in technokratischer Eiseskälte Dutzende Vorschläge, wie im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe sowie im Umgang mit behinderten Menschen Einschnitte in Milliardenhöhe zu realisieren wären. Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Joachim Rock, äußerte sich »entsetzt«. Was hier verhandelt werde, »ist ein Angriff auf Errungenschaften, die elementar für soziale Teilhabe sind und die über Jahrzehnte erkämpft wurden«.

Das dem Paritätischen zugespielte Schriftstück mit dem Titel »Effizienter Ressourceneinsatz bei Leistungsgesetzen«, datiert auf den 25. März 2026, bildete die Grundlage eines nicht öffentlichen Treffens einer Bund-Länder-Arbeitsgruppe vom selben Tag. Urheber der Empfehlungen sind die Bundesministerien für Arbeit und Soziales sowie für Bildung und Familie, der Deutsche Städtetag, der Landkreistag, der Städte- und Gemeindebund, dazu die Bundesländer Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen, Rheinland-Pfalz, Niedersachsen und Brandenburg. Gemeinsam haben sie ein regelrechtes Handbuch der sozialen Grausamkeiten erstellt. Beispielsweise sollen individuelle Rechtsansprüche auf Schulbegleitung gestrichen, das Wunsch- und Wahlrecht von Menschen mit körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung beschnitten, die Nachbetreuung junger Erwachsener aus der Jugendhilfe abgeschafft oder der Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende zusammengekürzt werden.

Es drohe ein »Kahlschlag bei Alltagshilfen, mit einschneidenden Folgen für Betroffene und ihre Familien«, erklärte Rock in einer Medienmitteilung. Dass man derart grundlegende Leistungen für benachteiligte Gruppen so radikal zusammenstreichen wolle und die Debatte überdies im Verborgenen führe, sei »gleichermaßen skandalös«. Alles in allem geht es um 70 Maßnahmen mit einem bezifferten Volumen von 8,6 Milliarden Euro. Die komplette Kürzungslast dürfte noch viel schwerer sein. Für knapp zwei Drittel der Punkte liegt gar keine Kostenabschätzung vor. Rock schockiert im speziellen die Abgebrühtheit, mit der die Verfasser ihre Ideen vortragen, und »das vollständige Fehlen jeder Abwägung«. An keiner Stelle werde gefragt, ob die angepeilten Einsparungen den individuellen und gesellschaftlichen Schaden rechtfertigen, den sie anrichten könnten. In dem Papier würden Sozialleistungen zu »Haushaltsposten« reduziert, »die Menschen, die auf sie angewiesen sind, kommen darin nicht vor«.

Anzeige

Deutliche Worte fand auch Heidi Reichinnek, Vorsitzende der Bundestagsfraktion Die Linke. »Diese Liste ist eine Schande, die Regierung sollte sich in Grund und Boden schämen«, nahm sie am Donnerstag Stellung. Ob bei der Qualität in den Kitas, bei Inklusion oder Jugendhilfe: Mit »beispielloser Brutalität« werde »überall der Rotstift angelegt«. »Besonders perfide« ist für sie der Plan, den Unterhaltsvorschuss für Alleinerziehende radikal einzukürzen, während die Gruppe in Sonntagsreden stets ganz hoch im Kurs steht. »Familien bekommen in diesem Land sowieso schon zuwenig Unterstützung, die Beschäftigten in den Einrichtungen sind überlastet, das System steht kurz vor dem Kollaps«, beklagte Reichinnek. Aber die Antwort von Union und SPD laute: »Noch mal richtig draufhauen.«

Laut Paritätischem durchzieht den Katalog ein plumpes Muster: »Teure individuelle Hilfen sollen durch billigere kollektive Angebote ersetzt werden, egal ob diese Angebote überhaupt existieren oder den Bedarf decken können.« Dazu kommt die Blindheit für die langfristigen Kosten fürs Gemeinwesen. »Dass junge Erwachsene ohne Nachbetreuung auf der Straße landen, dass befristete Hilfen mehr Bürokratie erzeugen, als sie einsparen: kein Thema«, schreibt die Wohlfahrtsorganisation in ihrer Bewertung des Konzeptpapiers. »Armut, Gewalt und psychische Erkrankungen als eigentliche Treiber steigender Fallzahlen: ebenfalls kein Thema.«

Auch in rechtlicher Hinsicht sind die Planspiele höchst fragwürdig. Zum Beispiel widerspricht die Abschaffung des gesetzlichen Anspruchs auf Schulbegleitung der Behindertenrechtskonvention der Vereinten Nationen, die für die BRD seit 2009 zumindest auf dem Papier bindend ist. Ferner verletzt die angedachte Unterbringung unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter ab 16 Jahren in Unterkünften für Erwachsene mit reduzierten Standards die UN-Kinderrechtskonvention. »Ein fatales Menschenbild«, offenbart der Vorgang aus Sicht des Sozialverbands Deutschland (SoVD). »Wer nicht der ›Merzschen Norm‹ entspricht, hat keine Solidarität mehr zu erwarten.«

→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 18.04.2026, Seite 5, Inland

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
→ Leserbriefe
  • Reinhard Hopp aus Berlin 18. Apr. 2026 um 00:29 Uhr
    Jetzt blöken die Schafe im ganzen Land. Dabei haben sie sich doch selbst ihre Schlächter vorher gewählt. Und was nun? Was tun?
  • Onlineabonnent*in Andreas E. aus S. 17. Apr. 2026 um 20:13 Uhr
    Ach, Reichinnek schimpft jetzt, aber die PDL war es doch, die diesen Kanzler und sein »Streichorchester« ganz schnell mit inthronisiert hat. Und mit ihrem Stimmverhalten verhindert hat, dass wenigstens geprüft wird, ob nicht doch eine wirkliche Opposition gegen Sozialabbau und Hochrüstung in diesen Bundestag einzieht. Diese Krokodilstränen sind so scheinheilig. Aber die Quittung wird kommen – das versichere ich euch da links außen im Plenarsaal. Da helfen auch keine Silberlocken und lustige TikTok-Videos. Und schon gar keine gemeinsamen Videos mit den kriegstreibenden Ricarda Lang von den Grünen und Rasha Nasr von der SPD. Es zeigt nur – ihr seid dort endgültig angekommen, wo euch Sahra Wagenknecht schon vor Jahren verortete – in der woken, abgehobenen Blase. Und ich sage es immer wieder, dass euer Haus in Berlin den Namen Karl Liebknechts trägt, ist wirklich zum Schämen. Die katholische Kirche würde es als Blasphemie bezeichnen.
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!