-
28.04.2026
- → Ansichten
Menschenleerer Ort des Tages: Helmut-Kohl-Allee
Leute, die in Berlin eine Demo organisieren, wählen regelmäßig den Tiergarten als Schauplatz. Dadurch wird in den allermeisten Fällen allerdings nur sichergestellt, dass niemand von der Manifestation Notiz nimmt, denn dort wohnt kein Mensch. Das Publikum bilden – so wie am ähnlich beliebten Pariser Platz auf der anderen Seite des Brandenburger Tores – Touristen. Aus der Nachbarschaft des Bundeskanzleramtes und des Reichstagsgebäudes wird der falsche Schluss gezogen, der Tiergarten sei ein politischer Ort.
Allerdings ist das in einem Land, in dem es sowieso schier unvorstellbar ist, die Bevölkerung mit Demonstrationen direkt anzusprechen und auf die Straße zu holen, auch nur folgerichtig. So wie es folgerichtig ist, eine Straße im menschenleeren Tiergarten nach Helmut Kohl zu benennen. Der Kanzler der Einheit hatte für brodelnde Protestkundgebungen nichts übrig. Im Mai 1991 hat er im befreiten Halle sogar eigenhändig versucht, für Disziplin zu sorgen.
Fast auf den Tag genau 35 Jahre später wird nun im Mai die Hofjägerallee im Tiergarten in Helmut-Kohl-Allee umbenannt. Die Umbenennung »würdigt öffentlich sichtbar die historische Leistung des früheren Bundeskanzlers«, steht in einer Mitteilung der Senatskanzlei vom Montag. Eier werden hier auf absehbare Zeit keine fliegen, und wütende Ossis hat in diesem Winkel Westberlins noch nie jemand gesehen. Hier rollen, vom und zum Großen Stern, nur Autos.
Also alles gut? Bild, Fachblatt für den Kohl-Personenkult, ist nicht ganz zufrieden. Eine schnelle Umfrage in den relevanten Vorzimmern hat ans Licht gebracht, dass es für die »Festveranstaltung« prominente Absagen gibt: Bei Merkel lässt sich das »zeitlich nicht einrichten«, und Merz ist »auf Auslandsreise«. Offen ist auch, ob Kohls streitlustige Witwe anreist. Sie liegt mit der Stiftung »im Clinch« (Bild), die die Feierstunde ausrichtet. Nur der wahlkämpfende Regierende Bürgermeister und Tennisspieler Kai Wegner hat ausrichten lassen, dass er am Start ist (»Ich freue mich sehr«). Durchaus riskant: Der Mann zieht wütende Demonstranten an.
Du findest junge Welt Journalismus wichtig – aber ein Abo ist (noch) nichts für dich?
Dann unterstütze uns jetzt mit einer monatlichen oder einmaligen Spende – ganz unkompliziert, ohne Verpflichtung, aber mit großer Wirkung.
Werde Teil einer engagierten Community, die die Weltsicht der Herrschenden nicht übernimmt, sondern kritisch hinterfragt. Dein Beitrag hilft uns dabei.
Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?
Durchschnittliche Bewertung: 3,0
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.
Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!