Zweckbündnisse
Von Jörg Kronauer
Wenigstens nördlich des Polarkreises herrscht noch business as usual: Den Eindruck konnte gewinnen, wer den Besuch von Bundeskanzler Friedrich Merz am Freitag in Norwegens hohem Norden in den Blick nahm. Erst eine Stippvisite am Andøya Space Port, von dem in Kürze eine deutsche Trägerrakete starten soll, dann ein Kurzbesuch beim NATO-Manöver Cold Response, einer Großübung mit 32.500 Soldaten, an der sich auch die Bundeswehr beteiligt. Business as usual heißt seit mehr als einem Jahrzehnt: Es geht gegen Russland, gerade auch in Skandinaviens Norden, von wo es nicht mehr allzu weit ist bis zu den Häfen der russischen Nordflotte mit ihren atomar bewaffneten U-Booten, einem zentralen Teil der russischen Zweitschlagskapazität. An der dortigen Küste müssen zudem russische U-Boote entlangfahren, sollen sie bis in den Nordatlantik vordringen, um die transatlantischen Nachschubwege zu stören. An Kriegsübungen in Norwegen beteiligt sich die Bundeswehr verstärkt seit rund zehn Jahren.
Inzwischen weitet sie ihre Aktivitäten auf den gesamten Nordatlantik aus, bis nach Kanada. Auch dabei geht es darum, russische Kriegsschiffe vom Meer zwischen Nordamerika und Europa fernzuhalten. Die enge Kooperation zwischen Deutschland, Norwegen und Kanada gewinnt an Bedeutung, seit die Vereinigten Staaten sich immer stärker auf ihren Machtkampf gegen China konzentrieren, und noch mehr, seit sie Anspruch auf Kanada und auf Grönland erheben. Hatte die Regierung in Ottawa einst darüber nachgedacht, ihre nächsten U-Boote womöglich in den USA zu erwerben, so ist das längst vom Tisch; statt dessen erwägt sie den Kauf der U-Boote, die Deutschland und Norwegen seit gut zehn Jahren für den gemeinsamen Kampf gegen Russland entwickeln. Daher traf sich Merz am Freitag am Rande des NATO-Manövers Cold Response mit Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre und mit Kanadas Premierminister Mark Carney – ein U-Boot-Auftrag aus Ottawa stärkte die deutsche Rüstungsindustrie.
Da allerdings endet auch das bisherige business as usual. Der Versuch, so rasch wie möglich Europas Rüstungsindustrie auszubauen, zielt darauf, sich von den USA abzunabeln. Das ist auch der Grund, weshalb nur wenige US-Soldaten zu Cold Response eingeladen wurden: Es geht für Europas NATO-Staaten darum, auch ohne die Vereinigten Staaten kriegsfähig zu sein. Die Trägerrakete des Startups Isar Aerospace übrigens, die recht bald in Andøya starten soll, soll Europa in die Unabhängigkeit von Elon Musks Space X führen. Und als ob all das nicht genug wäre: Auch der Iran-Krieg holt Merz in Norwegen ein. Kann das Land, wichtigster Gaslieferant der Bundesrepublik, nicht seine Lieferungen noch etwas aufstocken, um kriegsbedingte Ausfälle vom Persischen Golf zu ersetzen? Zuletzt hieß es in Oslo: Nein; die Pumpen arbeiteten längst schon am Anschlag, auch, um russisches Erdgas zu ersetzen. Die Zeiten, in denen wenigstens im hohen Norden irgendwie noch business as usual herrschte, sind längst vorbei.
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